Montag, 19. Januar 2026

Geht's noch? Betrachtungen eines Überforderten - Simon Schwarz und Ursel Nendzig

Dass Simon Schwarz sehr viel mehr ist, als der Rudi Birkenberger im „Eberhofer-Krimi“ beweist er unter anderem mit seinem Buch „Geht’s noch? Betrachtungen eines Überforderten“. Das Buch hat es in sich. Es ist nämlich auch viel mehr als eine Autobiografie. Geschrieben hat er es mit Hilfe von Ursel Nendzig. Herausgekommen ist ein gut zu lesendes und interessantes Werk, bei dem ich mich in sehr vielen Teilen wiedergefunden habe.

Aber von vorn.

Simon Schwarz, Jahrgang 1971, wuchs in einer für seine Zeit ungewöhnlichen Familie auf. Während sein Vater studierter Theaterwissenschaftler war, der beim ORF als Redakteur arbeitete, war seine Mutter studierte Germanistin und Aktivistin. Umweltaktivistin. Daher hatte er eine andere Kindheit als seine Klassenkameraden und Freunde, geprägt von biologisch angebauten Lebensmitteln, selbstgebackenem Brot und Demonstrationen unter anderem gegen Atomkraft und für den Erhalt der Hainburger Au. Er selbst kämpfte sich durch die Pflichtschuljahre, die ihm aufgrund einer nicht diagnostizierten ADHS schwer fielen. Danach ging er mit gerade mal 16 Jahren an eine Schule für Tanztheater in die Schweiz. „Ich wäre bestimmt ein guter Handwerker geworden“, sagt er heute über seinen Bildungsweg. Nun gut, Schauspielerei ist eine Art Handwerk, „Ich bin in alles so hineingerutscht, hatte wohl die nötige Begabung, den Zufall, das Glück und Eltern, die mir alles ermöglicht haben, auf meiner Seite.“ Er habe sich oft neben Kollegen mit Matura und Studium minderwertig gefühlt, „Bis ich angefangen habe zu denken – und mir aufgegangen ist, wie dumm das ist. Bis mir klar wurde, dass Menschen, die eine höhere Bildung erworben haben und die Gelegenheit hatten, viele Fremdwörter auswendig zu lernen, noch lange nicht intelligenter sind.“

Heute ist er ein beliebter Schauspieler und Kabarettist und der (Umwelt)Aktivismus scheint Teil seiner DNA zu sein, die er auch an seine ältere Tochter weitervererbt hat. Er ist quasi „eingezwickt zwischen zwei Generationen von Aktivistinnen“ – seine Mutter als wahre Vorreiterin der Umweltbewegung auf der einen Seite und seine ältere Tochter, die Geografische Wissenschaften studiert hat und ihren Master in Umweltwissenschaften macht, auf der anderen. „Drei Generationen. Ein halbes Jahrhundert, in dem das Thema immer da war. Ein halbes Jahrhundert, in dem sich eigentlich nichts verändert hat.“ Und wie so viele fragt er sich, warum sich nichts geändert hat, und er fragt sich natürlich „Geht’s noch?“.

Er selbst lebt das, was neudeutsch „underconsumption“ heißt schon sein ganzes Leben und versucht, in seinem Buch seine Beweggründe zu erklären. Dass man auch mit wenig Konsum leben kann, zeigt er deutlich und auch, dass man langfristig denken sollte, auf jeden Fall weiter als von der Tapete bis zur Wand. Dabei ist er weniger laut und polemisch, sondern ruhig und sachlich, er denkt eindeutig nicht quer, sondern geradlinig, was für einen ADHSler eine echte Leistung ist (das ist jetzt kein ADHS-Bashing, ich weiß, wovon ich schreibe). „Wir alle, Simon, wir alle“, dachte ich an vielen Stellen. Er spricht eine Menge aktuelle Themen an, auch solche, die viele gern ignorieren. Zweifelhafte Influencer, Gleichstellung von Frauen (Gleichberechtigung bei der Vergabe von Jobs, Bezahlung und die Anerkennung der unbezahlten Care-Arbeit als „echte Arbeit“) und natürlich kommt er so gut wie immer auf das Thema Umweltschutz zurück. Dabei predigt Schwarz nie, er gibt Denkanstöße und fordert zum Selbstdenken auf.

