Montag, 19. Januar 2026

Geht's noch? Betrachtungen eines Überforderten - Simon Schwarz und Ursel Nendzig

Dass Simon Schwarz sehr viel mehr ist, als der Rudi Birkenberger im „Eberhofer-Krimi“ beweist er unter anderem mit seinem Buch „Geht’s noch? Betrachtungen eines Überforderten“. Das Buch hat es in sich. Es ist nämlich auch viel mehr als eine Autobiografie. Geschrieben hat er es mit Hilfe von Ursel Nendzig. Herausgekommen ist ein gut zu lesendes und interessantes Werk, bei dem ich mich in sehr vielen Teilen wiedergefunden habe.

Aber von vorn.

Simon Schwarz, Jahrgang 1971, wuchs in einer für seine Zeit ungewöhnlichen Familie auf. Während sein Vater studierter Theaterwissenschaftler war, der beim ORF als Redakteur arbeitete, war seine Mutter studierte Germanistin und Aktivistin. Umweltaktivistin. Daher hatte er eine andere Kindheit als seine Klassenkameraden und Freunde, geprägt von biologisch angebauten Lebensmitteln, selbstgebackenem Brot und Demonstrationen unter anderem gegen Atomkraft und für den Erhalt der Hainburger Au. Er selbst kämpfte sich durch die Pflichtschuljahre, die ihm aufgrund einer nicht diagnostizierten ADHS schwer fielen. Danach ging er mit gerade mal 16 Jahren an eine Schule für Tanztheater in die Schweiz. „Ich wäre bestimmt ein guter Handwerker geworden“, sagt er heute über seinen Bildungsweg. Nun gut, Schauspielerei ist eine Art Handwerk, „Ich bin in alles so hineingerutscht, hatte wohl die nötige Begabung, den Zufall, das Glück und Eltern, die mir alles ermöglicht haben, auf meiner Seite.“ Er habe sich oft neben Kollegen mit Matura und Studium minderwertig gefühlt, „Bis ich angefangen habe zu denken – und mir aufgegangen ist, wie dumm das ist. Bis mir klar wurde, dass Menschen, die eine höhere Bildung erworben haben und die Gelegenheit hatten, viele Fremdwörter auswendig zu lernen, noch lange nicht intelligenter sind.“

Heute ist er ein beliebter Schauspieler und Kabarettist und der (Umwelt)Aktivismus scheint Teil seiner DNA zu sein, die er auch an seine ältere Tochter weitervererbt hat. Er ist quasi „eingezwickt zwischen zwei Generationen von Aktivistinnen“ – seine Mutter als wahre Vorreiterin der Umweltbewegung auf der einen Seite und seine ältere Tochter, die Geografische Wissenschaften studiert hat und ihren Master in Umweltwissenschaften macht, auf der anderen. „Drei Generationen. Ein halbes Jahrhundert, in dem das Thema immer da war. Ein halbes Jahrhundert, in dem sich eigentlich nichts verändert hat.“ Und wie so viele fragt er sich, warum sich nichts geändert hat, und er fragt sich natürlich „Geht’s noch?“.

Er selbst lebt das, was neudeutsch „underconsumption“ heißt schon sein ganzes Leben und versucht, in seinem Buch seine Beweggründe zu erklären. Dass man auch mit wenig Konsum leben kann, zeigt er deutlich und auch, dass man langfristig denken sollte, auf jeden Fall weiter als von der Tapete bis zur Wand. Dabei ist er weniger laut und polemisch, sondern ruhig und sachlich, er denkt eindeutig nicht quer, sondern geradlinig, was für einen ADHSler eine echte Leistung ist (das ist jetzt kein ADHS-Bashing, ich weiß, wovon ich schreibe). „Wir alle, Simon, wir alle“, dachte ich an vielen Stellen. Er spricht eine Menge aktuelle Themen an, auch solche, die viele gern ignorieren. Zweifelhafte Influencer, Gleichstellung von Frauen (Gleichberechtigung bei der Vergabe von Jobs, Bezahlung und die Anerkennung der unbezahlten Care-Arbeit als „echte Arbeit“) und natürlich kommt er so gut wie immer auf das Thema Umweltschutz zurück. Dabei predigt Schwarz nie, er gibt Denkanstöße und fordert zum Selbstdenken auf.

Sprachlich ist das Buch geradlinig und bodenständig, aufgeschrieben und vermutlich auch „bereinigt“ von Ursel Nendzig. Ich habe die 14 Kapitel gern gelesen, es hat mir viel Spaß gemacht, den Menschen hinter dem Schauspieler ein bisschen besser kennenzulernen. An vielen Stellen musste ich schmunzeln, weil so vieles in seiner Kindheit meiner gleicht. Auch bei uns wurde Nachhaltigkeit gelebt, ohne dass wir einen Namen dafür hatten.

Ich empfehle die Lektüre allen, die Simon Schwarz gern im Fernsehen oder auf der Bühne sehen, aber auch allen, denen die Umwelt und Gesellschaft am Herzen liegen. Von mir fünf Sterne.

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