Montag, 26. Oktober 2026

Nikolai Troest - Bingovinger

Jeg indrømmer, at jeg først måtte slå op, hvad »Bingovinger« betyder. »Vinkeflæsk« ligger tættere på »vinkearme«, som det hedder på tysk. Men derefter jeg vidste besked, kunne jeg koncentrere mig fuldt ud om Nikolai Troests nye novelle. Han forklarer for øvrigt begrebet i slutningen af historien. Jeg har læst Nikolai Troests tekster i årevis, og han formår gang på gang at overraske mig. Mens han ellers var kendt for dystopiske historier fulde af fantasi, skriver han på det seneste også om hverdagen og meget menneskelige emner.

I ”Bingovinger” møder vi således Jonna, der for tre år siden mistede sin mand og sin store kærlighed Aksel. Han var hendes alt, ”noget solidt”, og det var kærlighed ved første blik. Selvom hun gerne ville holde fast i ham for evigt (”Ham der slipper jeg for fanden aldrig igen”), måtte hun give slip på ham og kæmpe sig tilbage til livet efter en periode med intens sorg. Og (for mig som tysker ikke helt forståeligt) gør hun det med hjælp fra venner og bingo. Og hvad en halv gris i fryseposer har med det at gøre, må man selv læse. Apropos læsning. Bogen er, som man er vant til fra forfatteren, sprogligt meget smuk at læse, og historien går lige i hjertet. Måske især i mit, fordi jeg har mennesker i mit liv, der har haft lignende oplevelser som Jonna, men jeg tror, at alle kan leve sig ind i hovedpersonen. 

Derfor anbefaler jeg historien til alle, der i en tid præget af kunstig intelligens gerne vil læse menneskelige historier, skrevet af et rigtigt menneske om rigtige mennesker. På trods af alder, død og tab er det en historie om livet. Sjov, munter og alligevel dybt tankevækkende. Den handler om gamle venskaber, brudte venskaber og genoplivede venskaber, sorg og Toblerone. Og når livet byder på bingoaftener, er alt endnu ikke tabt!

Nikolai Troest - Dobbelt Delekærv

Noveller af Nikolai Troest er for mig altid som en overraskelsespose. Man ser omslaget og titlen og har ved første øjekast absolut ingen anelse om, hvad man kan forvente. Det samme gælder hans seneste værk »Dobbelt Delekærv«. 

Naturligvis stod jeg igen over for det problem, at dansk ikke er mit modersmål, for jeg kunne ikke forstå noget af det. Så jeg lod titlen være og koncentrerede mig om historien. Og den er så spændende, at jeg var fængslet fra første linje. Den er sjov, forvirrende og alligevel genial. Desuden kunne jeg genkende mig selv i nogle passager. »Cat lady« er blevet et skældsord på grund af udtalelser fra en ikke nærmere navngiven amerikansk politiker. Alligevel er Laila, hovedpersonen i novellen, en dame med masser af katte, 23 for at være præcis.

Og »at være præcis« er også det, resten af historien handler om. For Lailas liv uden for kattene består af tal og hvad man kan gøre med dem. Tælle, lægge sammen, multiplicere. Gentag. Hun er altid på jagt efter forklaringer. Finder hun dem i resultatet af multiplikationerne? Er svaret på alt i summen af de forskellige slags vådfoder til katte multipliceret med antallet af grydeskeer i hele verden? Måske. For at finde ud af det må man dog læse »Dobbelt Delekærv« og give sig i kast med den virkelig vilde historie.

Mange af os kender sikkert godt til det med at tælle. Jeg tæller for eksempel minutter og kilometer, når jeg dyrker sport, og nogle gange også skridt. Andre tæller fliser og fuger, huller i vejen eller hejrer i bækken. Jeg har ingen anelse om, hvad Nikolai Troest tæller. Sandsynligvis ordene, linjerne og siderne i sine værker. Det bør han også, for han satser ikke på kvantitet, men på kvalitet, og der er ikke et ord for meget eller for lidt. Sproglige set er historien derfor, som man ikke kunne forvente andet af forfatteren, en ren fornøjelse. Og derfor giver jeg, som man ikke kunne forvente andet af mig, ikke en læseanbefaling, men en opfordring. Køb den! Læs den! God læselyst.

