Donnerstag, 5. März 2026

Todeskeller. Das Cold-Case-Team Berlin ermittelt - Andreas Suchanek, Nica Stevens

„Todeskeller. Das Cold-Case-Team Berlin ermittelt“ ist ein Thriller von Andreas Suchanek und Nica Stevens, der Auftakt zu einer neuen Serie sein soll. Das Autorenduo kenne ich schon von ihrer „Rachejagd“-Trilogie. Das Buch erschien im November 2024 und ich fand es so gut, dass ich jetzt sehnsüchtig auf die Fortsetzung warte. Eigentlich bin ich kein Cold-Case-Fan, aber durch die Verknüpfung des alten Falls mit einem neuen Verbrechen wurde das Buch für mich zu einem Volltreffer. 

Aber von vorn.

In Berlin nimmt eine neue Europol-Abteilung für Cold Cases ihre Arbeit auf. An vorderster Front arbeiten dort die deutsche Kommissarin Sophie Steinbach und der französische Commissaire Générale David Martin. Das Team im Hintergrund besteht aus Markus Ebner (Sekretariat und Presse), ITlerin Ebba Karlsson, Forensikerin Zuzanna Tomszewska und dem Profiler Matteo Rossi unter der Leitung von Oliver Alvarez. Der erste Fall des Teams hat es direkt in sich: zwei Polizisten finden bei der Begehung eines Abrisshauses ein Massengrab. Das Haus wurde früher als „Jugendwerkhof“ genutzt, so wurden in der ehemaligen DDR die „Heime für schwereziehbare Jugendliche“ genannt. Wer als schwer erziehbar galt, wurde von der Politik festgelegt, oft wurden in diesen Heimen auch Kinder von Republikflüchtlingen oder „unbequemen“ Bürger:innen zur „Umerziehung“ interniert. Aber die Skelette sind nicht der einzige Fund, denn in dem Haus wird auch eine frischere Leiche gefunden. Schnell stellt sich heraus, dass es sich bei dem Toten um einen französischen Staatsbürger handelt. Die Spur führt Sophie und David in ein Waisenhaus in Frankreich. Und nach und nach kristallisiert sich etwas heraus, was sich die Ermittler in ihren übelsten Alpträumen nicht hätten vorstellen können.

Der Thriller hat mich von der ersten Seite an gepackt. Schande über mich, dass ich über ein Jahr gebraucht habe, um ihn überhaupt erst anzufangen – gelesen habe ich ihn dann innerhalb eines Tages. Die „Jugendwerkhöfe“ der ehemaligen DDR kannte ich, weil ich vor einiger Zeit viel über das dänische Kinderheim „Godhavn“ recherchiert habe. Die Grausamkeiten waren ähnlich, nur die Gründe und der politische Anstrich waren andere. Die Geschichte hier im Buch ist sehr clever konstruiert und packend geschrieben. Die Sprache ist flüssig und daher ist das Buch flott zu lesen. Der historische Hintergrund des Buchs ist bedrückend und äußerst realistisch. Erschreckend, was Menschen zu tun in der Lage sind, wenn man ihnen Macht und Gelegenheit dazu gibt.

Die Charaktere sind alle sehr interessant beschrieben. Sophie und David stehen im Mittelpunkt, sie sind natürlich am ausführlichsten dargestellt. Beide haben spannende Vergangenheiten, die sie bis in die Gegenwart prägen und verfolgen, da ist noch eine Menge Potential für weitere Teile, die es hoffentlich geben wird. Insgesamt hat sich das Autorenduo nicht nur bei der Geschichte, sondern auch bei den Charakteren sehr viel Mühe gegeben. Die an den Ermittlungen Beteiligten haben unterschiedliche Fachbereiche und kommen aus verschiedenen Ländern. Am Anfang des Buchs treffen sie zum ersten Mal aufeinander, die Zusammenarbeit funktioniert aber schnell sehr gut, es wird Hand in Hand ermittelt und das erste „Beschnuppern“ bringt der Leserschaft die verschiedenen Beteiligten näher. Manche Passagen ziehen sich ein wenig, aber alles in allem ist die Handlung sehr dicht und packend erzählt. 

