Samstag, 8. August 2026

Akte Nordsee. Die letzte Predigt - Eva Almstädt

„Die letzte Predigt“ ist der Titel des vierten Teils von Eva Almstädts „Akte Nordsee“-Reihe. Wie üblich stehen Anwältin Fentje Jacobsen und ihr Freund, der Journalist Niklas John im Mittelpunkt. Das Verhältnis der beiden ist ja ohnehin eher eine on-off-Beziehung, im Moment sind sie in einer off-Phase. Dennoch ermitteln sie gemeinsam, als in Estherwieck kurz nacheinander zwei Tote gefunden werden. Klingt spannend – ist es aber leider nicht wirklich. Für mich ist der Band der bislang schwächste der Reihe.

Aber von vorn.

Eher widerwillig bringt Fentje ihre Oma zu einer Kirchenfeier im Nachbarort Estherwieck, eines von Gretjes Patenkindern feiert dort Silberne Konfirmation. Bei der festlichen Predigt von Pastor Tammo Gerdes wird Fentje aufmerksam, denn die ist eher untypisch. Und auch sonst ist bei dem Fest vieles sehr unharmonisch, zumal ein schlimmes Ereignis schon vor 25 Jahren die Konfirmation überschattet hatte: beim Konfirmandencamp auf Sylt war eine Konfirmandin betrunken von einem Baum gefallen und die Fraktur im Bein war nie vollständig ausgeheilt, einige Jahre später war die junge Frau bei einem Motorradunfall ums Leben gekommen. Der jetzige Pastor war damals als Betreuer im Camp dabei gewesen. Ausgerechnet Lena, die Cousine der Verunglückten sorgt beim Konfirmationsjubiläum für einen Eklat, da sie sich mit ihrem ex-Mann um das Sorgerecht für den gemeinsamen Sohn streitet. Am Morgen nach der Feier wird der Pastor tot im Watt gefunden. War es ein Unfall oder hat der verwitwete Pfarrer Suizid begangen? Während die Polizei noch in alle Richtungen ermittelt, findet Paul, der beste Freund des Journalisten Niklas John die Leiche von Lena. Unverhofft gerät Niklas unter Verdacht, denn Lena hatte in der Nacht vor ihrem Tod einige Stunden in seiner Wohnung verbracht. Zwar sind Niklas und Fentje momentan getrennt, aber natürlich unterstützt sie ihn dabei, seine Unschuld zu beweisen. Hängen die beiden Todesfälle überhaupt zusammen?

Ich kenne die Serie von Anfang an und bin von diesem Teil nicht besonders angetan. Mir fehlt über weite Strecken die Spannung, das Beziehungsdrama Fentje/Niklas nimmt für mich zu viel Raum ein, dieses ständige Hin und Her nimmt dem Buch die Spannung und mir den Spaß an der Lektüre. Die beiden benehmen sich zum Teil wie unreife verliebte Teenager. Auch das charmante Norddeutsche, das die anderen Teile ausmacht, fehlt mir völlig, denn Oma Gretje hat nur sehr wenige Auftritte im Buch. Da kann die gute Beschreibung der Landschaft, und vor allem der Nordsee, auch nichts gutmachen.

Die Ermittlungen in den Todesfällen sind wie in den anderen Teilen der Reihe auch: viel Intuition, gepaart mit noch mehr Zufällen und der hilfreichen Tatsache, dass auf dem Land jeder jemanden kennt, der jemanden kennt, der hilfreich sein könnte. Schön, aber nicht unbedingt  realistisch. Ärgerlich finde ich einen Fehler, der im Buch gleich zweimal vorkommt. Der GPS-Tracker der Firma Apple heißt „Airtag“ und nicht „Airtac“. Wenn man schon einen sehr speziellen Begriff, sollte man es richtig machen, auch an einigen anderen Stellen hätte dem Buch ein sorgfältiges Lektorat nicht geschadet.

Alles in allem ist das Buch gut und flüssig zu lesen, aber konzeptionell kann es bei mir nicht punkten, obwohl ich die ungewöhnliche Konstellation (das Ermittlerteam besteht aus einer Anwältin und einem Journalisten) sehr mag. Nach einem spannenden Prolog kommt erst einmal über sehr viele Seiten nichts Nennenswertes. Wie der Auftakt zur Geschichte gehört, erfährt die Leserschaft erst einmal nichts, was ich persönlich gut und spannungssteigernd finde. Diese leise aufkeimende Spannung zerredet die Autorin dann aber mir unzähligen Nebensächlichkeiten rund um die silberne Konfirmation und das Konfirmandencamp vor 25, dazu Namen über Namen (die sind natürlich original Norddeutsch, für mich als Schwaben ungewohnt und daher verlor ich ab und zu den Faden und den Überblick). Insgesamt zieht sich der Teil zwischen Prolog und Finale ziemlich, wirklich Fahrt nimmt die Handlung erst im letzten Drittel auf.

