Donnerstag, 23. April 2026

Rügenmord - Katharina Peters

Mit „Rügenmord“ legt Katharina Peters bereits ihren 15. Romy-Beccare-Krimi vor. Natürlich nimmt sie ihr Publikum wieder mit nach Rügen, natürlich gibt es wieder einen Mordfall und natürlich ist das Buch gewohnt spannend. 

Aber von vorn.

Am Rande von Poseritz auf Rügen brennt eine Scheune ab, die als Lagergebäude genutzt wurde. Doch neben den erwarteten verkohlten Antiquitäten finden die Einsatzkräfte die Leiche eines jungen Mannes. Erste Ermittlungen ergeben, dass es sich bei dem Toten um Tom Kappler handelt. Er hatte nicht zufällig in der Scheune übernachtet und war ein Opfer der Flammen geworden, die Scheunentür war von außen verschlossen gewesen. Kappler war Buchhalter, der eigentlich in Berlin zu Hause war. Aber der 30-Jährige war vielseitig begabt, neben seinen Aushilfsjobs als Buchhalter hatte er eine große Leidenschaft für Musik gepflegt und auch als Musikproduzent gearbeitet. Er war wegen seiner hilfsbedürftigen Mutter in Greifswald – und wegen einer Affäre mit dem verheirateten Gastronomen Robin Baumann. Hat ihn diese heimliche Beziehung das Leben gekostet oder steckt hinter dem Mord etwas vollkommen Anderes? Kriminalkommissarin Romy Beccare und ihr Team aus Marco Buhl (Leider der Kriminaltechnik), Maximilian Breder (entscheidender Kommissar im Innendienst) und Kriminalkommissar Gregor Reymann machen sich, unterstützt von Romys Mann Jan Riechter (Leiter des Kriminalkommissariats Stralsund) an die Ermittlungsarbeit. Die Spur führt ins organisierte Verbrechen und der Fall nimmt Dimensionen an, die alle in ihrer Komplexität überraschen.

Romy Beccare war von Anfang an eine der Figuren von Katharina Peters, die mich begeistert hat. Da macht auch das neue Buch keine Ausnahme. In diesem Band der Serie wagt die Autorin den Crossover zu einer ihrer anderen Serien, Privatermittlerin Emma Klar aus den „Ostseekrimis“ unterstützt Romys Team. Die Charaktere sind hervorragend ausgearbeitet. Natürlich sind für den Kenner der Serie Romy Beccare und ihr Team keine Unbekannten und trotzdem schafft die Autorin es, allen immer noch neue Nuancen auf den Leib zu schreiben. Vor allem baut sie natürlich den „Neuen“ in der Runde aus, denn Kommissar Gregor Reymann ist erst seit rund zwei Jahren mit dabei. Durch seine sehr spezielle Art hat er sich allerdings schnell zu meinem Liebling entwickelt. Auch die Verdächtigen, Zeugen und das Opfer bekommen ihre eigenen Persönlichkeiten. Das Publikum fiebert und rätselt so natürlich noch intensiver mit. Und, was soll ich sagen, ich lag ja bei meinen Verdächtigen komplett falsch.  

Der Spannungsbogen ist bei dem Buch ist konstant sehr hoch. Die vielen falschen Fährten und die zahlreichen Verdächtigen tun da ihr Übriges. Schon von der ersten Seite an entwickelt die Geschichte einen gewissen Sog, dem man sich nicht entziehen kann. Nur wenn die Ermittlungen auf der Stelle treten und sich nichts weiterzuentwickeln scheint, geht der Spannung ein bisschen die Luft aus. Tatsächlich habe ich das Buch aber in einem Rutsch durchgelesen, durch die angenehme Sprache ist flott und gut zu lesen. Die mehrfache Verwendung von „Coachfrau“ fand ich allerdings nicht nur störend, sondern auch ein falsch gewähltes Wort und das bremste meinen Lesefluss enorm. Zwar finde ich den richtigen Ausdruck „Coachin“ auch nicht wirklich besser, aber er wäre korrekt und eventuell hätte die Autorin einfach eine andere Bezeichnung wählen können. 