Mittwoch, 30. September 2026

Frieden - Anders Lustgarten

„Frieden“ von Anders Lustgarten ist ein Buch, das mich ein bisschen zwiegespalten zurücklässt. Einerseits ist es ein erschreckend aktuelles und zum Nachdenken anregendes Buch, es ist sprachlich pointiert, bildreich erzählt und strotzt nur so vor absurden Situationen. Andererseits bin ich mir unsicher, ob Stil und Ansatz des Autors dem Thema gerecht werden. Nicht jede Krise kann man satirisch aufarbeiten. Oder sollte man speziell an politische Themen so herangehen, um die Menschen darauf aufmerksam zu machen, dass es zu jeder Geschichte immer mindestens zwei Seiten  gibt?

Aber von vorn.

Sieben Menschen schippern in einem kaum seetauglichen Ruderboot samt rostigem Außenborder von Frankreich aus auf die südenglische Küste zu, darunter drei Iraner und ein Senegalese, angeführt von einem Afghanen, der „schwört, dass er weiß, wie man übers Meer steuert.“ An der Küste werden sie von Menschen erwartet, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, „ihr Land vor den Flüchtlingen zu schützen“. Unter diesen selbsternannten „Patrioten“ sind auch zwei Polizisten, welch Ironie: einer von ihnen stammt aus einer polnischen Einwandererfamilie. Am nächsten Morgen ist Omar, einer der Flüchtlinge tot, die anderen in einem Asylcenter untergebracht. Krankenschwester Cherry findet die Leiche nach einer durchzechten Nacht, der Tote hat ein laminiertes Foto einer jungen Frau in der Hand. Cherry hat selbst ihren Sohn verloren und die Leiche erinnert sie so sehr an Liam, dass sie beschließt, die junge Frau auf dem Foto zu finden und Omar eine würdige Beerdigung zu ermöglichen. Gejagt von einem der Täter und unterstützt von vielen Wohlgesinnten macht sich Cherry mit der Leiche im Schlepptau auf die Suche nach der jungen Frau.

Lange habe ich mich an der Buch nicht herangetraut, jetzt habe ich es in einem Rutsch durchgelesen. Wenn man es erst einmal angefangen hat, entwickelt „Frieden“ einen eigenartigen Sog. Wer die aktuelle Politik eigentlich überall auf der Welt aufmerksam verfolgt, der kommt um das Thema „Flüchtlinge“ nicht herum. „Stop the boats“ war einer der Slogans im britischen Wahlkampf. Und genau darum geht es in „Frieden“. Selbsternannte Grenzschützer wollen ein kleines Boot zur Umkehr bewegen. Die jungen Männer, die darin sitzen, sind aber nicht bereit dazu, ihr Boot würde den Rückweg ganz sicher auch nicht mehr schaffen.

Anders Lustgarten erzählt die Geschichte aus allen möglichen Perspektiven. Er beschreibt die Sicht der Flüchtlinge und der „Patrioten“  genauso wie die von Cherry und ihrem Umfeld. Das gibt der Geschichte Schwung und natürlich dem Publikum den bestmöglichen Einblick in das, was die Charaktere an- und umtreibt. Die Sprache des Autors finde ich fantastisch. Er erzählt ausschweifend und bildhaft. Am Anfang dachte ich auch, es sei ein „ernsthafter“ Roman. Aber, wer Anders Lustgarten kennt (ich kannte ihn vorher nicht), der weiß wohl, dass er ein Fachmann für politische Satire ist. Daher war es vielleicht nur für mich eine Überraschung, dass das Buch ins komplett Absurde abrutscht und die Wendungen in der Geschichte vollkommen irrwitzig werden. Dabei hat das Buch ein Tempo drauf, das der Leserschaft den Atem nimmt, die Rasanz, mit der die Handlung um sich greift, bis mehr oder weniger „everybody and their dog“ involviert sind. Querlesen oder gar Seiten überblättern ist bei der Geschichte nicht möglich, selbst im kleinsten Absatz steht so viel drin, wenn man den nicht „ordentlich“ liest, hat man eventuell etwas Wichtiges verpasst.