Schon der Vorgänger von „Die letzte Predigt“ hatte mich nicht wirklich begeistert, dieser Teil der Reihe kommt über ein „unterhaltsam“ ebenfalls nicht hinaus und ich vergebe drei Sterne. Ich freue mich dennoch auf den nächsten Band und hoffe, dass Eva Almstädt dort zu ihrer gewohnten Form zurückfindet.

Tode, die wir sterben - Roman Voosen/Kerstin Signe Danielsson

Zugegeben, ich kannte das Autorenduo Roman Voosen/Kerstin Signe Danielsson vor der Lektüre von „Tode, die wir sterben“ nicht. Dieses Versäumnis bitte ich zu entschuldigen. Denn die beiden haben mit dem Buch einen Auftakt zu einer Serie geschaffen, der mich wirklich begeistert hat. Das Buch ist nicht nur absolut realistisch, sondern auch bedrückend aktuell.

Aber von vorn.

In Malmö wird der dreizehnjährige Rashid vor einer Pizzeria aus einem Auto heraus erschossen. Ist er ein Zufallsopfer, das zur falschen Zeit am falschen Ort war? Polizeibekannt ist er nicht. Gehörte er trotzdem zu einer der berüchtigten Gangs in Malmö und wurde deshalb erschossen? War es ein terroristischer Anschlag? Oder steckt ein rassistischer Grund dahinter? Droht Schweden womöglich eine neue Welle rassistischer Morde? Dem Ermittler-Duo Svea Karhuu und Jon Nordh läuft die Zeit davon, sie müssen schnell Ergebnisse liefern. Dabei haben beide privat eigentlich genug um die Ohren, Jons Frau war vor einiger Zeit bei einem Unfall ums Leben gekommen und er ist jetzt alleinerziehender Vater von zwei Kindern in Alter von fünf und sieben Jahren. Dazu war seine verstorbene Frau bei ihrem Unfalltod mit Jons Freund und Kollegen zusammen im Wagen gewesen und vermutlich hatten die beiden eine Affäre. Svea wurde nach einem schiefgelaufenen Undercover-Einsatz nach Malmö versetzt. Dieses ungleiche Paar nimmt die Ermittlungen auf, bald gibt es aber ein weiteres Opfer und Rashids bester Freund verschwindet spurlos.

Ich liebe skandinavische Krimis mit speziellen Ermittlern und realem Bezug. Daher hat mich der Klappentext von „Tode, die wir sterben“ direkt angesprochen. Und das Buch hat meine Erwartungen (ich habe bei Krimis nicht wirklich hohe Ansprüche) weit übertroffen. Die Ermittler haben beide ihr Päckchen zu tragen, zudem muss das Duo aus dem frisch verwitweten Jon und der strafversetzten Svea erst einmal aneinander gewöhnen. Jon, der stereotype Schwede (nicht besonders groß, „um die vierzig, schlank, strubbeliges, weizenblondes Haar“) trifft auf Svea, der man mit ihren schwarzen Haaren, den dunklen Augen und der braunen Haut den Migrationshintergrund ansieht, die aber übersetzt schwedische Bärin heißt (Svea heißt schwedisch, Karhuu ist nicht die finnische Sportmarke, sondern heißt in ihrem Heimatdialekt Meänkieli oder Tornedalfinnisch soviel wie Bär).

Die beiden werden vom Autoren-Paar zum Teil sehr plakativ beschrieben, aber sicher sind die Probleme, mit denen Svea aufgrund ihres augenscheinlichen Migrationshintergrunds zu kämpfen hat, realistisch und Jons Kampf, Beruf und die Erziehung zweier trauernden Kinder unter einen Hut zu bringen, ebenfalls. Die privaten Aspekte in ihrer Zusammenarbeit nehmen viel, aber nicht zu viel Raum im Buch ein. Ich konnte mich in beide Protagonisten einfühlen und finde sie hervorragend dargestellt. Die beiden müssen erst noch lernen, einander zu vertrauen und zusammenzuarbeiten, denn bislang bestechen beide durch Alleingänge.