Anders als bei „Kreidemord“ spielt das Privatleben der Ermittelnden nur eine sehr untergeordnete Rolle, solide Polizeiarbeit steht eindeutig im Mittelpunkt. Die Beschreibung derselben scheint realistisch zu sein, auch die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Dienststellen und Instanzen – nicht zu reibungslos, aber auch nicht zu viel Kompetenzgerangel. Leider gibt es auch weniger Lokalkolorit als ich es von Katharina Peters gewohnt bin. Alles in allem ist das Buch eventuell etwas überladen. Eine falsche Fährte, ein Verdächtiger oder ein kriminalistischer Ansatz weniger hätte der Geschichte möglicherweise nicht geschadet. Aber das ist Meckern auf hohem Niveau, denn ich fand das Buch hervorragend, eine lohnende Lektüre und von mir gibt es daher fünf Sterne. 


Das Lächeln der Königin - Stefanie Gerhold

Kunst und Geschichte sind zwei Themen, die mir wichtig sind. Daher fand ich Stefanie Gerholds Buch „Das Lächeln der Königin“ ideal, zumindest nach dem, was der Klappentext versprach. Leider konnte der Archäologieroman meine Erwartungen nicht erfüllen. Es ist mit Sicherheit nicht schlecht, aber für mich war es absolut nicht das Richtige.

Aber von vorn.

James Simon wollte eigentlich klassische Philologie studieren, hatte er doch eine Vorliebe für Latein, Griechisch und Alte Geschichte. Allerdings übernahm er das Textilunternehmen seiner Familie und lebte seine Leidenschaft als Sammler aus und finanzierte Ausgrabungen, wie beispielsweise die Ausgrabung Ludwig Borchardts in Achetaton (heute Tell el Amarna). Borchardts Team machte im Dezember 1912 dort einen sensationellen Fund: im Atelier des Bildhauers Thutmosis fanden sie die weitgehend unversehrte Kalksteinbüste der Nofretete. Anders, als Simon es geplant hatte, wanderte das Artefakt zuerst einmal für mehrere Jahre ins Archiv. Ausgräber Ludwig Borchardt hatte seinem Geldgeber zwar versichert, die „Fundteilung“ sei in Ordnung, aber es hatte einige Differenzen zwischen den britischen Besatzern, dem damaligen ägyptischen Antikendienst (der stand unter französischer Leitung) und den Inhabern der Grabungslizenz gegeben. Letztendlich landete die „Königin“ dann aber bei Simon in Berlin und nicht im British Museum in London oder im Louvre in Paris. 1924 wurde sie zum ersten Mal ausgestellt.

Stefanie Gerhold zeichnet in ihrem fiktionalen Buch anlässlich des 100. Jubiläums der ersten Nofretete-Ausstellung den Weg der Büste von der Ausgrabungsstätte bis zur Ausstellungsstätte nach. Das tut sie zwar nicht schlecht, aber für mich war das Buch nichts Ganzes und nichts Halbes. Es ist keine richtige Biografie Simons oder Borchardts und es ist kein archäologisch-historisches Fachbuch. In manchen Aspekten ist mir das Buch zu oberflächlich und damit hat die Autorin ein enormes Potential verschenkt, weder die Personen noch die Zeitgeschichte kommen ausreichend zu ihrem Recht. Vor allem bezüglich der Person James Simon finde ich es sehr schade, er ist ein so interessanter Charakter und Stefanie Gerhold wird ihm meiner Meinung zu wenig nicht gerecht.

