Montag, 2. Februar 2026

Mach nur so weiter. - Dietlinde Ellsässer

Zu Dietlinde Ellsässers neuem Buch „Mach nur so weiter. Als Dorfkind auf die Bretter, die die Welt bedeuten“ bin ich mehr durch Zufall gekommen. Als Schwabe ist mir die Schauspielerin und Kabarettistin natürlich namentlich bekannt, leider habe ich es aber nie geschafft, sie live zu erleben. Ihr Buch habe ich überwiegend sehr gern gelesen, in vielem habe ich Parallelen zu mir, meinem Leben und meiner Familie gefunden und natürlich fand ich es großartig, so viel Schwäbisch zu lesen! 

Aber von vorn.

Das Buch ist eine Mischung aus Autobiografie und zu Papier gebrachten Gedanken, aus Erinnerungen und Gedichten (eigenen und fremden), daher kann man zum Inhalt gar nicht so viel schreiben. Fast genau zehn Jahre nach „Mach ja kein Theater“ und im Jahr ihres 70. Geburtstags hat Dietlinde Ellsässer an dieses Buch angeknüpft. Da es mit dem Satz „Mach nur so weiter“ endete, heißt ihr neues Werk genauso. „Mach nur so weiter“ ist ein Satz, der, je nach Betonung positiv, aufmunternd oder negativ behaftet ist. 

Wie gesagt, wusste ich über Dietlinde Ellsässer bislang nur wenig, die Erkenntnisse aus dem Buch sind daher wirklich interessant, so, wie sie schreibt, bekommt man bei der Lektüre das Gefühl, sie kennenzulernen. 

Sie sinniert über ihr Leben und lässt ihr Publikum daran teilhaben. Sie erzählt von ihrer Kindheit und Jugend in Hemmendorf, ihrer Ausbildung zur Erzieherin, der das Vorpraktikum für die Erzieherinnen-Schule voranging. („Was für ein schiefes Jahr, das mir doch auch zu einer Art »Initiation« geworden ist. Ich hab durchgehalten, bin daran gewachsen und erstarkt, die Erleichterung danach hat einen tiefen »Jubel-Juuzger « aus mir heraus geschmettert.“) Sie schreibt über Heimat und Familie, Rückhalt und Ansporn und natürlich schreibt sie über ihre „Ankunft“ in der Welt des Theaters und bei sich selbst, lässt aber „schwäbische Tugenden“ („Schon als Kinder lernen wir, dass Ruhe gleich Faulheit und dass Nichtstun gleich Zeitverschwendung sei“) und wie es ist, anders zu sein, nicht aus. Je mehr sie über die „Drei vom Dohlengässle“ schrieb, desto trauriger war ich, sie nie live gesehen zu haben.

Für mich selbst, als ehemaliger Zeitungsmensch in Dietlinde Ellsässers Gegend, waren ihre Weggefährten sehr speziell, denn einige haben auch meinen Lebensweg gekreuzt. So zitiert sie beispielsweise immer wieder den Lyriker Walle Sayer. Und sie erwähnt auch den wunderbaren Heiner Kondschak. 

Eher unschön fand ich allerdings Sätze zur Covid-Pandemie wie „alles wegen Corona. Alles wurde ausgebremst. Das Leben, die Begegnungen, das Spiel und vor allem das Selberdenken.“ Ich wohne in dem Dorf, wo Covid in Deutschland begonnen hat. Jeder von uns hat Menschen aufgrund der Krankheit verloren, jeder kennt Menschen, die auch Jahre nach der Infektion noch an den Spätfolgen leiden und jeden Tag mit Long Covid kämpfen. Sie schreibt unter anderem über das „bürokratische Zeugnis“ des Corona-Impfasses ohne nähere Einordnung. Kritische Einordnung fehlt mir auch an anderen Stellen, da reißt Dietlinde Ellsässer für mich leider ein bisschen mit dem Hintern ein, was sie weiter vorne im Buch an gutem Eindruck aufgebaut hatte. 

