Edzard Ernst hat mit seinem neuesten, vermutlich persönlichsten Buch „Fräulein aus gutem Hause – Im Schatten des Dritten Reichs“ sowohl seiner 1989 verstorbenen Mutter Erika ein Denkmal gesetzt als auch ein eindringliches Werk über die Gefahren des Nationalsozialismus geschrieben. Der Mediziner und emeritierter Professor für die Erforschung von Alternativmedizin nahm die österreichische und später die britische Staatsbürgerschaft an, ist mit einer Französin verheiratet, lebt seit seiner Emeritierung abwechselnd in England und der Bretagne und bezeichnet sich selbst als „vaterlandslos“. Der Brexit veranlasste ihn, die deutsche Staatsbürgerschaft wieder zu beantragen. „Ich bin mir darüber im Klaren, wie hochmütig und unangemessen es wäre, die eigene Mutter zu richten“, schreibt er, und das tut er auch nicht. Er schreibt liebevoll und voll aufrichtiger Bewunderung für ihre untadeligen Handlungen. Aber er schreibt auch über die Gefahren des Faschismus, der sich aktuell weltweit breitmacht und darüber, wie leicht es passieren kann, sich im Netz von Blendern und Ideologen zu verfangen. Ein gutes und wichtiges Buch, heute wahrscheinlich wichtiger denn je.
Erika Ernst, geborene Tillwichs, wurde 1911 in Krotoschin bei Breslau, also in Schlesien, geboren. Allein durch das Geburtsjahr ist klar: zwei Weltkriege sollten ihr Leben prägen. Damit ist die Geschichte eine unzählige Geschichten von und über Frauen dieser Zeit, was das Buch zu einer Mischung aus Biografie und zeitgeschichtlichem Dokument macht. Erika Ernst war nicht irgendwer und auch nicht nur die Mutter des Autors, sie war auch eine Person des öffentlichen Lebens und der Gesellschaft, daher konnte er seine Recherche auf ein Memoire seiner Mutter, auf ihre Erzählungen und auf unzählige öffentlich zugängliche Dokumente stützen.
Edzard Ernst beschreibt anschaulich, wie aus dem „Fräulein aus gutem Hause“ erst eine „verliebte Ehefrau mit scheinbar gesicherter Zukunft und vorgeschriebener Moral“ wurde, die den Ideen des Nationalsozialismus sehr offen gegenüberstand, und dann eine „erwachsene Frau, die den Nationalsozialismus zunehmend mit Argwohn betrachtete und die es wagte, die vorgeschriebene Moral des Regimes in Frage zu stellen.“ Sie wurde mal von der einen, mal von der anderen Seite beeinflusst, musste also ihren Weg selbst finden und, nach der Geburt ihrer Kinder, „unter dem ständigen und oft kaum erträglichen Druck der Verantwortung für vier Menschenleben im Eiltempo erwachsen werden.“.
Einfluss nehmen wollten vor allem die Brüder ihrer Mutter, die beide innerhalb der Partei Karriere machten. Erich Jüttner wurde Landrat und „galt als der weitaus fanatischste Nazi der Familie.“ Allerdings brachte es Hans Jüttner bis zum Chef des Stabes des Ersatzheeres und damit faktisch zum Stellvertreter Heinrich Himmlers. „Von den Vernichtungslagern hat selbst Hans nichts gewusst.“- schrieb Erika in ihrem Memoire, da er ihr mehrmals in bedrohlichen Situationen geholfen hatte, blieb sie ihm zeitlebens dankbar. Und sie glaubte ein Leben lang an das Gute im Menschen, obwohl ihr Onkel Hans seiner faschistischen Gesinnung treu blieb.
Dabei war sie keineswegs naiv oder unbedarft. Sie baute 1937 mit ihrem Mann in Bad Reinerz ein Sanatorium auf, dann 1949 in Bad Neuenahr und zuletzt (nach der Scheidung) ihr Prunkstück: das „Alpensanatorium“. Dieses „Imperium“ in Bad Tölz umfasste letztendlich ein Netzwerk von Kliniken mit insgesamt etwa 450 Betten und rund 250 Mitarbeitern. Privat hatte sie weniger Glück, zwei gescheiterte Ehen, drei Kinder und ein Leben voller Sehnsucht nach „Zärtlichkeit, Liebe und Treue, und die Realität hat ihr diese Wünsche nur selten erfüllt.“
Ich muss sagen, dass mich das Buch sehr berührt hat. Ein Sohn im reifen Alter (Edzard Ernst ist Jahrgang 1948), der so liebevoll über seine Mutter schreibt, das hat mich beeindruckt. Sprachlich ist das Buch bis auf ein paar Fehler sehr gelungen, wobei ich mich mit den vielen Fußnoten etwas schwertat. Die vielen Namen und Ereignisse, auf die der Autor sich bezieht, haben mich animiert, tiefer in die Geschichte einzutauchen, vor allem in die Personalien der beiden Onkel seiner Mutter. Und ich habe mich selbst hinterfragt, denn ich konnte in seiner Familiengeschichte viele Parallelen zu meiner eigenen finden.
Ich empfehle das Buch jedem, der gerne Biografien liest und jedem, der sich über die Gefahren des Faschismus informieren möchte und darüber, wie leicht man von Menschen beeinflusst werden kann, die man liebt und schätzt, selbst, wenn man „aus einem guten Hause“ stammt. Von mir eine klare Lese-Empfehlung und 5 Sterne.
Fun Fact am Rande für mich: Edzard Ernsts Patentante, Aloysia „Lilly“ Schilling war in erster Ehe Bruno Tillwichs, einem Bruder von Erikas Vater verheiratet gewesen. Dieser arbeitete an der Entwicklung eines synthetischen Öls für Präzisionsuhren. Erfolg hatten allerdings erst seine Nachkommen. Heute heißt die Firma „Dr. Tillwich GmbH Werner Stehr“, ist Weltmarktführer für Spezialschmierstoffe in der Feinmechanik, Elektronik und Uhrentechnik und befindet sich in Ahldorf bei Horb, wo weitere Nachkommen der Familie Tillwich(s) unter anderem als Ärzte tätig sind. Ich kenne einige flüchtig, denn ich habe in Horb mein Abitur gemacht (ein Jahr nach dem Sohn von Werner Stehr) und ein paar Jahre bei einer der lokalen Zeitungen gearbeitet. Wie klein die Welt doch ist.
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