Ich bin immer noch unschlüssig, ob diese Art der Aufarbeitung dem Thema gerecht wird. Rein konzeptionell ist das Buch eine Mischung aus Homers „Odyssee“ und „Ulysses“ von James Joyce, dazu eine Prise Absurditäten, die an Monty Python erinnern, daraus wird für mich ein Buch, das zu launig, zu aberwitzig und zu satirisch geschrieben ist, um als ernsthafte Auseinandersetzung wahrgenommen zu werden. Andererseits beleuchtet der Autor jeden Aspekt, der mit den Themen Flucht/Fluchtbekämpfung/Rassismus/Fremdenfeindlichkeit auch nur im Entferntesten zu tun hat. Die jungen Flüchtlinge auf der Suche nach dem Glück und der großen Liebe, die Einwanderin, die eigentlich Chemie studiert hat und jetzt nur noch einen Job als Putzfrau findet, die Familie, die einen der Ihren verloren hat und wo jeder anders und für sich trauert. Dazu die „Patrioten“, deren Anführer, aufgepeitscht von Hass, Machtgier und Amphetaminen und die Mitläufer, die einfach  nur dazugehören wollen. Von allen erfährt man die Hintergründe und „Gründe“ für ihre Radikalisierung.  

Trotz der Kritikpunkte habe ich das Buch bis zum Schluss verschlungen. Da der Schluss aber für mich komplett sinnfrei ist, ziehe ich einen Stern ab und vergebe vier Sterne.

Freitag, 18. September 2026

Schatten Eis - Anne Nørdby

„Schatten Eis“ ist der dritte Teil von Anne Nørdbys Serie rund um die Privatermittlerin und Superrecognizerin Marit Rauch Iversen. Dieses Mal ermittelt sie in einem ganz persönlichen Fall und erfährt mehr über ihre Familiengeschichte, als sie es sich jemals hätte träumen können. Ein Buch voller Brutalität und grönländischen Mythen.

Aber von vorn.

Svend Aage Vesterby wird brutal ermordet in seinem Haus aufgefunden. Wer hat dem 91-jährigen ehemaligen Lehrer eine Lobotomienadel ins Gehirn getrieben und ihn damit getötet? Und vor allem: warum? Hat es etwas damit zu tun, dass er als Sozialchef in Nuuk „ein richtig hohes Tier“ war? Oder damit, dass er von 1982 bis 93 unter der Regierung Schlüter als Bildungsminister im Folketing war? Anfangs tappen die Ermittler Kirsten Vinther und Jesper Jørn Bæk völlig im Dunkeln. Als dann aber August Iversen auf dieselbe Weise getötet wird, nehmen die Ermittlungen Fahrt auf. Iversen ist nicht nur ehemaliger Richter, sondern auch der Adoptivvater von Kirstens bester Freundin, der Superrecognizerin Marit Rauch Iversen. Daher bleibt diese bei den Ermittlungen außen vor, was dazu führt, dass die ehemalige Polizistin und jetzige Privatermittlerin ihre eigenen Nachforschungen anstellt. Kirsten und Jesper werden von ihrer Chefin Ann Katrine Therkildsen unter Druck gesetzt, diese steht wiederum gegenüber dem Justizminister in der Verantwortung, den Fall schnellstmöglich aufzuklären.