Allerdings schreibt sie auch klar über die Chancen, die Corona für ein entschleunigtes Leben gegeben hat, Spaziergänge und Treffen in der freien Natur. Das passt für mich nicht ganz zusammen, aber es bestätigt ihre Aussage: „Es fließt beim Erzählen einfach aus mir heraus – und was ich hier aufschreibe, folgt keiner festen Dramaturgie. […] Schon in der Schule habe ich in Deutsch beim Aufsatzschreiben keine Stoffsammlung und keine Gliederung gemacht, sondern hab gleich losgelegt; meine Lehrerin hats zugelassen. Darum ist mein Schreiben sprunghaft, assoziativ.“ Und so ist es für mich alles in allem dennoch ein sehr gutes Buch geblieben. Mit überwiegend klaren und guten Denkansätzen, sinnvollen Lebensweisheiten und Lebens“anleitungen“. Danke fürs Mitnehmen durch Ihr Leben und die Chance auf eine virtuelle Rückkehr in die alte Heimat, Frau Ellsässer. Von mir vier Sterne. Machen sie nur so weiter!


Teure Täuschung - Eva Ehley

„Teure Täuschung“ von Eva Ehley ist ein Krimi, mit dem ich nicht wirklich warm wurde. Die Geschichte an sich hätte ganz gut werden können, aber die Ermittler haben mir den Spaß daran verdorben. Es war der letzte Teil der Sylt-Krimi-Reihe der Autorin und ich denke, dass es auch an der Zeit war, Bastian Kreuzer, Silja Blanck und Sven Winterberg zu den Akten zu legen.

Aber von vorn.

Kriminalhauptkommissar Bastian Kreuzer, seit einiger Zeit heimlich mit Kollegin Silja Blank verheiratet, schickt jedes Jahr seiner ex-Frau Nora Graff eine Karte zum Geburtstag. Die bedankt sich jedes Mal per SMS bei ihm. Dieses Jahr bleibt ihre Rückmeldung aus und der Polizist ist besorgt. Da Kreuzer es seiner (dritten) Ehefrau Silja bislang verschwiegen hat, muss er sich mit seinen Sorgen allein herumschlagen. Er heuert den Journalisten Fred Hübner an, sich an Noras Wohnort Flensburg umzuschauen. Schnell findet Hübner heraus, dass Nora ihre Zelte in Flensburg abgebrochen hat und sich auf Sylt befinden soll. Parallel dazu wartet „echte“ Polizeiarbeit auf das Ermittlertrio Bastian Kreuzer, Silja Blanck und Sven Winterberg, denn es wird eine Wasserleiche am Brandenburgerstrand bei Westerland angeschwemmt. Nach ersten Erkenntnissen handelt es sich dabei um eine Frau und auffällig an ihr ist die pinkfarbene und sehr teure Bikinihose. Bastians erste Befürchtung ist, es könnte sich bei der Toten um seine Frau handeln, deshalb muss er seine möglichen Verbindungen zu dem Fall offenlegen, was bei seiner Frau nicht besonders gut ankommt und zu einigen Streitereien führt. Aber Nora ist nicht die einzige Frau, die vermisst wird.

Wie üblich spielt die Handlung innerhalb eines sehr überschaubaren Zeitraums, dieses Mal zwischen dem 16. und dem 25. Juni, die Kapitel sind, wie gewohnt, mit Tag, Datum und dem Ort der Handlung überschrieben. Und auch der Rest bietet nichts wirklich Überraschendes, die Krimis der Serie folgen einem ziemlich einheitlichen Strickmuster. Die Geschichte an sich hätte sehr spannend sein können, leider war sie das aber nicht. Mir wurden die Protagonisten mit jeder Seite unsympathischer. Jeder kocht sein eigenes Süppchen, dazu kommt das Eifersuchtsgeplänkel zwischen Bastian und Silja und im Endeffekt konnte ich in dem Buch erst sehr spät echte Spannung finden. Der Schluss hingegen ist ein echter Paukenschlag und konnte mich mit dem Buch dann doch noch etwas versöhnen. Nicht versöhnt bin ich hingegen mit den Charakteren, die haben sich in den letzten Teilen der Serie für mich in eine völlig seltsame Richtung entwickelt. Ich hätte nie gedacht, dass mir irgendwann einmal der Journalist Fred Hübner und seine Lebensabschnittsgefährtin, Staatsanwältin Elsbeth von Bispingen sympathischer sein würden als die Ermittelnden. Von denen scheint aber so richtig Lust am Ermitteln zu haben, Dienstbesprechungen finden eher in der Pizzeria und zwischen Tür und Angel statt, das war mir dann doch zu viel Work-Life-Balance.