Der Spannungsbogen ist hoch, unterbrochen wird er ab und zu durch Ausflüge ins Privatleben der Ermittelnden, die zum Teil aber auch zur Lösung des Falls beitragen, zumal Sophie in der ehemaligen DDR aufgewachsen ist. Für David sind die Ermittlungen in Frankreich sozusagen ein „Heimspiel“, er ist vor allem unverzichtbar, da Sophie kein Französisch spricht. Exkurse ins Private bringen der Leserschaft die Charaktere näher und die Balance zwischen Arbeit und Privatleben wurde vom Autorenduo hervorragend erarbeitet. Dadurch, dass die Kapitel abwechselnd aus der Sicht von Sophie und David erzählt werden, endet fast jedes mit einem kleinen Cliffhanger, was die Spannung enorm steigert. Das Buch endet nach der stimmigen Lösung des Falls mit einem großen Cliffhanger und macht Lust auf mehr.

„Todeskeller“ war für mich eine sehr spannende Lektüre, die ich nur schwer aus der Hand legen konnte. Ich empfehle das Buch allen, die gekonnt konstruierte Thriller mit sehr verschiedenen und sympathischen Ermittlern mögen, spannende Geschichten mit realem Hintergrund zu schätzen wissen und überhaupt empfehle ich es allen, die gerne enorm spannende Bücher lesen. Von mir fünf Sterne. 


Der Tod wischt mit (Ein Fall für Tilly Blich Teil 2) - Andreas Suchanek

Ich mag die Bücher von Andreas Suchanek wirklich sehr. Aber mit „Der Tod wischt mit“, dem zweiten Teil aus seiner neuen „Ein Fall für Tilly Blich“-Reihe (den ersten Teil kenne ich nicht) konnte er mich nicht begeistern. Weder sprachlich noch inhaltlich oder konzeptionell war das Buch etwas für mich. Das macht es nicht zu einem schlechten Buch, sondern zeigt mir, dass ich für Cozy Crime nicht geschaffen bin. 

Aber von vorn.

Nachdem Tilly Blich vor kurzer Zeit erst über eine Leiche gestolpert ist und den Mordfall vor der Nase von Kriminalhauptkommissar Stubs gelöst hat, will sie sich jetzt mit Unterstützung von Gerdy und Leon verstärkt ihrer Putzfirma „Plitz & Blank“ widmen. Das ist auch deshalb wichtig, da ihr der Kriminalhauptkommissar das Finanzamt in Person des Steuerprüfers Herrn Höffler auf den Hals gehetzt hat. Bei ihrem ersten Einsatz in der Untertannberger Schulturnhalle stolpert sie allerdings wieder über eine Leiche. Dieses Mal liegt der Schulleiter tot zwischen den noch aufgebauten Turngeräten. Und auch dieses Mal müssen Tilly und Co. bei den Ermittlungen wieder unterstützend tätig werden, denn es gibt eine Menge Verdächtige  und der Weg zur Lösung des Falls ist steinig.

Die Geschichte rund um Tilly Blich und ihr Team finde ich nett geschrieben. Die Charaktere sind gut ausgearbeitet, allerdings gingen sie mir fast alle nach wenigen Seiten schon ziemlich auf die Nerven. Einzig der „ruhende Pol“ Gerdy, der Steuerprüfer Herr Höffler und natürlich Welpe Muffin konnten mich abholen und sie waren auch die einzigen, zu denen ich eine gewisse Nähe aufbauen konnte. Die restlichen Charaktere waren mir entweder zu platt oder zu plakativ, oder auch beides, beschrieben (zum Beispiel Frau von Lampenstell und ihr Sohn Hartmut-Eloi). Auch die gewählten Namen für die jeweiligen Personen mögen witzig gemeint sein, was für mich aber nur sehr mittelmäßig funktionierte.