Sprachlich ist das Buch geradlinig und bodenständig, aufgeschrieben und vermutlich auch „bereinigt“ von Ursel Nendzig. Ich habe die 14 Kapitel gern gelesen, es hat mir viel Spaß gemacht, den Menschen hinter dem Schauspieler ein bisschen besser kennenzulernen. An vielen Stellen musste ich schmunzeln, weil so vieles in seiner Kindheit meiner gleicht. Auch bei uns wurde Nachhaltigkeit gelebt, ohne dass wir einen Namen dafür hatten.

Ich empfehle die Lektüre allen, die Simon Schwarz gern im Fernsehen oder auf der Bühne sehen, aber auch allen, denen die Umwelt und Gesellschaft am Herzen liegen. Von mir fünf Sterne.

Kampf und Sehnsucht in der Mitte der Gesellschaft - Stephan Anpalagan

Eigentlich wollte ich Stephan Anpalagans Buch „Kampf und Sehnsucht in der Mitte der Gesellschaft“ schon vor zwei Jahren gelesen haben. Und je länger es auf meinem „Noch zu lesen“ Bücherstapel lag, desto schwerer wurde es. Angesichts der aktuellen politischen Lage bereitete mir das Buch fast körperliche Schmerzen – und wenn mir das Lesen schon so schwer fällt, wie mag es sich für die Menschen erst anfühlen, über die der Autor schreibt?

Stephan Anpalagan schreibt schonungslos darüber, was es heißt, in Deutschland Migrant*in zu sein oder einen Migrationshintergrund zu haben. Ich selbst bin in den 1970er-Jahren aufgewachsen, zusammen mit den ersten Kindern „mit Migrationshintergrund“, die damals natürlich noch nicht so genannt wurden. Eigentlich hätte damit eine Gesellschaft entstehen können, in der das Miteinander gelebt wird, einfach, weil man zusammen aufgewachsen ist. Aber dass das nicht so ist, zeigt der Autor ganz deutlich.

Er schreibt über die „Mitte der Gesellschaft“ oder die Verschiebung der Mitte der Gesellschaft. „Als Deutsche inmitten der Coronapandemie aufgefordert werden, Maske zu tragen, Abstand zu halten und Hände zu waschen, führen die Infektionsschutzmaßnahmen zu einer derart aufgeheizten Stimmung im Land, dass Menschen aus der Mitte der Gesellschaft den Schulterschluss mit Rechtsextremisten üben.“ Quo vadis, Mitte? – fragt man sich da bei der Lektüre. Gibt es bald nur noch Extreme in beiden Richtungen und keine Mitte mehr? 

Die Sprache von Stephan Anpalagan ist angenehm und des Themas angemessen. Er schreibt sehr sachlich und analytisch, was angesichts der Tatsache, dass er von dem Thema betroffen ist, bemerkenswert ist. Aber man erkennt, wie wichtig ihm das Thema ist und dass er tief aus seinem Herzen schreibt. Er ist Sohn tamilischer Eltern, Theologe und ist eine wichtige Stimme gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit. 

Das Buch ist aus dem Jahr 2023, entstand also lang vor der unseligen „Stadtbild“-Aussage von Friedrich Merz. Der Autor zeigt, dass die Probleme mehr in Fachkräfte- und Arbeitskräftemangel liegen, denn im Stadtbild, und wie sehr alle  möglichen „-ismen“ (Rassismus und Populismus, um nur zwei davon zu nennen) in der Gesellschaft fest verankert sind. Er schreibt darüber, dass Menschen sinngemäß in „nützlich“ und „weniger nützlich“ kategorisiert werden. Solange ein Fußballspieler Tore schießt, sind viele „farbenblind“, sollte er das nicht tun, dann ist er ein Problem. 