„Teure Täuschung“ ist ein gegen Ende sehr spannender Krimi, der sich in der ersten Hälfte eher auf Beziehungsstress konzentriert. Sprachlich ist er gut und flüssig zu lesen, wobei sich die Autorin für mich ab und zu in der Wortwahl vertut („Der große Parkplatz am Zugang zum Brandenburgerstrand ist komplett besetzt. Vans und Mittelschichtautos, Smarts und Luxuskarossen drängen sich dicht an dicht [..]“ – was sind denn bitte „Mittelschichtautos? Ich denke, es sind eher Mittelklassewagen. Und warum sind SUV nicht für die Mittelschicht?). Alles in allem ist er unterhaltsam, bietet eine Menge Lokalkolorit und ist mit Sicherheit ein Muss für Fans der Autorin und der Serie. Der Abspann zeigt deutlich, dass es sich um den Abschluss der Reihe handelt, alle losen Fäden werden damit verknüpft und es ist ein stimmiges Ende. Ich würde jedem, der in die Reihe einsteigen möchte, raten, dies nicht mit diesem Buch zu tun. Zwar kann man es auch alleinstehend lesen, es könnte aber dem einen oder anderen eventuell die Lust am Weiterlesen verderben und das wäre bedauerlich. 

Ich bin gespannt, was Eva Ehley als nächstes plant, für dieses Buch vergebe ich für den gelungenen Schluss vier Sterne.


Montag, 19. Januar 2026

Geht's noch? Betrachtungen eines Überforderten - Simon Schwarz und Ursel Nendzig

Dass Simon Schwarz sehr viel mehr ist, als der Rudi Birkenberger im „Eberhofer-Krimi“ beweist er unter anderem mit seinem Buch „Geht’s noch? Betrachtungen eines Überforderten“. Das Buch hat es in sich. Es ist nämlich auch viel mehr als eine Autobiografie. Geschrieben hat er es mit Hilfe von Ursel Nendzig. Herausgekommen ist ein gut zu lesendes und interessantes Werk, bei dem ich mich in sehr vielen Teilen wiedergefunden habe.

Aber von vorn.

Simon Schwarz, Jahrgang 1971, wuchs in einer für seine Zeit ungewöhnlichen Familie auf. Während sein Vater studierter Theaterwissenschaftler war, der beim ORF als Redakteur arbeitete, war seine Mutter studierte Germanistin und Aktivistin. Umweltaktivistin. Daher hatte er eine andere Kindheit als seine Klassenkameraden und Freunde, geprägt von biologisch angebauten Lebensmitteln, selbstgebackenem Brot und Demonstrationen unter anderem gegen Atomkraft und für den Erhalt der Hainburger Au. Er selbst kämpfte sich durch die Pflichtschuljahre, die ihm aufgrund einer nicht diagnostizierten ADHS schwer fielen. Danach ging er mit gerade mal 16 Jahren an eine Schule für Tanztheater in die Schweiz. „Ich wäre bestimmt ein guter Handwerker geworden“, sagt er heute über seinen Bildungsweg. Nun gut, Schauspielerei ist eine Art Handwerk, „Ich bin in alles so hineingerutscht, hatte wohl die nötige Begabung, den Zufall, das Glück und Eltern, die mir alles ermöglicht haben, auf meiner Seite.“ Er habe sich oft neben Kollegen mit Matura und Studium minderwertig gefühlt, „Bis ich angefangen habe zu denken – und mir aufgegangen ist, wie dumm das ist. Bis mir klar wurde, dass Menschen, die eine höhere Bildung erworben haben und die Gelegenheit hatten, viele Fremdwörter auswendig zu lernen, noch lange nicht intelligenter sind.“