Der aufkeimende Nationalsozialismus und stete Antisemitismus werden natürlich erwähnt, Simons Rolle als „Kaiserjude“ wird gestreift, vor allem sein Verhältnis zu seinem Berater, dem Kunsthistoriker und Museumsfachmann Wilhelm von Bode, den er eigentlich als Freund ansah, der aber schnell einen starken Antisemitismus zur Schau stellte. Die bürokratischen Hürden der „Fundaufteilung“, die Probleme und Streitereien im wissenschaftlichen Betrieb, die überwiegend durch Neid getrieben wurden, beschreibt sie hingegen sehr ausführlich und anschaulich. Mit dieser Gewichtung macht sie das Buch aber meiner Meinung nach zu einem Werk „für echte Fans“ und nicht für durchaus interessierten Laien wie mich.  

Sprachlich ist das Buch gut und flüssig zu lesen, das Konzept ist durchaus gelungen. Die Aufteilung zeigt von Anfang an deutlich, dass der Fund das eine ist, die Bürde, die er mit sich bringt, aber auf einem ganz anderen Blatt steht. Mir fehlt auch ein bisschen die Einordnung, dass weder die britische Besatzungsmacht in Ägypten noch der damalige ägyptische Antikendienst (Département d’Antiquités) unter französischer Leitung oder das Gespann Simon/Borchardt irgendein Recht auf die Büste der Nofretete hatten, sondern einzig der ägyptische Staat. Und dennoch steht die „Königin“ bis heute in einem Berliner Museum.

Für mich war das Buch leider nichts, aber das liegt nicht an dem Roman, sondern an meinen falschen Erwartungen. Daher vergebe ich vier Sterne.

Donnerstag, 2. April 2026

Ostseedämmerung - Eva Almstädt

Eva Almstädts „Pia-Korritki-Krimis” sind eigentlich immer ein Garant für spannende Lektüre. Bei ihrem 20. Fall „Ostseedämmerung“ bin ich mir allerdings etwas unsicher. Ja, das Buch war spannend und hat mich bestens unterhalten. Aber mit dem Setting und vor allem mit den von der Autorin für ihre Charaktere gewählten Namen konnte ich mich nur sehr schwer anfreunden. Alles in allem war es für mich aber dennoch ein gelungenes Werk. 

Aber von vorn. 

Katharina und Vito, zwei Kinder aus dem beschaulichen Dorf Hövelau, finden beim Spielen in einem Teich auf dem Gelände eines Gutshofs ein Artefakt aus der Wikingerzeit. Gutsherr Hubertus von Streben nimmt den Kindern die bronzene Gewand-Fibel ab, meldet den Fund aber der Polizei. Die bringt das Stück schnell mit einem rund eineinhalb Jahre alten Vermisstenfall in Verbindung. Die Archäologiestudentin Mira Schneider hatte die Fibel damals gefunden und war mitsamt dem Artefakt spurlos verschwunden. Sie hatte sich in einer kleinen Kate auf dem Gelände des Gutshofs eingemietet. Pia Korritki und ihr Team rollen den Fall wieder auf und ermitteln in alle möglichen Richtungen. Pias Eltern werden ebenso durchleuchtet wie der noch-Ehemann, ihr Chef, Kollegen und natürlich ihr Vermieter Hubertus von Streben und andere Bewohner von Hövelau. Aber die Ermittlungen kommen nur sehr schleppend voran, denn die Aussagen sind zum Teil sehr gegensätzlich und alles in allem sind die Befragten nur wenig hilfreich. Kurze Zeit später wird in einem  Waldstück in etwa 3 km Entfernung Miras Leiche gefunden, die gerichtsmedizinischen Untersuchungen ergeben schnell, dass die junge Frau ermordet wurde. Der Fall wird immer komplexer und als die Ermittlungen dann erste Ergebnisse zu bringen scheinen, verschwindet Pias Kollege Heinz Broders ebenfalls spurlos und die Suche nach ihm bekommt oberste Priorität. 