Es ist ein wichtiges Buch, eines das nachdenklich macht und nachhallt. Allerdings ist es angesichts des Wandels in der Weltpolitik für mich schwere Kost gewesen. Aber der letzte Abschnitt gibt Hoffnung, darauf, dass die „eigentliche Mitte der Gesellschaft“ nicht allein dasteht mit ihren Ansichten. „Es ist bei alledem ein gutes Land. Das einzige, was wir haben. Wir sollten es nicht verloren geben. Wir können es gemeinsam gestalten. Gemeinsam. Miteinander. Wir können einander Liebe und Zugehörigkeit zugestehen. Das wäre ein Lichtblick.“

Von mir fünf Sterne.


Donnerstag, 8. Januar 2026

Kein schöner Land - Peter Jordan

Peter Jordans Buch „Kein schöner Land“ ist kein Roman, sondern ein Essay mit 160 Seiten. Ich habe die Ausführungen des Autors sehr gern gelesen, er hat einen angenehmen Stil und seine Gedankengänge fand ich interessant, wenn sie auch für mich nicht immer ganz nachvollziehbar waren.

„Kein schöner Land in dieser Zeit“ – dieses bekannte Volkslied, das sein kleiner Sohn eines Abends mit ihm singen möchte, löste bei Peter Jordan eine wahre Gedankenflut aus. Er ordnet die deutsche Geschichte nach 1933, den zweiten Weltkrieg und die Zeit danach in sein eigenes Leben ein. Wie so viele wuchs auch er mit einem Vater auf, der Soldat gewesen war, sein Onkel Paul kam nicht aus dem Krieg zurück, Onkel Bruno überlebte eher durch Zufall. Er selbst spielte in einigen Filmen Nazis, zuletzt Karl Dönitz in „Nürnberg“. Und er sucht Identität. Denn er hat das Gefühl, dass ihm (und nicht nur ihm) die deutsche Kultur abhandengekommen ist. Soweit kann ich mit dem Buch mitgehen. Denn auch meine Generation (ich bin ziemlich genau zehn Jahre jünger als Peter Jordan) hat lieber englischsprachige Musik gehört, wobei zu meiner „Sturm und Drang Zeit“ deutsche Musik langsam wieder aufkam. Zu seiner Zeit war das deutsche Liedgut verstaubt, altbacken und eventuell negativ konnotiert, zu meiner Zeit war es „einfach nicht mein Ding“, mit deutscher Literatur ergeht es mir ähnlich.

Sein Essay fand ich gut, flüssig geschrieben und interessant zu lesen. Beinahe hätte ich es gar nicht erst gelesen, weil ich den Klappentext so pathetisch fand. Zum Glück ist das Buch ganz anders. „Peter Jordan sagt von sich selbst, es gebe keinen Tag, an dem er nicht an Krieg und Shoah denke.“ – die Aussage finde ich ein bisschen drüber. Natürlich ist Krieg angesichts so vieler Konflikte weltweit ein alltägliches Thema, manchmal ploppt auch in meinem Geist der Gedanke an die Rolle meiner (Ur)Großeltern im zweiten Weltkrieg hoch. Tatsächlich habe ich im Nachhall der Lektüre von „Kein schöner Land“ in den Wehrmachts-Archiven nach den Namen meiner Verwandten gesucht. Als trans Mensch ist da alles in meinem Leben natürlich präsent, aber ich kann nicht von mir behaupten, dass kein Tag vergeht, an dem ich nicht daran denke. Sorry.