Heute ist er ein beliebter Schauspieler und Kabarettist und der (Umwelt)Aktivismus scheint Teil seiner DNA zu sein, die er auch an seine ältere Tochter weitervererbt hat. Er ist quasi „eingezwickt zwischen zwei Generationen von Aktivistinnen“ – seine Mutter als wahre Vorreiterin der Umweltbewegung auf der einen Seite und seine ältere Tochter, die Geografische Wissenschaften studiert hat und ihren Master in Umweltwissenschaften macht, auf der anderen. „Drei Generationen. Ein halbes Jahrhundert, in dem das Thema immer da war. Ein halbes Jahrhundert, in dem sich eigentlich nichts verändert hat.“ Und wie so viele fragt er sich, warum sich nichts geändert hat, und er fragt sich natürlich „Geht’s noch?“.

Er selbst lebt das, was neudeutsch „underconsumption“ heißt schon sein ganzes Leben und versucht, in seinem Buch seine Beweggründe zu erklären. Dass man auch mit wenig Konsum leben kann, zeigt er deutlich und auch, dass man langfristig denken sollte, auf jeden Fall weiter als von der Tapete bis zur Wand. Dabei ist er weniger laut und polemisch, sondern ruhig und sachlich, er denkt eindeutig nicht quer, sondern geradlinig, was für einen ADHSler eine echte Leistung ist (das ist jetzt kein ADHS-Bashing, ich weiß, wovon ich schreibe). „Wir alle, Simon, wir alle“, dachte ich an vielen Stellen. Er spricht eine Menge aktuelle Themen an, auch solche, die viele gern ignorieren. Zweifelhafte Influencer, Gleichstellung von Frauen (Gleichberechtigung bei der Vergabe von Jobs, Bezahlung und die Anerkennung der unbezahlten Care-Arbeit als „echte Arbeit“) und natürlich kommt er so gut wie immer auf das Thema Umweltschutz zurück. Dabei predigt Schwarz nie, er gibt Denkanstöße und fordert zum Selbstdenken auf.

Sprachlich ist das Buch geradlinig und bodenständig, aufgeschrieben und vermutlich auch „bereinigt“ von Ursel Nendzig. Ich habe die 14 Kapitel gern gelesen, es hat mir viel Spaß gemacht, den Menschen hinter dem Schauspieler ein bisschen besser kennenzulernen. An vielen Stellen musste ich schmunzeln, weil so vieles in seiner Kindheit meiner gleicht. Auch bei uns wurde Nachhaltigkeit gelebt, ohne dass wir einen Namen dafür hatten.

Ich empfehle die Lektüre allen, die Simon Schwarz gern im Fernsehen oder auf der Bühne sehen, aber auch allen, denen die Umwelt und Gesellschaft am Herzen liegen. Von mir fünf Sterne.

Kampf und Sehnsucht in der Mitte der Gesellschaft - Stephan Anpalagan

Eigentlich wollte ich Stephan Anpalagans Buch „Kampf und Sehnsucht in der Mitte der Gesellschaft“ schon vor zwei Jahren gelesen haben. Und je länger es auf meinem „Noch zu lesen“ Bücherstapel lag, desto schwerer wurde es. Angesichts der aktuellen politischen Lage bereitete mir das Buch fast körperliche Schmerzen – und wenn mir das Lesen schon so schwer fällt, wie mag es sich für die Menschen erst anfühlen, über die der Autor schreibt?