„Ostseedämmerung“ ist für mich ein solider und bodenständiger Krimi. Aber es gibt bei diesem Buch für mich ein großes „Aber“. Die Namen, die Eva Almstädt ihren Charakteren auf den Leib gedichtet hat, erinnerten mich schwer an die Adels- oder Fürstenromane, die meine Oma so gern gelesen hat. Hubertus und Penelope, Vito und Katharina (genannt Trine) – das fand ich alles irgendwie viel zu altbacken und übertrieben konservativ. Dabei sind die Charaktere allesamt gut beschrieben und bei weitem nicht so verknöchert, wie ich es bei ihren Vornamen erwartet hätte. Auch die anderen Charaktere sind sehr bildhaft beschrieben, Fans der Serie kennen Pia Korritki und ihr Umfeld ja schon seit Jahren und konnte die Entwicklung mitverfolgen. Ich bin da eher ein „Spätberufener“. Pias Entwicklung spielt in der Reihe eine große Rolle, auch in diesem Band ist ihr Privatleben ist mit Freund Marten vom LKA Kiel, ihrem ex-Freund Hinnerk und ihrem Sohn Felix turbulent.

Und so wurde es dann doch nicht die befürchtete „Götterdämmerung“, sondern eine spannende Lektüre. Die Geschichte ist gut konstruiert und clever aufgebaut, der Spannungsbogen steigt kontinuierlich an. Etwa ab der Hälfte des Buchs bin ich nur so durch die Seiten geflogen, die Ausflüge in Pias Privatleben waren da willkommene Verschnaufpausen. Die Kombination aus dem Cold Case mit der verschwundenen Studentin, dann die Mordermittlungen und zuletzt die fieberhafte Suche nach dem verschwundenen Kollegen Heinz Broders gibt dem Buch einen ganz besonderen Touch. Da habe ich auch wirklich mitgefiebert, vor allem, da der Teil des Buchs aus seiner Perspektive erzählt wird. Die Sprache ist bodenständig und das Buch liest sich sehr flüssig. Der Lokalkolorit kommt, wie von Eva Almstädt nicht anders gewohnt, auch nicht zu kurz. Der Schluss ist stimmig und so ist das Buch für mich eine runde Sache und eine unterhaltsame Lektüre. Von mir fünf Sterne.


Fünf Fremde - Romy Fölck

Vorab: ich liebe die Frida Paulsen-Krimis von Romy Fölck, daher dachte ich, ich könnte mit ihrem neuesten Buch „Fünf Fremde“ nichts falsch machen. Und damit lag ich vollkommen richtig. Nach anfänglichen Schwierigkeiten, den roten Faden im Krimi zu finden, war ich vollauf begeistert und konnte nicht erwarten, die Lösung des Falls zu erfahren. 

Aber von vorn. 

Fünf Menschen treffen auf der Nordseeinsel Neuwerk aufeinander. Annika ist die Einzige, die auf der Insel verwurzelt ist, ihre Mutter Hedda lebt noch auf Neuwerk, ihr Onkel Ole ist der Inselobmann. Die Kriminalpolizistin selbst lebt aber in Hamburg. Mats Nilsson ist Meteorologe beim Deutschen Wetterdienst. Die Schriftstellerin Sinje Bianchi lebt eigentlich in Rom. Michelle Welm will eigentlich die Stelle als neue Vogelwartin auf Scharhörn antreten und sich auf Neuwerk mit ihrer Vorgängerin treffen. Charlotte Hähnel war früher Lehrerin und ist jetzt Nonne, sie ist mit Annikas Mutter Hedda befreundet und möchte ihr einen Besuch abstatten. Diese vollkommen verschiedenen Menschen haben eines gemeinsam: sie waren vor 30 Jahren schon einmal auf Neuwerk gewesen. Damals war die 13jährige Isa zusammen mit dem gleichaltrigen Janosch nachts aus dem Schullandheim verschwunden. Kurze Zeit später wurde sie schwer traumatisiert gefunden, Janosch blieb verschwunden. Kaum sind die fünf jetzt auf Neuwerk angekommen, überschlagen sich die Ereignisse. Annikas demente Mutter gräbt auf dem Friedhof der Namenlosen, auf dem seit dem 14. Jahrhundert ertrunkene Seeleute begraben wurden, ein Skelett aus. Es trägt einen sehr besonderen Ring am Finger. Annika kennt diesen Ring. Doch kann es tatsächlich der seit 30 Jahren vermisste Janosch sein? 