Auch sprachlich konnte ich dem Buch wesentlich weniger abgewinnen als Andreas Suchaneks anderen Werken. Außerdem wurden für mich die Worte „Lieblings-Blich“ und „Tony-Teufel“ eindeutig zu inflationär verwendet. Die Liebesgeschichten zwischen Leon und seinem Freund Emil und Tilly und Sascha (da fehlen mir Vorkenntnisse aus dem 1. Teil der Reihe) fand ich okay, dazu kamen dann aber noch die Steuerprüfung und die Geschichte rund um Tillys Freundin Antonia (Jurastudentin im Fernstudium mit Nagelstudio). Das alles machte das Buch für mich ein bisschen zu überladen und die Balance zwischen Fall, Ermittlungen und „Beiwerk“ funktionierte für mich nicht.

Vielleicht bin ich inzwischen tatsächlich zu alt für die „freshe“ Sprache, für mich wirkte alles gezwungen jugendlich und nicht, wie vermutlich geplant, witzig und charmant. Alles in allem funktioniert für mich das Konzept Cosy Crime eindeutig nicht. Das ganze Buch war für mich eine Mischung aus Groschenroman und Seifenoper. Stereotyp, überladen und dazu auch noch sprachlich eher flach. Schade. Ich mag von Andreas Suchanek sowohl seine Jugend-Fantasy-Bücher als auch seine Thriller, aber das Buch war für mich echt in Griff in die Tonne.

Da das eventuell auch an mir liegt, ich aber eine Bewertung abgeben muss, vergebe ich gute drei Sterne und gelobe, künftig die Finger von allen Cosy Crime Werken zu lassen. 


Freitag, 13. Februar 2026

Bornholmer Spur - Katharina Peters

„Bornholmer Spur“ ist der Titel des sechsten Teils von Katharina Peters‘ Serie um die BKA-Ermittlerin Sarah Pirohl. Wieder einmal pendelt die Kommissarin zwischen Deutschland und der dänischen Insel Bornholm, trifft alte Bekannte und einen Cold Case, der es in sich hat. Nachdem mich „Bornholmer Finale“ und „Bornholmer Geheimnis“ wenig überzeugt haben, hat mich der aktuelle (und eventuell letzte Teil) der Reihe vollkommen begeistert.

Aber von vorn.

Bei Bauarbeiten in einem leerstehenden Ferienhaus in Kellenhusen in Ostholstein werden die Überreste eines jungen Mannes gefunden. Schnell wird klar, dass es sich dabei um den vor zehn Jahren spurlos verschwundenen Studenten und Hobbykacker Nils Holby handelt. Der war seinerzeit Teil einer Gruppe, die zu Themen wie Wirtschaftskriminalität und Rechtsextremismus recherchiert hatte. Pikant an dem Fall ist aber, dass in demselben Ferienhaus, vermutlich zur gleichen Zeit, auch der Hamburger Rechtsanwalt Joseph May, seine Frau und seine beiden Kinder getötet worden waren. Ihre Leichen waren von dem damals 18jährigen Adoptivsohn Simon Roth entdeckt worden, die Leiche von Holby war vergraben worden und blieb deshalb unentdeckt. Noch pikanter ist aber die Tatsache, dass in dem Ferienhaus vor 13 Jahren mit dem Vater-Sohn-Gespann Karsten und Florian Sander schon einmal zwei Menschen ermordet worden waren. Hängen all diese Mordfälle zusammen? Welche Spur führt nach Bornholm? Sarah Pirohl und ihr Team ermitteln in diesem Cold Case und sind selbst überrascht, in welchem Spinnennetz sie sich plötzlich befinden: der Fall zieht viel weitere Kreise, als sich irgendwer überhaupt hätte vorstellen können. 