Allerdings sind die Ansätze der Ermittler komplett anders als die der Politik: während Kirsten und Jesper überzeugt sind, dass die Motive für die Morde in der Vergangenheit der Toten und in ihrer Beziehung zu Grönland zu finden sind, ist der Justizminister sicher, dass es sich um  Raubmorde handelt. Schließlich fehlt bei Vesterby ein altes grönländisches Kunstobjekt (ein „Anngiaq“, der Geist, der bösen Geheimnissen auf der Schliche ist) im Wert von 800.000 Dollar und bei Iversen eine grönländische Maske im Wert von 200.000 Dollar. Gründliche Ermittlungen zeigen aber, dass beide Oper vor ihrer Ermordung einen „Unheilsbringer“, einen sogenannten Tupilak in Form von toten Krähen, versehen mit Attributen ihrer Berufe erhalten haben. Handelt es sich dabei tatsächlich um „Hokuspokus“ und ein alter Fluch ist der Grund für die Morde? Oder steckt etwas Weltliches oder Politisches dahinter? Die vielversprechendste Spur führt zu einem ominösen grönländischen „Herrenclub“, zu dem beide Opfer gehört hatten. Marit ermittelt auf eigene Faust und findet Dinge über sich, ihre Herkunftsfamilie und ihre Adoptivfamilie heraus, die sie sich nie hätte vorstellen können und die ihre Sicht auf alles vollkommen verändern. Und während sie noch so vor sich hin ermittelt, passiert ein weiterer Mord und sie selbst erhält ebenfalls einen Tupilak

Dieses Buch geht weit über das eigentliche Thriller-Genre hinaus, denn die Autorin packt sehr viele aktuelle und politische Themen hinein. Kolonialismus und die hässlichen Nachwirkungen sind dabei etwas, was die Autorin aufgreift, Bei vielen der Kolonialverbrechen fehlt bis heute die lückenlose Aufarbeitung, ob es sich nun um illegale Adoptionen, rechtswidrig eingesetzte Spiralen oder andere grausame medizinische Eingriffe handelt. Natürlich darf auch der Bezug zur Drohung des amerikanischen Präsidenten, sich Grönland einzuverleiben, nicht fehlen.

Sprachlich ist das Buch so, wie ich es von der Autorin gewohnt bin. Die Atmosphäre ist spannungsgeladen und enorm düster, die grönländische Landschaft, die Mythen und der tief verwurzelte Aberglaube werden von Anne Nørdby sehr gut beschrieben. Auch die großen Probleme vieler Grönländer wie hohe Arbeitslosigkeit, hohe Alkoholikerquote, hohe Zahl an Suiziden usw. lässt sie nicht aus. Das Buch wirkt dadurch an manchen Stellen thematisch etwas überladen. Auch, was die Charaktere angeht, bin ich zwiegespalten. Dafür, dass es „Privatermittlerin Marit Rauch Iversen“-Krimi ist, spielen zu viele andere eine zu große Rolle. Das Privatleben von Kirsten Vinther mit ihrer Lebensgefährtin Mimi finde ich eher nebensächlich. Die Querelen zwischen Kirsten und Jesper auf der einen und Ebert Clausen auf der anderen sind zwar vermutlich realistisch, hätte man sich in diesem Umfang aber auch sparen können. Überhaupt finde ich die Charaktere weitgehend wenig gelungen ausgearbeitet. Marit besticht durch Trotzhandlungen, Kirsten ist eher blass und Jesper agiert in vielem wie ein verknallter Pennäler.

Was die Spannung angeht, bin ich von dem Buch begeistert, der Spannungsbogen ist konstant hoch. Die Auflösung des Falls hingegen finde ich zu banal und hat mich enttäuscht. Da das Buch aber mit einem Cliffhanger endet, gehe ich davon aus, dass es einen weiteren Teil der Reihe geben wird, was mich sehr freuen würde.

Von mir gibt es trotz einiger Schwächen für dieses Buch fünf Sterne.

Opfer, die wir bringen - Roman Voosen/Kerstin Signe Danielsson

„Opfer, die wir bringen“ ist der dritte Teil der „Ein Fall für Svea Karhuu und Jon Nordh“-Krimiserie von Roman Voosen/Kerstin Signe Danielsson. Ich kenne die ersten beiden Teile auch und bezeichne mich inzwischen als Fan der Reihe. Das Autorenduo serviert der Leserschaft gut durchdachte Geschichten mit spannendem Plot und spannungsgeladenen Konstellationen zwischen den Ermittelnden. 

Aber von vorn.

