Peter Jordans Buch „Kein schöner Land“ ist kein Roman, sondern ein Essay mit 160 Seiten. Ich habe die Ausführungen des Autors sehr gern gelesen, er hat einen angenehmen Stil und seine Gedankengänge fand ich interessant, wenn sie auch für mich nicht immer ganz nachvollziehbar waren.
„Kein schöner Land in dieser Zeit“ – dieses bekannte
Volkslied, das sein kleiner Sohn eines Abends mit ihm singen möchte, löste bei
Peter Jordan eine wahre Gedankenflut aus. Er ordnet die deutsche Geschichte
nach 1933, den zweiten Weltkrieg und die Zeit danach in sein eigenes Leben ein.
Wie so viele wuchs auch er mit einem Vater auf, der Soldat gewesen war, sein
Onkel Paul kam nicht aus dem Krieg zurück, Onkel Bruno überlebte eher durch
Zufall. Er selbst spielte in einigen Filmen Nazis, zuletzt Karl Dönitz in
„Nürnberg“. Und er sucht Identität. Denn er hat das Gefühl, dass ihm (und nicht
nur ihm) die deutsche Kultur abhandengekommen ist. Soweit kann ich mit dem Buch
mitgehen. Denn auch meine Generation (ich bin ziemlich genau zehn Jahre jünger
als Peter Jordan) hat lieber englischsprachige Musik gehört, wobei zu meiner
„Sturm und Drang Zeit“ deutsche Musik langsam wieder aufkam. Zu seiner Zeit war
das deutsche Liedgut verstaubt, altbacken und eventuell negativ konnotiert, zu
meiner Zeit war es „einfach nicht mein Ding“, mit deutscher Literatur ergeht es
mir ähnlich.
Sein Essay fand ich gut, flüssig geschrieben und interessant
zu lesen. Beinahe hätte ich es gar nicht erst gelesen, weil ich den Klappentext
so pathetisch fand. Zum Glück ist das Buch ganz anders. „Peter Jordan sagt von
sich selbst, es gebe keinen Tag, an dem er nicht an Krieg und Shoah denke.“ – die
Aussage finde ich ein bisschen drüber. Natürlich ist Krieg angesichts so vieler
Konflikte weltweit ein alltägliches Thema, manchmal ploppt auch in meinem Geist
der Gedanke an die Rolle meiner (Ur)Großeltern im zweiten Weltkrieg hoch. Tatsächlich
habe ich im Nachhall der Lektüre von „Kein schöner Land“ in den
Wehrmachts-Archiven nach den Namen meiner Verwandten gesucht. Als trans Mensch
ist da alles in meinem Leben natürlich präsent, aber ich kann nicht von mir
behaupten, dass kein Tag vergeht, an dem ich nicht daran denke. Sorry.
Abgesehen davon ist das Buch ehrlich und schonungslos, und
das hat mich sehr beeindruckt. Peter Jordan analysiert mit spitzen Bleistift
und dadurch wird das Buch sehr intensiv und regt zum Nachdenken und
Reflektieren über die eigene Familiengeschichte und die eigene Haltung zu dem
angesprochenen Thema an. Ein bedrückendes Buch, das heute, wo Patriotismus
zunehmend von extremistischen Kräften gekapert wird, eventuell wichtiger ist,
denn je.
Von mir fünf Sterne.
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