Der Spannungsbogen ist teilweise sehr hoch, die Exkurse ins Privatleben der Ermittler stören nicht, sie sind eher als Verschnaufpausen zu sehen. Geschrieben ist das Buch überwiegend aus Sicht eines außenstehenden Erzählers, der immer nur so viel weiß, wie die Leserschaft. Ein paar „Zwischenkapitel“ sind aus der Perspektive von Taqi und Shishi erzählt, die ein bisschen Einblick in Leben und Gedankengänge von zwei migrantischen Jugendlichen geben.

Da ich die Themen „Schwedische Bandenkriminalität“, „Ausländerfeindlichkeit“ und „weltweiter Rechtsruck“ intensiv in den Medien verfolge, war mir die politische Komponente dieses Krimis bekannt und ich finde sie sehr gut auf- und eingearbeitet. Das Autorenduo schafft für mich den Spagat zwischen Politthriller und Milieustudie sehr gut. Sprachlich ist das Buch gut und flott zu lesen, die vielen Kraftausdrücke und Beleidigungen habe ich erwartet, sie lassen mich beim Lesen dennoch immer wieder zusammenzucken. Ebenfalls sehr nah an der Realität ist der Alltagsrassismus, dem sich Svea ausgesetzt sieht. Selbst ihr Kollege und Partner Jon findet dabei einige Fettnäpfchen, in die er mit voller Wucht tritt.

Mit Jon Nordh und Svea Karhuu haben Roman Voosen und seine Frau Kerstin Signe Danielsson ein interessantes Ermittlerduo mit spannender Vergangenheit und vielen Ecken und Kanten erdacht. Für mich ist „Tode, die wir sterben“ ein gelungener Serienauftakt und ich freue mich auf den nächsten Teil der Serie mit dem Titel „Schwüre, die wir brechen“. Ich empfehle das Buch allen, die Schwedenkrimis, Ermittler mit schwierigem Privatleben und gut durchdachte Krimis mit politischem Hintergrund mögen. Von mir die volle Punktzahl.

Donnerstag, 2. Juli 2026

Hitlers Gefolgsmann - Axel Spilcker

 „Die Wahrheit muss ans Licht. Der Gedanke daran wird mich nicht mehr loslassen“ – so schließt der Historiker und Journalist Axel Spilcker sein Buch „Hitlers Gefolgsmann“ über seinen Großvater Robert Ley. Das Buch ist ein äußerst interessantes und informatives Werk über den Reichsleiter der NSDAP und Leiter des Einheitsverbands Deutsche Arbeitsfront, die Biografie des geistigen Vaters der Freizeitorganisation „Kraft durch Freude“, von Projekten wie dem Volkswagenwerk in Wolfsburg, Prora auf Rügen und den Ordensburgen Vogelsang und Sonthofen. 

Axel Spilcker nähert sich seinem Großvater und dem Rest der Familie kritisch. Das Konstrukt der Sippenhaft ist mir fremd, Fakt ist aber, dass Robert Ley als einer der führenden Nationalsozialisten einer der der 24 Hauptkriegsverbrecher war, die im Nürnberger Prozess angeklagt waren. Einer „der einflussreichsten Agitatoren der Zeit des Nationalsozialismus“ entzog sich der Verurteilung schon vor Prozessbeginn durch Suizid. Spilckers Buch beschreibt sowohl die politische Person Robert Ley als auch den Privatmann. Zugegeben, sympathisch sind sie beide nicht. Der politische Emporkömmling schaffte es, als Bauernsohn aus dem Nichts zu kommen und Karriere zu machen. Protegiert von seinem großen Idol Adolf Hitler konnte der promovierte Chemiker zeitweise seinen Hang zum Größenwahn ausleben. Der Ausbau seines Musterguts Rottland im Bergischen Land wurde beispielsweise von der Reichskanzlei mit gut einer Million Reichsmark bezuschusst. „Endlich kann er [Ley] in seiner Heimat den Menschen zeigen, dass er es ganz nach oben geschafft hat.“ Was vermutlich keiner wusste: Leys Aufstieg wurde zum Teil durch Intrigen und Korruption ermöglicht. 

Dabei war der Politiker auch in der eigenen Partei umstritten. Propagandaminister Joseph Goebbels bezeichnete seine Reden als „Dilettantismus, der zum Himmel schreit“. Weggefährten bezeichneten ihn als „Ochsenfrosch der Partei“ (Lutz Graf Schwerin von Krosigk), als „lächerlichen Kobold“ (Walter Darré) und auch seine Alkoholsucht sorgte für Spott und Häme, wobei Worte wie „Reichstrunkenbold“ und „Immerblau“ fielen. 