Stephan Anpalagan schreibt schonungslos darüber, was es heißt, in Deutschland Migrant*in zu sein oder einen Migrationshintergrund zu haben. Ich selbst bin in den 1970er-Jahren aufgewachsen, zusammen mit den ersten Kindern „mit Migrationshintergrund“, die damals natürlich noch nicht so genannt wurden. Eigentlich hätte damit eine Gesellschaft entstehen können, in der das Miteinander gelebt wird, einfach, weil man zusammen aufgewachsen ist. Aber dass das nicht so ist, zeigt der Autor ganz deutlich.

Er schreibt über die „Mitte der Gesellschaft“ oder die Verschiebung der Mitte der Gesellschaft. „Als Deutsche inmitten der Coronapandemie aufgefordert werden, Maske zu tragen, Abstand zu halten und Hände zu waschen, führen die Infektionsschutzmaßnahmen zu einer derart aufgeheizten Stimmung im Land, dass Menschen aus der Mitte der Gesellschaft den Schulterschluss mit Rechtsextremisten üben.“ Quo vadis, Mitte? – fragt man sich da bei der Lektüre. Gibt es bald nur noch Extreme in beiden Richtungen und keine Mitte mehr? 

Die Sprache von Stephan Anpalagan ist angenehm und des Themas angemessen. Er schreibt sehr sachlich und analytisch, was angesichts der Tatsache, dass er von dem Thema betroffen ist, bemerkenswert ist. Aber man erkennt, wie wichtig ihm das Thema ist und dass er tief aus seinem Herzen schreibt. Er ist Sohn tamilischer Eltern, Theologe und ist eine wichtige Stimme gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit. 

Das Buch ist aus dem Jahr 2023, entstand also lang vor der unseligen „Stadtbild“-Aussage von Friedrich Merz. Der Autor zeigt, dass die Probleme mehr in Fachkräfte- und Arbeitskräftemangel liegen, denn im Stadtbild, und wie sehr alle  möglichen „-ismen“ (Rassismus und Populismus, um nur zwei davon zu nennen) in der Gesellschaft fest verankert sind. Er schreibt darüber, dass Menschen sinngemäß in „nützlich“ und „weniger nützlich“ kategorisiert werden. Solange ein Fußballspieler Tore schießt, sind viele „farbenblind“, sollte er das nicht tun, dann ist er ein Problem. 

Es ist ein wichtiges Buch, eines das nachdenklich macht und nachhallt. Allerdings ist es angesichts des Wandels in der Weltpolitik für mich schwere Kost gewesen. Aber der letzte Abschnitt gibt Hoffnung, darauf, dass die „eigentliche Mitte der Gesellschaft“ nicht allein dasteht mit ihren Ansichten. „Es ist bei alledem ein gutes Land. Das einzige, was wir haben. Wir sollten es nicht verloren geben. Wir können es gemeinsam gestalten. Gemeinsam. Miteinander. Wir können einander Liebe und Zugehörigkeit zugestehen. Das wäre ein Lichtblick.“

Von mir fünf Sterne.


Donnerstag, 8. Januar 2026

Kein schöner Land - Peter Jordan

Peter Jordans Buch „Kein schöner Land“ ist kein Roman, sondern ein Essay mit 160 Seiten. Ich habe die Ausführungen des Autors sehr gern gelesen, er hat einen angenehmen Stil und seine Gedankengänge fand ich interessant, wenn sie auch für mich nicht immer ganz nachvollziehbar waren.

