„Der tiefe Grund“ ist der zweite Teil von Anna Johannsens neuer Serie um Oberkommissarin Lea Nielsen. Auch in diesem Buch verknüpft die Autorin das komplizierte Privatleben der knapp 30jährigen Ermittlerin mit einem noch komplizierteren Fall, aber hundertprozentig überzeugen konnte sie mich damit nicht. Schon in „Das erkaufte Glück“ konnte ich mit Lea Nielsen nicht warm werden und das hat sich auch mit diesem Krimi leider nicht geändert.
Aber von vorn.
Die 25jährige Lisa Uhlen wird am frühen Morgen überfahren. Die junge Frau war mit dem Fahrrad unterwegs, als ein Auto sie rammt, der Fahrer begeht Fahrerflucht. Von Anfang an hat Oberkommissarin Lea Nielsen das Gefühl, dass hinter dem Unfall mehr steckt, denn laut erster Erkenntnis war die junge Steuerfachangestellte auf dem Radweg gefahren, als das Auto sie überfuhr und sie durch den Aufprall mehr als acht Meter durch die Luft geschleudert wurde. Als das Opfer im Krankenhaus verstirbt, ermittelt sie unterstützt von ihren Kollegen Lennart Rolfs und Julia Reinders aus Aurich in alle Richtungen. Mit Lisa Uhlens ex-Freund Paul Otten gibt es schnell einen Hauptverdächtigen, zumal sich schnell herausstellt, dass das Auto, mit dem sie überfahren wurde, gestohlen war. Wer könnte der jungen Frau nach dem Leben getrachtet haben? Während Lea und ihre Kollegen sich plötzlich in einem Sumpf aus organisierter Kriminalität befinden, muss sich die Oberkommissarin auch mit ihrem eigenen Privatleben herumschlagen: die Demenz ihres Vaters Karl schreitet voran und er braucht Rund-um-die-Uhr-Pflege und während sie nicht weiß, ob sie die Beziehung zu ihrem neuen Freund Jan vertiefen soll, taucht ihr ex-Freund Ben auf und reißt alte Wunden bei ihr auf, die sie allzu gern vergessen würde.
„Der tiefe Grund“ ist ein solider Krimi, der leider für mich keinerlei Alleinstellungsmerkmal besitzt, aber einige Wendungen in den Ermittlungen haben mich trotz des altbekannten Musters sehr überrascht. Inhaltlich und sprachlich fand ich den Krimi gut und flüssig zu lesen und alles in allem unterhaltsam. Die Charaktere haben alle ihre Ecken und Kanten, vor allem Lea Nielsen neigt zu Alleingängen, handelt unkonservativ, intuitiv und instinktiv und hat damit sehr oft Erfolg. Trotzdem finde ich sie nach wie vor nicht wirklich sympathisch, ihre Geheimniskrämerei gegenüber ihrem neuen Freund Jan und ihren Kollegen ist für sie nachvollziehbar, dass es im Buch so viel Raum einnimmt, finde ich eher nervig, neben ihr bleiben die meisten anderen Charaktere eher blass. Dass die Geschichte aus ihrer Sicht in der Ich-Perspektive erzählt wird, tut dabei ein Übriges.
Das Hauptthema, das sich nach und nach herauskristallisiert, ist organisierte Kriminalität – mehr kann ich aus Spoilergründen dazu nicht sagen. Aber so viel ist klar: momentan kommt kaum ein Krimi ohne das Thema aus und auch sonst ist es in aller Munde. Trotzdem lässt für mich der Spannungsaufbau zu wünschen übrig, erst nach etwa der Hälfte des Buchs kam für mich so etwas wie Spannung auf. Die akribische Polizeiarbeit mit der gründlichen Recherche finde ich sehr gut beschrieben, ebenfalls die Kompetenzrangeleien und Hierarchiestreitigkeiten, mit denen sich Lea herumschlagen muss.
Trotz allem kann mich das Buch nicht so sehr packen wie Anna Johannsens Charaktere aus den anderen Serien, wie die „Inselkommissarin“ Lena Lorenzen oder Enna Andersen. Es ist ein bodenständiger Krimi, mehr aber auch nicht. Beim ersten Teil der Serie hatte ich auf mehr Entwicklung in Lea Nielsens Charakter gehofft, das ging leider nicht in Erfüllung, mir fehlte bei dem Buch eindeutig die Tiefe. Von mir daher drei Sterne.