„Eine innere Zerrissenheit zieht sich durch die Linien der Angehörigen. Ich habe miterlebt, wie etliche Verwandte Robert Ley noch in den 70er- und 80er-Jahren verehrten.“ So zum Beispiel Spilckers Tante Renate, die älteste Tochter Robert Leys aus seiner ersten Ehe (insgesamt hatte Ley vier eheliche Kinder und einen unehelichen Sohn). Wie auch Ley selbst, sah sie ihn als unschuldig an („Robert Ley hingegen, einer der Architekten des deutschen Gewaltregimes, wähnt sich unschuldig. »Von alledem was ich bisher gefragt worden bin über: deutsche Arbeitsfront, meine Tätigkeit als Reichsorganisationsleiter – ist nichts enthalten, was irgendwie den Menschen Schaden gebracht hätte, sondern Deutschen wie Fremdvölkischen ungeheuren Nutzen und Segen.«“) Dabei hatte er bis zu seinem Tod weder den Antisemitismus noch seine Loyalität zu Adolf Hitler abgelegt. „Eine Schlussfolgerung, die deutlich belegt, dass da einer gar nichts begriffen hat.“ – so lautet ein Fazit, das Axel Spilcker zieht. 

Nach Robert Leys Tod legten die Nachfahren gegen seinen ausdrücklichen Wunsch den Namen „Ley“ ab („Ich habe eine Bitte, meine Kinder sollen nicht ihren Namen ablegen. Er wird wieder vom Volk geehrt und geliebt werden, ich kenne mein deutsches Volk. Die Kinder werden einmal stolz sein, meine Kinder zu sein.“) Auch schaffte die Familie es, sich Besitztümer zurückzuholen. „Ein skandalöses Urteil zugunsten meiner Familie“ nennt Spilcker das Ganze. Man klagt sich nämlich nicht nur Gut Rottland ein. „Selbst kleinere Hinterlassenschaften werden ein Fall für die Justiz“. Das schlechte Gewissen hält sich bei meinen Verwandten in Grenzen. „Wir hatten immer das Gefühl, das gehört uns. Und uns steht das zu“, führt man im Rückblick aus. Noch heute tut sich die Familie schwer, zwischen Gut und Böse bei Robert Ley zu trennen. »Als Politiker, das hat man natürlich nie gutgeheißen. Das wäre ja absurd. Aber wo es um die wirtschaftlichen Vorteile ging, dann schon.«

Das Buch liest sich wie ein spannender Roman. Sprachlich ist es flüssig zu lesen, unterfüttert mit vielen Fußnoten und Verweisen. Leider hat es auch einige sehr ärgerliche Schreibfehler. Aber die störten berufsbedingt vermutlich nur mich. Das Buch ist ein wichtiges Werk, heute vielleicht wichtiger denn je. Es zeigt nicht nur den kometenhaften Aufstieg eines vormals unpolitischen einfachen Bauernsohn. Es zeigt auch den Umgang der Nachwelt mit diesem. Eine Familie, die ihn einerseits teilweise noch als Helden verehrt, auf der anderen Seite aber den verräterischen Nachnamen abgelegt hat. Eine Regierung, die nur halbherzig entnazifiziert und den Nachkommen aus Bequemlichkeit die Besitztümer zurückgibt. Und einen Enkel, der Schuldgefühle für etwas hat, für das er nichts kann. 

Da die Zeitzeugen immer weniger werden, sind Bücher wie dieses noch wichtiger geworden. Ich empfehle es jedem, der der Meinung ist: „Nie wieder ist jetzt!“


Dienstag, 2. Juni 2026

Vilhelms Zimmer - Tove Ditlevsen

Tove Ditlevsens Werk unabhängig von ihrer Biografie zu lesen, scheint mir unmöglich. Daher habe ich mich vor der Lektüre von „Vilhelms Zimmer“ auch noch einmal eingehend mit der Vita der dänischen Schriftstellerin befasst. Ihre „Kopenhagen-Trilogie“ kannte ich bereits, ebenso „Gesichter“. Lise Mundus, die Hauptfigur in „Vilhelms Zimmer“, ist so etwas wie Tove Ditlevsens „alter ego“, denn sie war auch in „Gesichter“ aus dem Jahr 1968 die tragende Figur. Oder auch die „tragische Figur“. „Vilhelms Zimmer“ erschien 1975 und war das letzte von ihr selbst veröffentlichte Werk, ein Jahr später beging Tove Ditlevsens Suizid. Jetzt gibt es das Buch auch auf Deutsch, meisterlich übersetzt von Ursel Allenstein, die auch ein erklärendes und wichtiges Nachwort dazu verfasst hat.