„Kein schöner Land in dieser Zeit“ – dieses bekannte Volkslied, das sein kleiner Sohn eines Abends mit ihm singen möchte, löste bei Peter Jordan eine wahre Gedankenflut aus. Er ordnet die deutsche Geschichte nach 1933, den zweiten Weltkrieg und die Zeit danach in sein eigenes Leben ein. Wie so viele wuchs auch er mit einem Vater auf, der Soldat gewesen war, sein Onkel Paul kam nicht aus dem Krieg zurück, Onkel Bruno überlebte eher durch Zufall. Er selbst spielte in einigen Filmen Nazis, zuletzt Karl Dönitz in „Nürnberg“. Und er sucht Identität. Denn er hat das Gefühl, dass ihm (und nicht nur ihm) die deutsche Kultur abhandengekommen ist. Soweit kann ich mit dem Buch mitgehen. Denn auch meine Generation (ich bin ziemlich genau zehn Jahre jünger als Peter Jordan) hat lieber englischsprachige Musik gehört, wobei zu meiner „Sturm und Drang Zeit“ deutsche Musik langsam wieder aufkam. Zu seiner Zeit war das deutsche Liedgut verstaubt, altbacken und eventuell negativ konnotiert, zu meiner Zeit war es „einfach nicht mein Ding“, mit deutscher Literatur ergeht es mir ähnlich.

Sein Essay fand ich gut, flüssig geschrieben und interessant zu lesen. Beinahe hätte ich es gar nicht erst gelesen, weil ich den Klappentext so pathetisch fand. Zum Glück ist das Buch ganz anders. „Peter Jordan sagt von sich selbst, es gebe keinen Tag, an dem er nicht an Krieg und Shoah denke.“ – die Aussage finde ich ein bisschen drüber. Natürlich ist Krieg angesichts so vieler Konflikte weltweit ein alltägliches Thema, manchmal ploppt auch in meinem Geist der Gedanke an die Rolle meiner (Ur)Großeltern im zweiten Weltkrieg hoch. Tatsächlich habe ich im Nachhall der Lektüre von „Kein schöner Land“ in den Wehrmachts-Archiven nach den Namen meiner Verwandten gesucht. Als trans Mensch ist da alles in meinem Leben natürlich präsent, aber ich kann nicht von mir behaupten, dass kein Tag vergeht, an dem ich nicht daran denke. Sorry.

Abgesehen davon ist das Buch ehrlich und schonungslos, und das hat mich sehr beeindruckt. Peter Jordan analysiert mit spitzen Bleistift und dadurch wird das Buch sehr intensiv und regt zum Nachdenken und Reflektieren über die eigene Familiengeschichte und die eigene Haltung zu dem angesprochenen Thema an. Ein bedrückendes Buch, das heute, wo Patriotismus zunehmend von extremistischen Kräften gekapert wird, eventuell wichtiger ist, denn je.

Von mir fünf Sterne.

Montag, 29. Dezember 2025

Knochenkälte - Simon Beckett

 David Hunter ist endlich zurück! Das Warten auf seinem siebten Fall in Simon Becketts neuem Thriller „Knochenkälte“ hat sich absolut gelohnt. Ich fand das Buch spannend und gut konzipiert. Für mich passte einfach alles: der Fall, die Umgebung, die Charaktere. Mich hat das Buch gefesselt und begeistert. 

Aber von vorn.

Dr. David Hunter ist auf dem Weg, um die Polizei in Carlisle bei einem Fall zu unterstützen. Um einen Stau auf der Autobahn zu umfahren, verlässt er die geplante Route und findet sich plötzlich irgendwo im Nirgendwo wieder. Besser gesagt, er landet in Edendale, einem abgelegenen Dorf in den Cumbrian Mountains. „Es gibt nur einen Weg rein und raus, und auf dem sind Sie gerade gekommen.“, erfährt Hunter im örtlichen Pub. Und nach einem nächtlichen Unwetter ist auch diese Straße nicht mehr passierbar und der forensische Anthropologe sitzt fest. Zum Glück findet er Unterkunft in einem ehemaligen Hotel, aber er merkt schnell, dass in dem Ort einiges nicht stimmt. Mit der Unfreundlichkeit der Einheimischen kann er sich arrangieren, aber dann findet er auf der Suche nach einem Mobilfunknetz ein in eine Baumwurzel eingewachsenes Skelett. Jeder im Dorf scheint etwas zu verheimlichen und David Hunter scheint in die Fehde zwischen zwei verfeindete Familien zu geraten. 