Die Geschichte auf einer Insel spielen zu lassen, die nur einmal am Tag per Fähre, per Wattwagen und für ein paar Stunden am Tag zu Fuß zu erreichen ist, ist wirklich clever. Klaustrophobischer und mehr „locked in“ geht gar nicht, zumal zu Anfang des Buchs ein Sturm aufzieht, der sich, parallel zur Spannung in der Geschichte zum Orkan entwickelt. A propos Spannung. Anfangs habe ich eine Weile gebraucht, um herauszubekommen, wohin die Geschichte führen würde. Die Geschichte wird aus der Sicht jeder der fünf Hauptpersonen erzählt, dazu springt die Autorin nicht nur von Person zu Person, sondern auch von 2025 nach 1995 und zurück, was mich anfangs zugegebenermaßen irritiert hat. Als ich mich aber auf die Geschichte eingelassen habe, hat sie mich gepackt und der Spannungsbogen wuchs kontinuierlich an. Dennoch blieb es für mich eher ein solider Krimi, denn ein Thriller.

Punkten kann das Buch bei mir definitiv mit Lokalkolorit und Atmosphäre. Die Landschaft der Insel Neuwerk mit ihren rund 3km² Fläche, den 20 festen Einwohnern ist anschaulich beschrieben und macht Lust, einmal hinzureisen. Der Orkan ist ebenfalls sehr bildhaft beschrieben, man kann den Sturm und die klaustrophobische Stimmung nachvollziehen. 

Die Charaktere sind eventuell ein bisschen zu stereotyp und die Geschichte an sich viel zu konstruiert, aber sie ist gut konstruiert und das ist es, was ich von einem Buch erwarte, das mich hauptsächlich unterhalten soll. Wirklich mitfühlen konnte ich mit keinem der Charaktere, obwohl die Autorin jeder auch eine Portion Privatleben auf den Leib geschrieben hat (zum Beispiel ist Annikas Ehe zerrüttet, ihre Mutter ist dement und sie hat gesundheitliche Probleme; Sinje ist verwitwet und schreibt an einem Cold-Case-Krimi; Michelle möchte so weit wie möglich von ihrer Familie und ihrem ex-Freund wegkommen) Sympathisch war mir aber am ehesten noch die ehemalige Lehrerin und spätere Nonne Charlotte. Sie ist auch eine der wenigen Beteiligten, die aus ihrem Handeln Konsequenzen zieht, in der Vergangenheit und in der Gegenwart. Die Auflösung des Falls ist stimmig und passt zur absolut hanebüchen konstruierten Geschichte. Der Titel des Buchs erinnert an „Nine perfect strangers“ von Liane Moriarty und natürlich an Enid Blytons „Fünf Freunde“. Letztere sind ähnlich abstrus konzipiert, mit viel zu vielen Zufälle und komplizierten Verquickungen - aber ich mag sie trotzdem. 

Es ist ganz sicher nicht Romy Fölcks bestes Buch, aber da sie einen sehr angenehmen Schreibstil hat und ich mich durch „Fünf Fremde“ gut unterhalten gefühlt habe, vergebe ich vier Sterne.


Das Winterbuch - Tove Jansson

Bislang kannte ich Tove Jansson nicht, ich kann mich nicht einmal wirklich erinnern, ob ich die Mumins kenne. Nachdem ich „Das Winterbuch“ gelesen habe, bin ich bezüglich der finnlandschwedischen Autorin etwas zwiegespalten und unsicher, ob ich mich weiterhin mit ihrem Werk beschäftigen möchte. Aber manche der Geschichten haben mich wirklich begeistert. 