Drei Teenager-Mädchen werden erschossen in ihren Zimmern aufgefunden. Alle drei lebten in einer Art Aussteigerkommune in Südschweden, ohne Smartphone und Fernseher, abseits von Mainstream, dafür mit anthroposophischer Lebenseinstellung, bio-dynamischem Landbau und teils extremen Ansichten. Die Ermittlungen von Jon Nordh und Svea Karhuu zeigen schnell, dass auch bei dieser Art der Lebensführung nicht alles so harmonisch ist, wie die Bewohnenden das gerne hätten. Die Jugendlichen der Gemeinschaft wurden in der Schule gemobbt, gesundheitliche Probleme wurden „alternativmedizinisch behandelt“ und Henry, der Vater eines der Opfer wurde wegen seiner psychischen Probleme der Gemeinschaft verwiesen. Nachforschungen ergeben, dass der 17jährige Melker, ebenfalls ein Bewohner der Kommune und Freund der drei toten Mädchen, vermisst wird. Ist er der Täter oder ein weiteres Opfer? Svea und Jon ermitteln fieberhaft in alle Richtungen,  

Uff. Da haben Roman Voosen und Kerstin Signe Danielsson wieder mal eine Menge Themen in ihren Krimi gepackt. Unter anderem schreiben sie über eine Aussteiger-Community mit Hang zu Esoterik und Schwurbel, ein Schamane, rassistisches und eugenisches Gedankengut, dazu drei tote Mädchen, die sich mit Problemen wie Ess-Störung und Selbstverletzung plagten. 

Ich bin ein großer Fan von „unbequemen“ Ermittlern, daher können sowohl Jon Nordh als auch Svea Karhuu bei mir punkten. Schön finde ich, ihre charakterliche Entwicklung seit dem ersten Teil der Reihe mitverfolgen zu können, vor allem in Puncto Teamwork haben sich beide sehr gesteigert, was sich auch im Umgang mit ihren Kollegen Anna Wallgren und Henning Stöcker zeigt. Die beiden sind inzwischen nicht mehr „die Muppets“, sondern geschätzte Teile des Teams. Natürlich haben die Ermittelnden auch ein Privatleben. Jon leidet nach wie vor unter dem Unfalltod seiner Frau, sein Verhältnis zu seinen Kindern ist wechselhaft, vor allem zu seiner Tochter hat er immer weniger Zugang. Er ermittelt auch weiter zu dem inzwischen zwei Jahre zurückliegenden Unfall, kommt aber nicht weiter. In Sveas Leben tut sich ebenfalls einiges, denn ihr Freund Kristoffer will zu ihr nach Malmö ziehen, dazu plagt sie die Angst vor ihrem ehemaligen Chef. Der Spagat zwischen komplex und thematisch überladen gelingt dem Autoren-Duo dieses Mal meiner Meinung nach nur deshalb, weil viele der Themen in sich zusammenhängen. Vor allem die Anthroposophie bringt  sehr viele Nebenthemen mit sich, wie beispielsweise Impfgegnerschaft, „biodynamischen Landbau“ durch mit Kristallen und Dung gefüllte Kuhhörner, Kritik an den Covid-Maßnahmen und Ablehnung der evidenzbasierten Medizin zugunsten eines dubiosen Heilpraktikers. So bleibt alles trotz der Vielzahl an „Baustellen“ in sich stimmig.

Die Geschichte ist spannend, der Spannungsbogen konstant hoch, die falschen Fährten, auf die das Autoren-Duo die Leserschaft führt, sind clever konzipiert und Charaktere, Landschaften und Atmosphäre hervorragend beschrieben. Dieses Mal führen die Ermittlungen Jon und Svea nach Schonen, aber auch weit in den Norden Schwedens zu den samischen Ureinwohnern. Das Buch bietet bis zum schlüssigen Ende und dem fulminanten Cliffhanger nach drei Epilogen alles, was das Leserherz sich wünschen kann. Erzählt wird überwiegend aus Sicht eines außenstehenden Erzählers, der immer nur so viel weiß, wie das Publikum. Allerdings gibt es einige eingeschobene Kapitel aus Sicht eines Ich-Erzählers, sie stammen aus dem Tagebuch eines der toten Mädchen.