Abgesehen davon ist das Buch ehrlich und schonungslos, und das hat mich sehr beeindruckt. Peter Jordan analysiert mit spitzen Bleistift und dadurch wird das Buch sehr intensiv und regt zum Nachdenken und Reflektieren über die eigene Familiengeschichte und die eigene Haltung zu dem angesprochenen Thema an. Ein bedrückendes Buch, das heute, wo Patriotismus zunehmend von extremistischen Kräften gekapert wird, eventuell wichtiger ist, denn je.

Von mir fünf Sterne.

Montag, 29. Dezember 2025

Knochenkälte - Simon Beckett

 David Hunter ist endlich zurück! Das Warten auf seinem siebten Fall in Simon Becketts neuem Thriller „Knochenkälte“ hat sich absolut gelohnt. Ich fand das Buch spannend und gut konzipiert. Für mich passte einfach alles: der Fall, die Umgebung, die Charaktere. Mich hat das Buch gefesselt und begeistert. 

Aber von vorn.

Dr. David Hunter ist auf dem Weg, um die Polizei in Carlisle bei einem Fall zu unterstützen. Um einen Stau auf der Autobahn zu umfahren, verlässt er die geplante Route und findet sich plötzlich irgendwo im Nirgendwo wieder. Besser gesagt, er landet in Edendale, einem abgelegenen Dorf in den Cumbrian Mountains. „Es gibt nur einen Weg rein und raus, und auf dem sind Sie gerade gekommen.“, erfährt Hunter im örtlichen Pub. Und nach einem nächtlichen Unwetter ist auch diese Straße nicht mehr passierbar und der forensische Anthropologe sitzt fest. Zum Glück findet er Unterkunft in einem ehemaligen Hotel, aber er merkt schnell, dass in dem Ort einiges nicht stimmt. Mit der Unfreundlichkeit der Einheimischen kann er sich arrangieren, aber dann findet er auf der Suche nach einem Mobilfunknetz ein in eine Baumwurzel eingewachsenes Skelett. Jeder im Dorf scheint etwas zu verheimlichen und David Hunter scheint in die Fehde zwischen zwei verfeindete Familien zu geraten. 

Ach, wie hab ich David Hunter vermisst. Seit „Die Chemie des Todes“ bin ich ein großer Fan des forensischen Anthropologen und auch in seinem siebten Fall wurde ich nicht enttäuscht. Zwar kam die Geschichte erst etwas langsam in Fahrt, aber als die Atmosphäre immer düsterer wurde, die Charaktere immer undurchsichtiger und die Geschichte immer verworrener, da hat mich das Buch gepackt und bis zum Ende nicht mehr losgelassen. Neu-deutsch heißt diese Art Thriller wohl „locked-in“, da merke ich dann wieder mal, dass ich langsam älter werde. Für mich war es halt einfach ein Thriller mit klaustrophobischer Grundstimmung, bedrückender Atmosphäre und reichlich unsympathischen Charakteren. 

Simon Beckett tastet sich langsam an seine Geschichte heran und steigert sich dann rasch. Anfangs sind die Menschen nur feindselig und das Wetter ist verregnet. Nach und nach werden die Menschen latent aggressiv und es beginnt zu schneien, was in offenen Bedrohungen, Gewalt und einem Sturm gipfelt. Die Verschlossenheit und Ablehnung der Dorfbewohner gegenüber David Hunter geht weit über das Misstrauen gegenüber Fremden hinaus. Die Düsternis in allen Bereichen hat mir sehr gut gefallen. Charaktere und Landschaft sind bildhaft beschrieben und ich habe mir nicht nur alles gut vorstellen können, sondern auch mitgefühlt und mitgefiebert. David Hunters Entwicklung seit dem ersten Band der Reihe ist deutlich zu sehen, sein Charakter ist natürlich der am ausführlichsten beschriebene. Aber auch die anderen haben jeder sehr spezielle Eigenschaften und Merkmale, wobei das deutlichste Merkmal ist, dass jeder mindestens ein Geheimnis mit sich herumträgt. Die Abgeschiedenheit des Dorfes bemerkt man natürlich auch daran, dass alle irgendwie miteinander zu verwandt zu sein scheinen.