Ach, wie hab ich David Hunter vermisst. Seit „Die Chemie des Todes“ bin ich ein großer Fan des forensischen Anthropologen und auch in seinem siebten Fall wurde ich nicht enttäuscht. Zwar kam die Geschichte erst etwas langsam in Fahrt, aber als die Atmosphäre immer düsterer wurde, die Charaktere immer undurchsichtiger und die Geschichte immer verworrener, da hat mich das Buch gepackt und bis zum Ende nicht mehr losgelassen. Neu-deutsch heißt diese Art Thriller wohl „locked-in“, da merke ich dann wieder mal, dass ich langsam älter werde. Für mich war es halt einfach ein Thriller mit klaustrophobischer Grundstimmung, bedrückender Atmosphäre und reichlich unsympathischen Charakteren. 

Simon Beckett tastet sich langsam an seine Geschichte heran und steigert sich dann rasch. Anfangs sind die Menschen nur feindselig und das Wetter ist verregnet. Nach und nach werden die Menschen latent aggressiv und es beginnt zu schneien, was in offenen Bedrohungen, Gewalt und einem Sturm gipfelt. Die Verschlossenheit und Ablehnung der Dorfbewohner gegenüber David Hunter geht weit über das Misstrauen gegenüber Fremden hinaus. Die Düsternis in allen Bereichen hat mir sehr gut gefallen. Charaktere und Landschaft sind bildhaft beschrieben und ich habe mir nicht nur alles gut vorstellen können, sondern auch mitgefühlt und mitgefiebert. David Hunters Entwicklung seit dem ersten Band der Reihe ist deutlich zu sehen, sein Charakter ist natürlich der am ausführlichsten beschriebene. Aber auch die anderen haben jeder sehr spezielle Eigenschaften und Merkmale, wobei das deutlichste Merkmal ist, dass jeder mindestens ein Geheimnis mit sich herumträgt. Die Abgeschiedenheit des Dorfes bemerkt man natürlich auch daran, dass alle irgendwie miteinander zu verwandt zu sein scheinen.

Für mich hat sich das Warten auf „den neuen David Hunter“ absolut gelohnt. Man kann ihn sehr gut ohne Vorkenntnisse lesen, aber natürlich sind die anderen Teile der Serie lesenswert. Die wenigen Dinge, die man aus den Vorgängern wissen muss, werden im Verlauf von „Knochenkälte“ erklärt und ein paar aus den anderen Büchern übrig gebliebene Fragen werden beantwortet (Stichwort: Brief in der Jackentasche). Von mir gibt es eine klare Lese-Empfehlung und fünf Sterne. 

 


Montag, 15. Dezember 2025

Wir sehen uns wieder am Meer - Trude Teige

Nachdem ich die ersten beiden Teile von Trude Teiges Trilogie gelesen hatte, war klar, dass ich auch den letzten Band lesen würde. Leider war „Wir sehen uns wieder am Meer“ für mich eher enttäuschend. Zwar verpackt die Autorin wie auch in „Als Großmutter im Regen tanzte“ und „Und Großvater atmete mit den Wellen“ Geschichte in Geschichten, aber persönlichen Schicksale in diesem Buch fand ich schwach und zu episodenhaft. Punkten konnte dieser Teil der Serie nur durch den historischen Hintergrund, der wie üblich gut recherchiert und sehr interessant war.

Aber von vorn.

