Dass Simon Schwarz sehr viel mehr ist, als der Rudi Birkenberger im „Eberhofer-Krimi“ beweist er unter anderem mit seinem Buch „Geht’s noch? Betrachtungen eines Überforderten“. Das Buch hat es in sich. Es ist nämlich auch viel mehr als eine Autobiografie. Geschrieben hat er es mit Hilfe von Ursel Nendzig. Herausgekommen ist ein gut zu lesendes und interessantes Werk, bei dem ich mich in sehr vielen Teilen wiedergefunden habe.
Aber von vorn.
Simon Schwarz, Jahrgang 1971, wuchs in einer für seine Zeit
ungewöhnlichen Familie auf. Während sein Vater studierter
Theaterwissenschaftler war, der beim ORF als Redakteur arbeitete, war seine
Mutter studierte Germanistin und Aktivistin. Umweltaktivistin. Daher hatte er
eine andere Kindheit als seine Klassenkameraden und Freunde, geprägt von
biologisch angebauten Lebensmitteln, selbstgebackenem Brot und Demonstrationen unter
anderem gegen Atomkraft und für den Erhalt der Hainburger Au. Er selbst kämpfte
sich durch die Pflichtschuljahre, die ihm aufgrund einer nicht diagnostizierten
ADHS schwer fielen. Danach ging er mit gerade mal 16 Jahren an eine Schule für
Tanztheater in die Schweiz. „Ich wäre bestimmt ein guter Handwerker geworden“,
sagt er heute über seinen Bildungsweg. Nun gut, Schauspielerei ist eine Art
Handwerk, „Ich bin in alles so hineingerutscht, hatte wohl die nötige Begabung,
den Zufall, das Glück und Eltern, die mir alles ermöglicht haben, auf meiner
Seite.“ Er habe sich oft neben Kollegen mit Matura und Studium minderwertig
gefühlt, „Bis ich angefangen habe zu denken – und mir aufgegangen ist, wie dumm
das ist. Bis mir klar wurde, dass Menschen, die eine höhere Bildung erworben
haben und die Gelegenheit hatten, viele Fremdwörter auswendig zu lernen, noch
lange nicht intelligenter sind.“
Heute ist er ein beliebter Schauspieler und Kabarettist und der
(Umwelt)Aktivismus scheint Teil seiner DNA zu sein, die er auch an seine ältere
Tochter weitervererbt hat. Er ist quasi „eingezwickt zwischen zwei Generationen
von Aktivistinnen“ – seine Mutter als wahre Vorreiterin der Umweltbewegung auf
der einen Seite und seine ältere Tochter, die Geografische Wissenschaften
studiert hat und ihren Master in Umweltwissenschaften macht, auf der anderen.
„Drei Generationen. Ein halbes Jahrhundert, in dem das Thema immer da war. Ein
halbes Jahrhundert, in dem sich eigentlich nichts verändert hat.“ Und wie so
viele fragt er sich, warum sich nichts geändert hat, und er fragt sich
natürlich „Geht’s noch?“.
Er selbst lebt das, was neudeutsch „underconsumption“ heißt
schon sein ganzes Leben und versucht, in seinem Buch seine Beweggründe zu
erklären. Dass man auch mit wenig Konsum leben kann, zeigt er deutlich und
auch, dass man langfristig denken sollte, auf jeden Fall weiter als von der
Tapete bis zur Wand. Dabei ist er weniger laut und polemisch, sondern ruhig und
sachlich, er denkt eindeutig nicht quer, sondern geradlinig, was für einen ADHSler
eine echte Leistung ist (das ist jetzt kein ADHS-Bashing, ich weiß, wovon ich
schreibe). „Wir alle, Simon, wir alle“, dachte ich an vielen Stellen. Er
spricht eine Menge aktuelle Themen an, auch solche, die viele gern ignorieren.
Zweifelhafte Influencer, Gleichstellung von Frauen (Gleichberechtigung bei der
Vergabe von Jobs, Bezahlung und die Anerkennung der unbezahlten Care-Arbeit als
„echte Arbeit“) und natürlich kommt er so gut wie immer auf das Thema
Umweltschutz zurück. Dabei predigt Schwarz nie, er gibt Denkanstöße und fordert
zum Selbstdenken auf.
Sprachlich ist das Buch geradlinig und bodenständig,
aufgeschrieben und vermutlich auch „bereinigt“ von Ursel Nendzig. Ich habe die 14
Kapitel gern gelesen, es hat mir viel Spaß gemacht, den Menschen hinter dem
Schauspieler ein bisschen besser kennenzulernen. An vielen Stellen musste ich
schmunzeln, weil so vieles in seiner Kindheit meiner gleicht. Auch bei uns
wurde Nachhaltigkeit gelebt, ohne dass wir einen Namen dafür hatten.
Ich empfehle die Lektüre allen, die Simon Schwarz gern im
Fernsehen oder auf der Bühne sehen, aber auch allen, denen die Umwelt und
Gesellschaft am Herzen liegen. Von mir fünf Sterne.
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