Aber von vorn.

Die Schriftstellerin Lise Mundus ist 51 Jahre alt, als sie nach der Trennung von ihrem Mann Vilhelm in der Psychiatrie landet. Die toxische Ehe hat in den 20 Jahren ihres Bestands Spuren bei ihr hinterlassen, daher ist es nicht ihr erster Aufenthalt in der Klinik. Jetzt hat Vilhelm sie endgültig verlassen, er ist mit seiner Geliebten Mille zusammengezogen, obwohl diese „weder jung noch hübsch oder intelligent war, dafür aber eine Herzenskälte besaß, die selbst die unsere übertraf“. Zurück bleiben also Lise, ihr „prächtiger Sohn“ Tom und ein leeres Zimmer. Die „vorübergehend von einer Nervenkrise außer Gefecht gesetzte“ Lise, „eine Größe der dänischen Literatur“,  sucht daher also per Zeitungsanzeige einen Mann, „Autofahrer bevorzugt.“ Kurt meldet sich auf die Anzeige und zieht nicht nur in Vilhelms leerstehendes Zimmer ein, sondern zieht auch Vilhelms zurückgelassene Anzüge an. Er ist 20 Jahre jünger als Lise und füllt die Lücke, die Vilhelm hinterlassen hat. Und das Leben geht weiter, bis zu dem Punkt, an dem es eben nicht mehr weitergeht.

„Vilhelms Zimmer“ ist Tove Ditlevsens letztes Buch und damit ihr literarisches Vermächtnis. Wie von ihr nicht anders gewohnt, steckt unendlich viel von ihr selbst in den geschriebenen Zeilen. Es wirkt ein bisschen so, als habe sie eine imaginäre Checkliste anhand ihres Lebens beim Schreiben abgehakt: toxische Ehe? Check! Fremdgehender Ehemann? Check! Depression, Sucht, Suizidversuche, Psychiatrie? Jawohl, Haken dran! Diese Themen bestimmten ihr Leben und ihr Werk. 

Ähnlich einer Kurzgeschichte wird die Leserschaft bei den meisten Büchern von Tove Ditlevsen direkt in die Handlung geworfen, das „Vorher“ muss man sich während der Lektüre erarbeiten. Stilistisch ist das Buch ebenfalls so, wie ich es von der Autorin erwartet habe. Sprachlich dicht, ein bisschen verworren, teilweise sehr lange und anspruchsvoll konstruierte Sätze und eine Unmenge an Informationen in den Zeilen, aber auch dazwischen. Schlecht für mich, weil ich ein notorischer Quer-Leser bin. Tove Ditlevsen überlässt nichts dem Zufall, bei ihr sitzt jedes Wort, jeder Satz, jedes Komma. Allerdings schreibt sie meist seltsam emotionslos. Ist es die Abgeklärtheit, die die Distanz schafft oder die betäubende Wirkung der Substanzen, die sowohl sie als auch ihre Protagonistin konsumierten?

Die Beschreibungen der Charaktere ist ebenfalls „typisch Ditlevsen“. Die Männer sind eher einfach gestrickt: Vilhelm ist ein notorisch fremdgehender Trinker, der seine Frauen unterdrückt und „sein Ding durchzieht“. Lise ist da komplexer. Sie ist Hausfrau, Autorin und Mutter, wird von ihm aber in die Rolle der unterwürfigen, ja hörigen, grauen Maus gedrängt. Diese lässt sie zusammen mit ihrer Ehe hinter sich, bleibt ihrem Mann aber emotional verbunden, er füllt viel zu oft ihre Gedanken und bestimmt auch aus der Ferne noch einen Teil ihres Handelns, sie wird ja auch durch Vilhelms leerstehendes Zimmer ständig an ihn erinnert.

Das Buch ist sicher eine realistische Beschreibung vieler Ehen, vor allem der Zeit des aufkeimenden Feminismus. Allerdings scheitern Ditlevsens Protagonistinnen meistens bei ihrem Versuch, sich aus der Hassliebe zu befreien – so, wie sie selbst es, nicht zuletzt aufgrund ihrer Suchterkrankung, auch nie wirklich geschafft hat. Das Buch wirkt daher eher zeitlos als nostalgisch oder altbacken.