„Opfer, die wir bringen“ ist das dritte Buch einer Reihe, man kann es aber problemlos ohne Vorkenntnisse lesen, alles Wichtige wird im Lauf der Geschichte aufgegriffen. Allerdings empfehle ich allen, die gut konzipierte, spannende Krimis, Nordic Noir und Ermittler mit Ecken und Kanten mögen, auch die beiden anderen Teile der Serie zu lesen. Es lohnt sich!

Von mir gibt es für dieses Buch die volle Punktzahl. 


Samstag, 22. August 2026

Zerbrochene Stille - Arnaldur Indriðason

„Zerbrochene Stille“ heißt Arnaldur Indriðasons sechster Roman um den ehemaligen Kommissar Konráð. Dieser versucht nach wie vor, den jahrzehntelang zurückliegenden Mord an seinem Vater Seppi aufzuklären, der Weg zur Lösung dieses Falls führt ihn aber wie immer über Ermittlungen in anderen Verbrechen. Dieses Mal unterstützt er die Polizei bei der Aufklärung eines Mordfalls, der ihn tief in die isländische Geschichte des kalten Krieges eintauchen lässt.

Aber von vorn.

Im Hafravatn, einem See in der Nähe von Reykjavík, wird ein Tourist tot aufgefunden, offenbar wurde er ermordet. Erste Ermittlungen ergeben, dass er zwar als Urlauber in der Gegend war, er war aber ursprünglich in Island geboren und aufgewachsen und in den 1980ern nach Norwegen ausgewandert. Vor seiner Auswanderung hatte er zusammen mit einem Freund eine chemische Reinigung betrieben; dieser Freund verschwand 1983 spurlos. Parallel zu diesem Todesfall beschäftigt Konráð immer noch der „Fall Skafti“, ein Vermisstenfall aus den 1970ern. Vor einigen Wochen (am Ende des fünften Teils der Serie „Dunkles Versteck“) waren Skaftis sterbliche Überreste gefunden worden und die Nachforschungen in dem gut 50 Jahre alten Fall hatten „Polizei und Justiz erschüttert“. Konráð und sein Freund und ehemaliger Kollege Leó hatten seinerzeit wegen Skaftis Verschwinden offenbar einen Unschuldigen ins Gefängnis gebracht. Leó hatte damals das falsche Geständnis erwirkt, außerdem weiß Konráð inzwischen, dass seine verstorbene Frau Erna ihn mit Leó betrogen hat. Das alles belastet die Freundschaft zwischen den beiden sehr. Zudem beschäftigt Konráð auch immer noch der nach wie vor unaufgeklärte Mord an seinem Vater. Könnte es sein, dass die Fälle alle zusammenhängen?

Dieses Mal hat Arnaldur Indriðason seinen Mordfall als Aufhänger benutzt, sich näher mit dem kalten Krieg in Island zu befassen. Inwieweit die Fakten dazu stimmen, kann ich nur beurteilen, aber ich bin mir sicher, der Autor hat gründlich zum Thema recherchiert. Wirklich begeistert hat mich aber auch bei diesem Buch wieder der Schreibstil. Er passt einfach zu Konráð, denn auch er wirkt etwas unnahbar, ein bisschen verworren, aber ruhig, sachlich und stur. Er ist ein Einzelgänger und inzwischen wohl endgültig getrennt von seiner ehemaligen Lebensgefährtin Svanhildur, diese wird im ganzen Buch nicht einmal erwähnt. Dafür gibt es ein Wiedersehen mit seiner Freundin, dem Medium Eygló.

Bemerkenswert an der Krimiserie finde ich, dass der Autor eine unfassbar komplexe Geschichte über mehrere Teile weiterspinnt und seinen Protagonisten Konráð praktisch als „Beifang“ andere Fälle lösen lässt. Er verwebt verschiedene Erzählebenen, unterschiedliche Zeitebenen und vollkommen verschiedene Leben miteinander und schafft es dennoch, alles zu einem stimmigen Schluss zu bringen. Vorläufig. Denn Konráðs großes Ziel ist die Aufklärung des Mordes an seinem Vater. Dem kommt er zwar stetig näher, aber da ist noch kein richtiges Ende in Sicht. Frei nach dem Motto „mühsam ernährt sich das Eichhörnchen“ hangelt Konráð sich von Verdächtigem zu Verdächtigem und nicht nur er verliert manchmal den Überblick, wer Freund und wer Feind ist.