Für mich hat sich das Warten auf „den neuen David Hunter“ absolut gelohnt. Man kann ihn sehr gut ohne Vorkenntnisse lesen, aber natürlich sind die anderen Teile der Serie lesenswert. Die wenigen Dinge, die man aus den Vorgängern wissen muss, werden im Verlauf von „Knochenkälte“ erklärt und ein paar aus den anderen Büchern übrig gebliebene Fragen werden beantwortet (Stichwort: Brief in der Jackentasche). Von mir gibt es eine klare Lese-Empfehlung und fünf Sterne. 

 


Montag, 15. Dezember 2025

Wir sehen uns wieder am Meer - Trude Teige

Nachdem ich die ersten beiden Teile von Trude Teiges Trilogie gelesen hatte, war klar, dass ich auch den letzten Band lesen würde. Leider war „Wir sehen uns wieder am Meer“ für mich eher enttäuschend. Zwar verpackt die Autorin wie auch in „Als Großmutter im Regen tanzte“ und „Und Großvater atmete mit den Wellen“ Geschichte in Geschichten, aber persönlichen Schicksale in diesem Buch fand ich schwach und zu episodenhaft. Punkten konnte dieser Teil der Serie nur durch den historischen Hintergrund, der wie üblich gut recherchiert und sehr interessant war.

Aber von vorn.

Das Freundinnen-Dreiergespann Birgit, Tekla und Anneliese geht mit der Besetzung Norwegens durch die Deutschen 1944 vollkommen unterschiedlich um. Anneliese stammt aus einer Nazi-Familie und meldet sich freiwillig als Krankenschwester an die Front. Tekla  und ihre Geschichte sind aus „Als Großmutter mit dem Regen tanzte“ bekannt. Birgit, die Protagonistin dieses Buchs, lernt in ihrer Freizeit Russisch, ihr Russischlehrer bringt ihr neben der Sprache auch vieles über die Kultur bei. Nach dem Tod ihres Lehrers und Vertrauten, zieht Birgit nach Bodø im Norden Norwegens, schließt sich dort dem Widerstand an und trifft auf die 16jährige Nadia. Die junge Frau wurde aus der Ukraine verschleppt und arbeitet als Zwangsarbeiterin in der örtlichen Fischveredelungsfabrik. Zwischen Birgit und Nadia entsteht eine enge Freundschaft. Bei der Arbeit im Krankenhaus lernt sie den schwerverletzten Russen Alexander Abramow kennen und lieben und hilft dabei, ihn gesund zu pflegen, bis er Norwegen verlassen kann. Dank ihrer Russischkenntnisse bekommt sie nach dem Krieg einen Job beim Auswärtigen Amt in Moskau und kommt ihrem Ziel, Alexander wiederzufinden, näher. Bald werden auch verschiedene Geheimdienste auf sie aufmerksam und versuchen, sie anzuwerben.

Ich habe alle drei Teile der Trilogie hintereinander weggelesen und bin beim letzten hin- und hergerissen. Der geschichtliche Hintergrund war genauso gut recherchiert und in die Lebensgeschichte der fiktiven Charaktere eingeflochten, dennoch fand ich das Buch nicht so gut wie die Vorgänger. Da man aus den anderen Teilen weiß, dass sich Birgit, Anneliese und Tekla später in ihrem Leben regelmäßig bei Tekla auf der Insel getroffen haben, weiß man in etwa, wie die Geschichte ausgehen wird und das nahm mir die Spannung. Die Zustände im Lager und für die Zwangsarbeiterinnen, die F**ter und die Ver***ltigungen durch die Nazis, aber auch die Naivität vieler, die immer wieder betonten, dass „XY nicht so ist, wie die anderen“, sind hervorragend und bildhaft beschrieben. Manche hatten damit Recht, manche nicht, aus heutiger Sicht mit dem Wissen über die damalige Zeit, ist vieles nicht nachvollziehbar. Dennoch fand ich die Einblicke in die Gedankenwelten interessant.