„Das Winterbuch“ ist kein Roman, es ist eine Zusammenstellung aus verschiedenen Kurzgeschichten und Erzählungen, ein paar sind auch einzelne Kapitel aus Tove Janssons Büchern für Erwachsene. Die Geschichten sind aus verschiedenen Perspektiven erzählt und haben unterschiedliche Themen, es gibt keinen wirklichen roten Faden. Die einzige verbindende Gemeinsamkeit (außer, dass sie von derselben Autorin verfasst worden sind) ist das Thema Winter und die Beschreibung zwischenmenschlicher Beziehungen. 

Ich muss sagen, dass das Buch nicht ganz das war, was ich erwartet hatte, nachdem mich die Kritiken und das Vorwort neugierig gemacht hatten. Zwar fand ich einige Geschichten ganz wundervoll und sie werden noch  lange in mir nachhallen, andere fand ich einfach nur viel zu düster. Ans Herz ging mir „Weihnachten“. Schon der erste Satz „JE KLEINER MAN IST, desto größer wird Weihnachten“ birgt so viel Wahrheit, dass ich kräftig schlucken musste. Ebenso tief berührt hat mich „Shopping“, das mich irgendwie an „Nachts schlafen die Ratten doch“ von Wolfgang Borchert erinnert, keine Ahnung, wieso. Alles Geschichten regen zum Mit- und Nachdenken an.

Sprachlich finde ich das Buch bemerkenswert. Es ist stellenweise poetisch, voller Bilder und Gefühle und an anderen Stellen minimalistisch und regt mehr zu Kopfkino an. Was mir zu schaffen machte, war die Düsternis, die sich durch alle Geschichten zieht. Ja, skandinavische Winter sind lang und dunkel, die Tage sind kurz und die Nächte wirklich lang. Das kann einen wirklich an seine Grenzen bringen. Aber manchmal war mir die Melancholie einfach zu viel und ich musste das Buch weglegen. Daher rate ich jedem, der sich überlegt, das Buch zu lesen, in sich zu gehen, ob er sich der Dunkelheit stellen möchte, die er darin finden wird (vor allem bei der derzeitigen politischen Weltlage). Von mir gibt es für die überragende sprachliche und übersetzerische Leistung vier Sterne. 


Donnerstag, 5. März 2026

Todeskeller. Das Cold-Case-Team Berlin ermittelt - Andreas Suchanek, Nica Stevens

„Todeskeller. Das Cold-Case-Team Berlin ermittelt“ ist ein Thriller von Andreas Suchanek und Nica Stevens, der Auftakt zu einer neuen Serie sein soll. Das Autorenduo kenne ich schon von ihrer „Rachejagd“-Trilogie. Das Buch erschien im November 2024 und ich fand es so gut, dass ich jetzt sehnsüchtig auf die Fortsetzung warte. Eigentlich bin ich kein Cold-Case-Fan, aber durch die Verknüpfung des alten Falls mit einem neuen Verbrechen wurde das Buch für mich zu einem Volltreffer. 

Aber von vorn.

In Berlin nimmt eine neue Europol-Abteilung für Cold Cases ihre Arbeit auf. An vorderster Front arbeiten dort die deutsche Kommissarin Sophie Steinbach und der französische Commissaire Générale David Martin. Das Team im Hintergrund besteht aus Markus Ebner (Sekretariat und Presse), ITlerin Ebba Karlsson, Forensikerin Zuzanna Tomszewska und dem Profiler Matteo Rossi unter der Leitung von Oliver Alvarez. Der erste Fall des Teams hat es direkt in sich: zwei Polizisten finden bei der Begehung eines Abrisshauses ein Massengrab. Das Haus wurde früher als „Jugendwerkhof“ genutzt, so wurden in der ehemaligen DDR die „Heime für schwereziehbare Jugendliche“ genannt. Wer als schwer erziehbar galt, wurde von der Politik festgelegt, oft wurden in diesen Heimen auch Kinder von Republikflüchtlingen oder „unbequemen“ Bürger:innen zur „Umerziehung“ interniert. Aber die Skelette sind nicht der einzige Fund, denn in dem Haus wird auch eine frischere Leiche gefunden. Schnell stellt sich heraus, dass es sich bei dem Toten um einen französischen Staatsbürger handelt. Die Spur führt Sophie und David in ein Waisenhaus in Frankreich. Und nach und nach kristallisiert sich etwas heraus, was sich die Ermittler in ihren übelsten Alpträumen nicht hätten vorstellen können.