Um den Überblick zu behalten, empfiehlt es sich auch nicht, ohne Vorkenntnisse in die Serie einzusteigen. Das Buch ist der sechste Teil der Reihe und ich finde, man sollte sie wirklich alle in der richtigen Reihenfolge lesen. Ich habe mit Band drei angefangen und schon da war es nicht einfach, den roten Faden aufzunehmen. So viele Namen, so viele Ereignisse – da verliert man sehr leicht den Über- und Durchblick. Wer sich die Mühe machen möchte, der kann am besten ein Personenregister anlegen und die Zusammenhänge aufdröseln, das ist auch angesichts der (für mich zumindest) sehr ungewohnten isländischen Namen eine gute Idee.

Die anderen Teile der Serie sind schon eher latent spannend, aber dieses Werk ist mehr ein Roman über den Kalten Krieg, größere und kleinere Gauner und Verbrecher, Zwistigkeiten in Familien und zwischen Freunden. Der Spannungsbogen ist flach, dafür gibt es enorm viele verwirrende Sprünge vor und zurück in der Zeitlinie. Wer einen aufregenden Krimi erwartet, wird bei dem Buch vermutlich trotz des wirklich guten Schreibstils und der hervorragenden Übersetzung enttäuscht sein. Die Geschichte ist anspruchsvoll und vielschichtig und es dauert bis kurz vor Schluss, bis man endlich weiß, wie der Prolog und das erste Kapitel mit dem Rest zusammenhängen.

Von mir gibt es vier Sterne und eine Lese-Empfehlung an alle, die den Autor mögen und die Serie weiterverfolgen möchten.  

Schwüre, die wir brechen - Roman Voosen/Kerstin Signe Danielsson

„Schwüre, die wir brechen“ ist der zweite Teil der „Ein Fall für Svea Karhuu und Jon Nordh“-Krimiserie von Roman Voosen/Kerstin Signe Danielsson. Ich hatte den ersten Teil „Tode, die wir sterben“ schon gelesen und er hatte mir sehr gut gefallen. Dieses Buch fand ich um einiges schwächer, aber trotzdem gut zu lesen.

Aber von vorn.

Das Ermittler-Duo Jon Nordh und Svea Karhuu hat sich inzwischen zusammengerauft. Nach dem erfolgreichen Abschluss ihres ersten gemeinsamen Falls (nachzulesen in „Tode, die wir sterben“) kann man den kauzigen Witwer und alleinerziehenden Vater und die strafversetzte Kollegin, die seinerzeit die Polizeischule als Jahrgangsbeste abgeschlossen hat, als Team betrachten. Neben ihrem aufreibenden Job haben beide nach wie vor mit privaten Problemen zu kämpfen. Der Fall, mit dem sie es dieses Mal zu tun haben, hat es in sich. Er fängt damit an, dass in einem Boot auf einem Malmöer Kanal eine männliche Leiche gefunden wird. Das an sich ist noch nicht spektakulär, schließlich sind die beiden Ermittler bei der Mordkommission. Allerdings wurde dem Opfer das Herz entfernt, dazu wurde dem Mann der eigene Kopf abgetrennt und ihm stattdessen ein Krokodilkopf angenäht. Jon wird von Svea und der Chefin Nora Mellander dazu gedrängt, die Ermittlungen aufzunehmen. Letztere ködert ihn damit, dass er dann endlich die Ermittlungsakte zu dem Unfall bekommt, bei dem seine Frau vor geraumer Zeit zusammen mit seinem ehemaligen Partner Calle ums Leben gekommen ist. Und während die Ermittler noch eher plan- und ziellos arbeiten, wird eine zweite Leiche gefunden, dieser wurde der Kopf eines Falken angenäht. Auffällig an dieser Leiche ist aber auch, dass sie über und über mit Zeichen bedeckt war, die an ägyptische Hieroglyphen erinnern. Wegen dieses Fundes schauen sich die Ermittler den ersten Mord noch einmal genauer an, Überraschung: Auch im Umfeld des ersten Opfers sind solche Zeichen zu finden. Ist es tatsächlich ein Serienmörder, der in Malmö sein Unwesen treibt? Und falls ja, was ist sein Motiv?