Sprachlich fand ich das Buch so gut wie die anderen Teile der Trilogie, aber der Aufbau machte es für mich schwerer zu lesen. Es ist zwar alles in allem eine zusammenhängende Geschichte, aber auch eine Aneinanderreihung von Ereignissen mit einigen großen Sprüngen. Die Charaktere fand ich auch nicht ganz so greifbar beschrieben, selbst zu den Protagonisten konnte ich keine wirkliche Bindung aufbauen. Wieder einmal stellt Trude Teige starke Frauen in den Mittelpunkt ihrer Erzählung. Der Krieg wirft auch lange nach seinem Ende seine Schatten auf ihr Leben und prägt ihr ganzes weiteres Leben auf unterschiedliche Weisen.

Das Buch ist der Abschluss der Trilogie, kann aber gut ohne Vorkenntnisse gelesene werden. Ich würde fast so weit gehen, dass es für mich ein Nachteil war, die anderen Teile zu kennen. Dadurch wusste ich in etwa, wie es ausgehen würde und das nahm mir komplett die Spannung. In diesem Buch fehlte mir neben der Spannung aber auch die Emotionen, Trude Teige schreibt meiner Meinung nach in diesem Band viel distanzierter als in den anderen und das fand ich etwas enttäuschend. Auch die Tatsache, dass sie die Geschichte durch ihr „alter ego“ Juni Berke, die Enkeltochter von Tekla (Protagonistin im ersten Band) schreibt, fand ich eher befremdlich, denn dieses Buch ist kein autofiktionaler Roman. Da fand ich diesen „Twist“, dass Juni plötzlich als Autorin aller drei Bücher in Erscheinung tritt ein bisschen seltsam. Aber Trude Teige verknüpft alle eventuellen losen Enden in diesem Buch und bringt die Serie zu einem passenden Schluss. Von mir gibt es drei Punkte.

Und Großvater atmete mit den Wellen - Trude Teige

„Und Großvater atmete mit den Wellen“ ist das zweite Buch von Trude Teige aus ihrer Reihe um Juni Bjerkes Familie. Nachdem ich „Als Großmutter im Regen tanzte“ sehr gern gelesen habe, war ich auf dieses Buch sehr gespannt. Schlecht fand ich es nicht, aber es hat mich nicht so in seinen Bann gezogen wie sein Vorgänger. 

Aber von vorn.

Nachdem Juni Bjerke in „Als Großmutter im Regen tanzte“ die Geschichte ihrer Großmutter Tekla nachvollzogen hat, steht jetzt ihr Großvater Konrad im Mittelpunkt. Die Leserschaft begleitet ihn erst auf das Handelsschiff Anitra, auf dem er zusammen  mit seinem Bruder Sverre als Seemann angeheuert hat. Dieses Schiff ist mit 13000 Tonnen Dieselöl für die Alliierten auf dem Weg von Abadan im Iran nach Darwin in Australien, als es im April 1943 vor Java versenkt wird. Konrad schafft es in ein Rettungsboot, in dem außer den Leichen von fünf Kameraden auch der schwerverletzte Jakob liegt. Am 18. Tag ihrer Odyssee auf See werden sie aufgegriffen und Konrad landet in einem Krankenhaus auf Java. Dort trifft er auf die norwegisch-stämmige Krankenschwester Sigrid. Bevor Konrad und Sigrid sich wirklich näherkommen können, holt der Krieg die beiden ein. Java wird von den Japanern kontrolliert, die schnell alle Europäer in Gefangenenlagern internieren. Konrad kommt nach seiner Genesung in ein Männerlager, Sigrid, ihre alkoholkranke Mutter Henny und ihre autistische Schwester Ingerid in ein Frauenlager. Beide erleben eine Zeit voller Grausamkeit.