„Mein einziger, leidenschaftlicher Wunsch besteht darin, das Buch meines Lebens über dich und mich zu schreiben, nicht als Racheakt, sondern einfach nur als Geschichte über eine große Liebe und deren Scheitern“ – so zitiert Übersetzerin Ursel Allenstein einen Brief Tove Ditlevsens an ihren ex-Mann Victor Andreasen. Herausgekommen ist ein schwieriges und schonungslos ehrliches Buch, das mich tief bewegt hat.

 

Dienstag, 26. Mai 2026

Betrogen. Ein Fall für Sieg und Röber - Nella Beinen

„Betrogen“ ist (hoffentlich) der erste Teil einer neuen „Ein Fall für Sieg und Röber“-Serie von Nella Beinen. Das Buch erschien 2024 und 2025 in verschiedenen Auflagen und macht trotz einiger Abzüge wirklich Lust auf mehr.

Aber von vorn.

Dem Ermittlerduo bestehend aus Hauptkommissarin Susanne Röber und Kommissar Benjamin Sieg wird zu Promotionszwecken eine gelernte Journalistin zur Seite gestellt. Doch Alexandra Bieberach ist nicht nur Fachfrau für Social Media und die Außendarstellung der Polizei, sondern auch Benjamins ex-Freundin. Die beiden haben eine unschöne Trennung hinter sich und sollen jetzt zusammenarbeiten. Alex wird direkt ins kalte Wasser geworfen, denn, kaum ist sie in der Dienststelle angekommen, gibt es in der fiktiven niederrheinischen Stadt Niederschwicht auch schon den ersten Mord. Die Gymnasiallehrerin Gertrud Reichel wird tot in einem Garten gefunden. Davor war sie bei einer  Presbyteriumssitzung gewesen. Die Ermittlungen werden wesentlich komplizierter als sich die Ermittler gedacht hätten. Hat der Mord etwas damit zu tun, dass von der Kirchengemeinde ein enorm wertvolles Kreuz gestohlen wurde? Schließlich kannte die Tote den Code für den Safe. Hat ihr Mann sie aus Eifersucht getötet? Oder wurde sie Opfer unzufriedener Schüler? Nach und nach geraten zahllose Menschen in ihrem Umfeld in den Fokus der Ermittler.

„Betrogen“ ist für mich ein Krimi voller Überraschungen. Erstens ist bei den Ermittlungen sehr wenig so, wie es auf den ersten Blick aussieht. Zweitens ist im Privatleben der Ermittelnden noch weniger so, wie es scheint. Dennoch schafft die Autorin den Spagat zwischen Kriminalfall und Privatleben der Ermittelnden und herausgekommen ist ein spannender Krimi mit vielen Verdächtigen und sehr vielen (falschen) Spuren, der zum Miträtseln einlädt. Dazu kommt die Dreiecksbeziehung zwischen Ben, seiner ehemaligen Freundin Alexandra und deren jetzigem Lebensgefährten Tom. Auch die lädt zum Miträtseln ein, denn lange ist unklar, was zwischen den Dreien vorgefallen ist.

Sprachlich fand ich das Buch etwas unausgegoren. Zum einen hat es ein paar Schreibfehler, zum anderen fand ich die Wortwahl an manchen Stellen schlicht falsch. Generell habe ich an Krimis keine übermäßig großen Ansprüche, aber diesem Buch hätte ein besseres Lektorat gutgetan und, da die Geschichte gut konstruiert und die Idee dahinter wirklich gut ist, hätte es eine gründlichere Durchsicht vor der Drucklegung auch verdient gehabt. An manchen Stellen nahm mir eine holprige Sprache auch etwas die Lesefreude und den eigentlichen Spaß an dem Krimi.

Aber abgesehen davon fand ich das Buch durchaus gelungen. Wir gesagt, die Idee finde ich hervorragend, die Ermittlungsarbeit solide und als Leser fand ich mich auch gut abgeholt. Die Verknüpfung mehrere Fälle, die verzwickten Ermittlungen und das komplizierte Privatleben hat mir gut gefallen. Schön fand ich auch, dass das Publikum immer auf demselben Wissensstand ist wie die Ermittelnden. Die Charaktere finde ich sehr gut ausgearbeitet, jede/r hat seine Eigenheiten und ich würde mich freuen, wenn in die Serie weitergeführt würde und man mehr über Alexandra, Ben, Tom und Susanne erführe.

Mein Fazit lautet daher: ausbaufähig und leider nicht das komplette Potential ausgeschöpft, aber dennoch ein solider und unterhaltsamer Krimi, der sich flott lesen lässt. Vier Sterne.