Nachdem ich „Tode, die wir sterben“ mit großer Begeisterung gelesen habe, habe ich mich auf die Lektüre von „Schwüre, die wir brechen“ sehr gefreut. Hundertprozentig überzeugt hat mich das Buch allerdings nicht. Zwar fand ich es sehr spannend und auch stilistisch gut zu lesen, die Idee hinter dem Buch hat mich aber nicht wirklich abgeholt. Die ägyptischen Zeichen waren für mich bis zuletzt ein eher überflüssiges Element, ohne das das Buch vermutlich auch sehr gut ausgekommen wäre. Ja, es wird am Schluss geklärt, was hinter allem steckt, aber auch diese Erklärung finde ich ein wenig mager.

Abgesehen davon ist das Buch gut geschrieben. Es ist spannend und sprachlich bodenständig, aber das Konzept ist nicht ganz so stimmig wie im ersten Band der Reihe. Auch da dauerte es lang, bis klarwurde, wie der Prolog und die eingeschobenen Kapitel zum „großen Ganzen“ des Buchs passen, aber bei „Schwüre, die wir brechen“, dauert es meiner Meinung nach zu lang und mit jedem Exkurs zu einem ominösen Peter wurde meine Verwirrung größer und damit leider auch meine Frustration. Die „Ausflüge“ sind zwar interessant, vor allem sein Leben in der chilenischen Colonia Dignidad, aber was sie im Endeffekt zum Krimi beitragen, bleibt für mich zu lange unklar. 

Die Ausarbeitung der Charaktere finde ich hingegen wirklich gut. Svea Karhuu und Jon Nordh fand ich im ersten Teil schon sehr gut beschrieben, die beiden baut das Autoren-Duo weiter aus. Jon versucht immer noch Kinder, die privaten Ermittlungen zum Unfalltod seiner Frau und seine Arbeit unter einen Hut zu bekommen, was ihm eher schlecht als recht gelingt. Svea hat ebenfalls eine private Ermittlung am Laufen, sie wird anonym bedroht und versucht mithilfe ihre Vaters herauszufinden, von wem. Leider verrennen sich beide in ihren privaten Ermittlungen und sehen vieles (zumindest für die Leserschaft) Offensichtliches nicht. Interessant finde ich aber bei beiden, dass sie sich als Ermittlerduo zusammengefunden haben und sich eher auf Augenhöhe begegnen. Selbst die Kollegen Wallgren und Stöcker (in Anlehnung an Walldorf und Stattler „die Muppets“ genannt) werden von ihnen mehr mit Wohlwollen bedacht als im ersten Teil der Reihe, wobei mich Wallgrens zwanghaftes Kichern in den unpassendsten Augenblicken gründlich nervt.

Insgesamt ist es für mich ein solider Krimi, dem allerdings das Skandinavische fehlt, er könnte meiner Meinung nach genauso gut in Wanne-Eickel spielen. Der Spannungsbogen sieht ein bisschen wie eine Sinuskurve aus, manchmal sehr hoch und manchmal ist er nicht vorhanden. Alles in allem würde ich sagen, dass das Autoren-Duo die Geschichte ein wenig überladen hat, was der Spannung abträglich war. Die ägyptische Komponente, der wirklich grausame Mörder, die Erfahrungen von Peter in der Colonia Dignidad UND dann noch die privaten Baustellen der Ermittler – das alles zusammen war einfach ein bisschen zu viel und der Schluss ein bisschen unbefriedigend. Deshalb kommt das Buch für mich über ein „solide“ und „unterhaltsam“ nicht hinaus und bekommt von mir 3,5 Sterne, aufgerundet auf 4.