Die Geschichte Javas und die japanische Seite des zweiten Weltkriegs war mir bislang unbekannt. Das, was die Autorin beschreibt, sind allerdings Grausamkeiten, die man auch aus anderen Kriegen kennt: es wird gefoltert, geprügelt, hingerichtet und verge**ltigt. Häftlinge in den Lagern werden zu harter körperlicher Arbeit gezwungen, bekommen kaum zu essen und die medizinische Versorgung verdient diese Bezeichnung nicht. In „Und Großvater atmete mit den Wellen“ gibt es bei all der Gewalt auch Liebesgeschichten, Freundschaften und Zusammenhalt. Die unmenschlichen Zustände in den Gefangenenlagern werden eindrücklich in ihrer vollen Grausamkeit geschildert. Daneben fallen die Charaktere etwas ab, zumal sie häufig sehr klischeehaft dargestellt werden. Starke, emanzipierte Frauen finden sich überwiegend beim medizinischen Personal wieder, ob als Ärztin oder Krankenschwester, „feine Damen“ werden durch die Gefangenschaft gebrochen und zu Arbeiterinnen „degradiert“. So wird aus Sigrids Mutter Henny, die vorher „Frau von Herrn Direktor“ war, eine Zwangsarbeiterin, was das aber abgesehen von den Auswirkungen auf ihre Gesundheit wirklich für sie bedeutet, kann man nur ahnen, denn darauf geht die Autorin eher weniger ein. Die autistischen Züge von Sigrids Schwester Ingeried sind meiner Meinung nach allerdings sehr gut dargestellt.

Sprachlich fand ich das Buch so gut wie den Vorgänger. Es ist leicht und flüssig zu lesen. Dennoch konnte es mich nicht so sehr begeistern. Zu deutlich sind die Parallelen zwischen den Geschichten und dadurch wirkte die Erzählung für mich zu stereotyp. Es kam mir vor, als wäre die Blaupause recycelt worden, Schauplätze und Personen wurden ausgetauscht, dazu ein paar „Alleinstellungsmerkmale“, fertig ist der Roman. Was bei „Als Großmutter im Regen tanzte“ funktionierte, kam mir hier allerdings vor wie noch einmal aufgewärmt. Hätte ich den Vorgänger nicht gelesen, hätte mir „Und Großvater atmete mit den Wellen“ wahrscheinlich besser gefallen. Durch die Vorkenntnisse wusste ich ja in etwa, wie die Liebesgeschichte im Endeffekt ausgehen wird, und dadurch ergab sich für mich keine Spannung. 

Historisch habe ich aus dem Buch einige Informationen mitnehmen können, die Liebesgeschichte und alles drumherum war nett zu lesen, mehr aber leider nicht. Für mich waren es historische Fakten, eingepackt in einen Kokon aus einer 08/15 Nebengeschichte, die manchmal sogar leider leicht ins Seichte abrutscht. Von mir gibt es daher 3 Sterne. 


Als Großmutter im Regen tanzte - Trude Teige

„Als Großmutter im Regen tanzte“ ist das erste Buch der norwegischen Autorin Trude Teige, das ich gelesen habe. Es wird aber ganz sicher nicht mein letztes Buch von ihr sein. Eine fiktive Familiengeschichte trifft dort auf echte Geschichte und über allem hängen gut gehütete Familiengeheimnisse. Mittendrin flackert ein kleines Flämmchen der Liebe und der Regen, in dem die Großmutter tanzt, spendet Applaus. Mich hat das Buch gefesselt und begeistert.

Aber von vorn.