Todesflut - Katharina Peters

„Todesflut“ ist der zehnte Teil der „Emma Klar“-Serie von Katharina Peters und der sechste Teil der Reihe, den ich gelesen habe. Es hat mich, wie auch die anderen Bücher, sehr gut unterhalten, es war ein bodenständiger und spannender Krimi. Wie der Titel allerdings zustande kam, kann ich mir nicht erklären. Er hat praktisch nichts mit dem Buch zu tun, sondern eher mit dem „Gesetz der Serie“, denn auch die anderen Buchtitel beginnen mit „Todes-“.

Aber von vorn.

Staatsanwältin Ulrike Steiner beauftragt Privatermittlerin Emma Klar mit der Suche nach der aus dem Lübecker Gefängnis geflohenen Karina Pohl. Diese war wegen des Mordes an ihrem ex Freund Stefan Mahler verurteilt worden. Die junge Frau hatte sich nie zu der Tat oder einem Motiv geäußert und war aufgrund von Indizien (Blut und DNA-Spuren auf ihrer Kleidung) verurteilt worden. Jetzt ist sie aus dem Gefängnis entkommen und untergetaucht. Emma Klar macht sich mit Unterstützung ihres IT-Spezialisten Jörg Padorn auf die Suche. Emmas erste Vermutung ist, dass Karina eventuell gar nicht die Täterin war. Außerdem ist ihr klar, dass sie Hilfe bei ihrem Ausbruch gehabt haben muss. Das Ermittlerteam taucht in Karina Pohls Umfeld ein, beleuchtet den Mord an Stefan Mahler genauer und stößt unvermutet auf einen Cold Case, der das Interesse weckt. Zwei Jahre zuvor war bei den Mammutbäumen im Leonorenwald die Leiche einer jungen Frau gefunden worden. Elisa Barth war eine Freundin von Karina gewesen und hatte eine Zeitlang in derselben Marketingfirma gearbeitet wie Stefan, diesen allerdings nicht wirklich gemocht. Stefan war später für eine Lübecker Stiftung tätig gewesen, die sich für obdachlose Menschen engagiert. Nach und nach kristallisieren sich neun Fälle von verschwundenen obdachlosen Frauen heraus, die alle irgendwie mit der verschwundenen Karina Pohl und dem ermordeten Stefan Mahler zusammenhängen können. Von drei der Frauen wurden die Leichen gefunden. Was wurde aus den anderen? Und wie hängt alles zusammen? Wer steckt hinter alledem? Was das Ermittlerteam noch nicht ahnt: sie stechen in ein Wespennest ungeahnten Ausmaßes und am Ende sieht alles völlig anders aus.

Ich gebe zu, auf den ersten Seiten hatte ich keine Ahnung, wohin das Buch mich führen würde. Der Prolog konnte alles und nichts bedeuten (die Auflösung dazu kommt kurz vor Ende). Aber schon nach rund 20 Seiten hatte der Krimi mich gepackt und ich konnte ihn nur schwer aus der Hand legen. Angenehm fand ich auch, dass ein Buch, das im Jahr 2020 spielt, ohne ständige Verweise auf die Pandemie und die Maßnahmen auskommt. Natürlich wird sie aber am Rande ab und zu erwähnt. Die Ermittlungen sind komplex, was als einfache Suche nach einer flüchtigen Mörderin beginnt, entwickelt sich zu einer Suche nach neun verschwundenen jungen Frauen (daher vermutlich der Titel, denn aus einem Ermordeten wird eine wahre „Flut“ von Toten). Durch die Besprechungen zwischen den beteiligten Teams werden die Ermittlungsstände immer wieder rekapituliert, für Menschen wie mich, die gerne mal querlesen eine großartige Möglichkeit, auf dem Laufenden zu bleiben.

Katharina Peters schreibt flüssig, ihr Stil ist bodenständig und gut lesbar. „Todesflut“ ist ein gut konzipierter Krimi mit einer Mischung aus Cold Case und aktuellem Fall, die zwar miteinander verknüpft, aber vollkommen anders geartet sind (das eine ist die geflohene verurteilte Mörderin, das andere die verschwundenen und die ermordeten obdachlosen Frauen). Der Spannungsbogen ist nach kurzer Zeit sehr hoch und vor allem gegen Ende bin ich nur so durch die Seiten geflogen. Die Charaktere sind mir schon aus mehreren Teilen der Reihe bekannt, daher war es für mich ein Treffen mit alten Bekannten. Emma Klar und ihre Art finde ich nach wie vor etwas schwierig, ihre Alleingänge werden aber durch ihren hervorragenden Instinkt und ihr verlässliches Bauchgefühl ausgeglichen. Mein Liebling ist und bleibt aber Jörg Padorn, der immer besonnene aber einfach geniale Rechercheur.