Der Thriller hat mich von der ersten Seite an gepackt. Schande über mich, dass ich über ein Jahr gebraucht habe, um ihn überhaupt erst anzufangen – gelesen habe ich ihn dann innerhalb eines Tages. Die „Jugendwerkhöfe“ der ehemaligen DDR kannte ich, weil ich vor einiger Zeit viel über das dänische Kinderheim „Godhavn“ recherchiert habe. Die Grausamkeiten waren ähnlich, nur die Gründe und der politische Anstrich waren andere. Die Geschichte hier im Buch ist sehr clever konstruiert und packend geschrieben. Die Sprache ist flüssig und daher ist das Buch flott zu lesen. Der historische Hintergrund des Buchs ist bedrückend und äußerst realistisch. Erschreckend, was Menschen zu tun in der Lage sind, wenn man ihnen Macht und Gelegenheit dazu gibt.

Die Charaktere sind alle sehr interessant beschrieben. Sophie und David stehen im Mittelpunkt, sie sind natürlich am ausführlichsten dargestellt. Beide haben spannende Vergangenheiten, die sie bis in die Gegenwart prägen und verfolgen, da ist noch eine Menge Potential für weitere Teile, die es hoffentlich geben wird. Insgesamt hat sich das Autorenduo nicht nur bei der Geschichte, sondern auch bei den Charakteren sehr viel Mühe gegeben. Die an den Ermittlungen Beteiligten haben unterschiedliche Fachbereiche und kommen aus verschiedenen Ländern. Am Anfang des Buchs treffen sie zum ersten Mal aufeinander, die Zusammenarbeit funktioniert aber schnell sehr gut, es wird Hand in Hand ermittelt und das erste „Beschnuppern“ bringt der Leserschaft die verschiedenen Beteiligten näher. Manche Passagen ziehen sich ein wenig, aber alles in allem ist die Handlung sehr dicht und packend erzählt. 

Der Spannungsbogen ist hoch, unterbrochen wird er ab und zu durch Ausflüge ins Privatleben der Ermittelnden, die zum Teil aber auch zur Lösung des Falls beitragen, zumal Sophie in der ehemaligen DDR aufgewachsen ist. Für David sind die Ermittlungen in Frankreich sozusagen ein „Heimspiel“, er ist vor allem unverzichtbar, da Sophie kein Französisch spricht. Exkurse ins Private bringen der Leserschaft die Charaktere näher und die Balance zwischen Arbeit und Privatleben wurde vom Autorenduo hervorragend erarbeitet. Dadurch, dass die Kapitel abwechselnd aus der Sicht von Sophie und David erzählt werden, endet fast jedes mit einem kleinen Cliffhanger, was die Spannung enorm steigert. Das Buch endet nach der stimmigen Lösung des Falls mit einem großen Cliffhanger und macht Lust auf mehr.

„Todeskeller“ war für mich eine sehr spannende Lektüre, die ich nur schwer aus der Hand legen konnte. Ich empfehle das Buch allen, die gekonnt konstruierte Thriller mit sehr verschiedenen und sympathischen Ermittlern mögen, spannende Geschichten mit realem Hintergrund zu schätzen wissen und überhaupt empfehle ich es allen, die gerne enorm spannende Bücher lesen. Von mir fünf Sterne. 