Junis Mutter ist kürzlich verstorben und die junge Frau hat ihr Haus auf einer abgelegenen norwegischen Insel geerbt. Als ihre Großeltern noch dort lebten, hat Juni ihre Kindheit bei ihnen verbracht. Jetzt zieht sie sich für eine Auszeit dahin zurück. Sie ist schwanger, kann sich aber nicht vorstellen, das Kind mit ihrem gewalttätigen Mann Jahn zu bekommen. Beim Aufräumen im Haus schwelgt Juni in Erinnerungen und findet ihr unbekannte Fotos. Eines der Bilder zeigt ihre Großmutter zusammen mit einem deutschen Soldaten. Nachdem sie die Hochzeitsbescheinigung der Großeltern gefunden hat, rechnet sie nach und stellt fest, dass ihre Mutter am Tag der Heirat bereits eineinhalb Jahre alt war. Auch sieht Lilla weder Tekla noch Konrad ähnlich, dem deutschen Soldaten allerdings auch nicht. Zwischen Juni und ihrer Mutter gab es ebenfalls Unausgesprochenes: Lilla hat ihrer Tochter nie erzählt, wer ihr Vater ist. Alfred, Junis einziger fester Nachbar auf der Insel, hüllt sich in Schweigen. Der frisch geschiedene Georg, der neu auf der Insel ist, ist hingegen sehr hilfreich. Er reist mit Juni nach Deutschland, um gemeinsam mit ihr Licht in ihre Familiengeschichte zu bringen.

Ich habe schon einige Bücher zur Beziehung zwischen Norwegen und Deutschland im Zweiten Weltkrieg und danach gelesen, daher war mir die Thematik bekannt. Wie drastisch die Ächtung war, der sich die 30.000 bis 50.000 Norwegerinnen ausgesetzt sahen, die eine Beziehung zu einem Deutschen führten, war mir allerdings nicht bewusst. Die „tyskerjentene“ wurden von ihrem Umfeld, ihren Familien und auch von der norwegischen Regierung wie Aussätzige behandelt, konnten willkürlich verhaftet werden, oft verloren sie ihre Arbeit und, wenn sie die Deutschen geheiratet haben, auch ihre Staatsbürgerschaft.  

Trude Teiges Buch hat mich sehr berührt und auch sprachlich fand ich das Buch abgesehen von ein paar Schreibfehlern sehr ansprechend. Die Autorin verflicht inspiriert von realen Menschen Fiktion mit Realität. Die Charaktere fand ich gut beschrieben. Vermutlich wird jede Leserin und jeder Leser im Buch ein Pendant finden. Die Kriegsgeneration, die Kriegskinder und die Kriegsenkel werden ebenso dargestellt wie Außenstehende, die mehr oder weniger zur Geschichte beitragen. Auch ohne ausdrücklich ein „Frauenbuch“ zu sein, sieht man daran, dass die Zielgruppe wohl in der weiblichen Leserschaft liegt.

Die Geschichte wird in zwei Handlungssträngen erzählt, den im Hier und Jetzt mit Juni im Mittelpunkt und die Erlebnisse von Tekla in Jahren zwischen 1944 und 1948. Beide Stränge habe ich gern gelesen. Das viele Unausgesprochene, das sich quer durch die Generationen zieht, hat mich betroffen gemacht. Dunkle Familiengeheimnisse werden noch dunkler, wenn niemand mehr am Leben ist, der nach vielen Jahren hilft, Licht ins Dunkle zu bringen. Wie viele von uns haben von unseren Großeltern und Eltern immer wieder gehört „darüber reden wir, wenn du erwachsen bist“ – wie bei vielen kam auch bei Juni der Tag nie, denn als sie „erwachsen genug“ war, waren die anderen tot.

Vieles im Buch ist sehr klischeehaft, manches kommt über Küchentischphilosophie nicht hinaus, und dennoch fand ich es sehr gut zu lesen und kämpfte an manchen Stellen mit feuchten Augen. Die schwierigen Mutter-Tochter-Beziehungen hat Trude Teige sehr treffend eingefangen. Am Schluss wäre das Buch dann beinahe doch noch ins Seichte abgerutscht, das konnte die Autorin aber erfreulicherweise gerade noch so vermeiden. Mich hat das Buch enorm berührt und ich freue mich schon auf „Und Großvater atmete mit den Wellen“.

Ich vergebe fünf Sterne.