Band 10 der Serie ist also für mich wieder mal ein Volltreffer gewesen, ich lege das Buch allen ans Herz, die komplexe Krimis mit eigenwilligen Ermittelnden mögen. Das Buch ist auch ohne Vorkenntnisse gut verständlich, alle nötigen Informationen aus den anderen Teilen werden geliefert. Aber natürlich sind auch die Vorgänger spannende Krimis, deren Lektüre ich ebenfalls empfehle. Von mir fünf Sterne.

Odyssee - Stephen Fry

Mit „Odyssee“ hat Stephen Fry das geschafft, was mein Vater und mein Onkel jahrelang versucht haben: mich für griechische Mythologie zu begeistern. Es ist der vierte Teil der „Mythos“-Tetralogie und für mich ein unerwarteter Volltreffer. Der Inhalt war mir ja leidlich bekannt, aber die Sprache Stephen Frys, hervorragend übersetzt von Matthias Frings geben dem Ganzen einen sehr speziellen Touch.

Aber von vorn.

„Odyssee“ ist ja im allgemeinen Sprachgebrauch die Bezeichnung für eine Irrfahrt. Woher kommt der Begriff eigentlich? Na klar, von den alten Griechen. Genauer gesagt: weil Odysseus sich seinerzeit nach dem langen Krieg in Troja auf dem Heimweg verfahren hat und zehn Jahre lang über die Meere geirrt ist. Dabei mussten er und seine Mannschaft sich Stürmen, mythischen Wesen wie Zyklopen, Hexen und Sirenen und allerlei anderem Unbill stellen, denn die Götter waren sauer auf ihn, und machten ihm das Navigieren so schwer wie möglich. Als er endlich wieder in Ithaka ankam, war die Überraschung groß, denn Odysseus‘ Frau Penelope und seine Kinder hatten ihn schon aufgegeben. Der Rest ist Geschichte. Oder Mythos.

In meiner Jugend habe ich immer wieder vergeblich versucht, mich in die griechische Mythologie einzufinden. Mein Onkel schenkte mir Schmuckausgaben von Homers „Ilias“ und „Odyssee“, die stehen immer noch angestaubt in meinem Regal neben der Ausgabe von Gustav Schwabs "Sagen des klassischen Altertums". Stephen Frys Herangehensweise an die Themen hat mich hingegen komplett abgeholt. Seine freie Interpretation der Geschichten, sein Stil und die Tatsache, dass ich beim Lesen immer seine Stimme im Kopf hatte, haben mich begeistert. Endlich habe ich einen Zugang zu dem „wer ist wer“, „wer-mit-wem“ und „wer-gegen-wen“ in der griechischen Mythologie gefunden.

Stephen Frys Schreibstil ist flott und er übersetzt den Stoff von Homer in eine moderne Sprache. Er schreibt locker, setzt aber einige Grundkenntnisse zur Materie voraus, was aber selbst mir keine Probleme bereitet hat. Sogar ich konnte der Handlung folgen, und das will etwas hießen. Manchmal kam ich mir vor wie ein gebannter Zuhörer, dem Stephen Fry in einem gemütlichen Plauderstündchen die griechischen Heldensagen erzählt. Frei, aber nicht zu frei (die Details stimmen alle mit dem Original überein), charmant und dennoch locker aus der Hüfte. Die Ironie, die man vom Autor gewohnt ist, darf nicht fehlen, oft liest man ein Augenzwinkern heraus. Da wird selbst die wildeste Irrfahrt zum Vergnügen – zumindest für die Leserschaft, für die Beteiligten bekanntermaßen eher weniger.

Für mich war der Ausflug in die Welt der Mythen, Helden und Götter auf jeden Fall ein größerer Spaß als ich mir jemals vorstellen konnte. Die ersten drei Teile der Tetralogie muss ich unbedingt auch noch lesen, wobei ich aus meiner Erfahrung sagen kann, dass man auch den vierten Teil unabhängig von den anderen lesen und verstehen kann, solange man wenigstens über ein kleines bisschen Grundwissen zu dem nicht unkomplizierten Thema verfügt. Mein Weg zur „Odyssee“ hat rund 40 Jahre gedauert, im Vergleich dazu war die „Original Odyssee“ mit ihren zehn Jahren ja fast ein Kurztrip. Von mir volle Punktzahl.