Der Tod wischt mit (Ein Fall für Tilly Blich Teil 2) - Andreas Suchanek

Ich mag die Bücher von Andreas Suchanek wirklich sehr. Aber mit „Der Tod wischt mit“, dem zweiten Teil aus seiner neuen „Ein Fall für Tilly Blich“-Reihe (den ersten Teil kenne ich nicht) konnte er mich nicht begeistern. Weder sprachlich noch inhaltlich oder konzeptionell war das Buch etwas für mich. Das macht es nicht zu einem schlechten Buch, sondern zeigt mir, dass ich für Cozy Crime nicht geschaffen bin. 

Aber von vorn.

Nachdem Tilly Blich vor kurzer Zeit erst über eine Leiche gestolpert ist und den Mordfall vor der Nase von Kriminalhauptkommissar Stubs gelöst hat, will sie sich jetzt mit Unterstützung von Gerdy und Leon verstärkt ihrer Putzfirma „Plitz & Blank“ widmen. Das ist auch deshalb wichtig, da ihr der Kriminalhauptkommissar das Finanzamt in Person des Steuerprüfers Herrn Höffler auf den Hals gehetzt hat. Bei ihrem ersten Einsatz in der Untertannberger Schulturnhalle stolpert sie allerdings wieder über eine Leiche. Dieses Mal liegt der Schulleiter tot zwischen den noch aufgebauten Turngeräten. Und auch dieses Mal müssen Tilly und Co. bei den Ermittlungen wieder unterstützend tätig werden, denn es gibt eine Menge Verdächtige  und der Weg zur Lösung des Falls ist steinig.

Die Geschichte rund um Tilly Blich und ihr Team finde ich nett geschrieben. Die Charaktere sind gut ausgearbeitet, allerdings gingen sie mir fast alle nach wenigen Seiten schon ziemlich auf die Nerven. Einzig der „ruhende Pol“ Gerdy, der Steuerprüfer Herr Höffler und natürlich Welpe Muffin konnten mich abholen und sie waren auch die einzigen, zu denen ich eine gewisse Nähe aufbauen konnte. Die restlichen Charaktere waren mir entweder zu platt oder zu plakativ, oder auch beides, beschrieben (zum Beispiel Frau von Lampenstell und ihr Sohn Hartmut-Eloi). Auch die gewählten Namen für die jeweiligen Personen mögen witzig gemeint sein, was für mich aber nur sehr mittelmäßig funktionierte.

Auch sprachlich konnte ich dem Buch wesentlich weniger abgewinnen als Andreas Suchaneks anderen Werken. Außerdem wurden für mich die Worte „Lieblings-Blich“ und „Tony-Teufel“ eindeutig zu inflationär verwendet. Die Liebesgeschichten zwischen Leon und seinem Freund Emil und Tilly und Sascha (da fehlen mir Vorkenntnisse aus dem 1. Teil der Reihe) fand ich okay, dazu kamen dann aber noch die Steuerprüfung und die Geschichte rund um Tillys Freundin Antonia (Jurastudentin im Fernstudium mit Nagelstudio). Das alles machte das Buch für mich ein bisschen zu überladen und die Balance zwischen Fall, Ermittlungen und „Beiwerk“ funktionierte für mich nicht.

Vielleicht bin ich inzwischen tatsächlich zu alt für die „freshe“ Sprache, für mich wirkte alles gezwungen jugendlich und nicht, wie vermutlich geplant, witzig und charmant. Alles in allem funktioniert für mich das Konzept Cosy Crime eindeutig nicht. Das ganze Buch war für mich eine Mischung aus Groschenroman und Seifenoper. Stereotyp, überladen und dazu auch noch sprachlich eher flach. Schade. Ich mag von Andreas Suchanek sowohl seine Jugend-Fantasy-Bücher als auch seine Thriller, aber das Buch war für mich echt in Griff in die Tonne.

Da das eventuell auch an mir liegt, ich aber eine Bewertung abgeben muss, vergebe ich gute drei Sterne und gelobe, künftig die Finger von allen Cosy Crime Werken zu lassen.