Das Freundinnen-Dreiergespann Birgit, Tekla und Anneliese geht mit der Besetzung Norwegens durch die Deutschen 1944 vollkommen unterschiedlich um. Anneliese stammt aus einer Nazi-Familie und meldet sich freiwillig als Krankenschwester an die Front. Tekla  und ihre Geschichte sind aus „Als Großmutter mit dem Regen tanzte“ bekannt. Birgit, die Protagonistin dieses Buchs, lernt in ihrer Freizeit Russisch, ihr Russischlehrer bringt ihr neben der Sprache auch vieles über die Kultur bei. Nach dem Tod ihres Lehrers und Vertrauten, zieht Birgit nach Bodø im Norden Norwegens, schließt sich dort dem Widerstand an und trifft auf die 16jährige Nadia. Die junge Frau wurde aus der Ukraine verschleppt und arbeitet als Zwangsarbeiterin in der örtlichen Fischveredelungsfabrik. Zwischen Birgit und Nadia entsteht eine enge Freundschaft. Bei der Arbeit im Krankenhaus lernt sie den schwerverletzten Russen Alexander Abramow kennen und lieben und hilft dabei, ihn gesund zu pflegen, bis er Norwegen verlassen kann. Dank ihrer Russischkenntnisse bekommt sie nach dem Krieg einen Job beim Auswärtigen Amt in Moskau und kommt ihrem Ziel, Alexander wiederzufinden, näher. Bald werden auch verschiedene Geheimdienste auf sie aufmerksam und versuchen, sie anzuwerben.

Ich habe alle drei Teile der Trilogie hintereinander weggelesen und bin beim letzten hin- und hergerissen. Der geschichtliche Hintergrund war genauso gut recherchiert und in die Lebensgeschichte der fiktiven Charaktere eingeflochten, dennoch fand ich das Buch nicht so gut wie die Vorgänger. Da man aus den anderen Teilen weiß, dass sich Birgit, Anneliese und Tekla später in ihrem Leben regelmäßig bei Tekla auf der Insel getroffen haben, weiß man in etwa, wie die Geschichte ausgehen wird und das nahm mir die Spannung. Die Zustände im Lager und für die Zwangsarbeiterinnen, die F**ter und die Ver***ltigungen durch die Nazis, aber auch die Naivität vieler, die immer wieder betonten, dass „XY nicht so ist, wie die anderen“, sind hervorragend und bildhaft beschrieben. Manche hatten damit Recht, manche nicht, aus heutiger Sicht mit dem Wissen über die damalige Zeit, ist vieles nicht nachvollziehbar. Dennoch fand ich die Einblicke in die Gedankenwelten interessant.

Sprachlich fand ich das Buch so gut wie die anderen Teile der Trilogie, aber der Aufbau machte es für mich schwerer zu lesen. Es ist zwar alles in allem eine zusammenhängende Geschichte, aber auch eine Aneinanderreihung von Ereignissen mit einigen großen Sprüngen. Die Charaktere fand ich auch nicht ganz so greifbar beschrieben, selbst zu den Protagonisten konnte ich keine wirkliche Bindung aufbauen. Wieder einmal stellt Trude Teige starke Frauen in den Mittelpunkt ihrer Erzählung. Der Krieg wirft auch lange nach seinem Ende seine Schatten auf ihr Leben und prägt ihr ganzes weiteres Leben auf unterschiedliche Weisen.

Das Buch ist der Abschluss der Trilogie, kann aber gut ohne Vorkenntnisse gelesene werden. Ich würde fast so weit gehen, dass es für mich ein Nachteil war, die anderen Teile zu kennen. Dadurch wusste ich in etwa, wie es ausgehen würde und das nahm mir komplett die Spannung. In diesem Buch fehlte mir neben der Spannung aber auch die Emotionen, Trude Teige schreibt meiner Meinung nach in diesem Band viel distanzierter als in den anderen und das fand ich etwas enttäuschend. Auch die Tatsache, dass sie die Geschichte durch ihr „alter ego“ Juni Berke, die Enkeltochter von Tekla (Protagonistin im ersten Band) schreibt, fand ich eher befremdlich, denn dieses Buch ist kein autofiktionaler Roman. Da fand ich diesen „Twist“, dass Juni plötzlich als Autorin aller drei Bücher in Erscheinung tritt ein bisschen seltsam. Aber Trude Teige verknüpft alle eventuellen losen Enden in diesem Buch und bringt die Serie zu einem passenden Schluss. Von mir gibt es drei Punkte.