Nach zwei für mich eher mauen Krimis hat Katharina Peters mit diesem Buch wieder einmal einen Krimi der Extraklasse vorgelegt. Sprache, Konzept, Spannungsaufbau und Charaktere – bei diesem Werk stimmt für mich einfach alles. Sprachlich ist das Buch bodenständig, angenehm und flüssig zu lesen. Die Charaktere „kenne“ ich teilweise seit dem ersten Teil der Serie, ich habe ihre Entwicklungen mitverfolgt und sie dabei begleiten dürfen, wie sie zu denen wurden, die sie in diesem Buch sind. Bei eigentlich allen habe ich mich über ein Wiedersehen gefreut. Katharina Peters hat jeden Charakter liebevoll ausgebaut, auch die eher zweifelhaften ihrer Figuren haben von ihr liebenswerte Eigenschaften mitbekommen und, ja, mein Lieblingscharakter Krølle ist einer von ihnen. Der ehemalige Auftragskiller ist wieder einmal der Lieferant unverzichtbarer Informationen aus dem Hintergrund. Sarah Pirohl ist, wie bei jedem Fall, Freundin von eigenwilligen, bauchgefühl-gesteuerten Alleingängen – und wie so oft beweist sie den richtigen Riecher. In diesem Teil der Serie ist sie ein bisschen zwischen zwei Partnern hin- und hergerissen. Die Affäre mit Staatsanwältin Kathleen Bischoph ist in der Schwebe, und dann taucht auch plötzlich ihr ex-Freund, der dänische Journalist Frederik Thomsen wieder in ihrem Leben auf. 

Die Spannung baut sich in diesem Buch kontinuierlich auf, es wird zwar nur im letzten Teil greifbar spannend, aber ein unterschwelliges angespanntes Gefühl im Bauch hatte ich als Leser schon ab der ersten Seite. Das Konzept des Buchs ist ausgefeilt und gekonnt umgesetzt. Der Mord an dem jungen Studenten, dessen Überreste zu Anfang des Buchs gefunden werden, ist nur die Spitze des Eisbergs. Wie bei einem Puzzle setzt Sarah Pirohl die Lösung des extrem komplexen Falls zusammen, wie die verschiedenen Gewaltverbrechen miteinander zusammenhängen – darauf muss man erst einmal kommen! Cold Case trifft bei diesem Buch auf aktuelle und brisante Themen und alles wird sehr gelungen verwoben.

Die Geschichte war für mich ein echt wilder Ritt, das Tempo ist sehr hoch und man kann es kaum aus der Hand legen, wenn man erst einmal in den Sog geraten ist. Nachdem ich dachte, mit „Bornholmer Finale“ sei die Reihe beendet, freue ich mich, dass sie doch noch weiterging. Man darf allerdings gespannt sein, ob dieses Buch allerdings den Schlusspunkt darstellt. Sollte es so sein, dann endet die Reihe mit einem wahren Paukenschlag. Für mich war das Buch ein echter Volltreffer und ich empfehle es jedem, der gerne intelligent konstruierte und angenehm geschriebene Krimis liest. Es ist Teil einer Serie und es empfiehlt sich, alle Teile in der richtigen Reihenfolge zu lesen, aber verstehen und genießen kann man das Buch natürlich auch einzeln. Von mit fünf Sterne


Montag, 9. Februar 2026

Der tiefe Grund - Anna Johannsen

„Der tiefe Grund“ ist der zweite Teil von Anna Johannsens neuer Serie um Oberkommissarin Lea Nielsen. Auch in diesem Buch verknüpft die Autorin das komplizierte Privatleben der knapp 30jährigen Ermittlerin mit einem noch komplizierteren Fall, aber hundertprozentig überzeugen konnte sie mich damit nicht. Schon in „Das erkaufte Glück“ konnte ich mit Lea Nielsen nicht warm werden und das hat sich auch mit diesem Krimi leider nicht geändert. 

Aber von vorn.

Die 25jährige Lisa Uhlen wird am frühen Morgen überfahren. Die junge Frau war mit dem Fahrrad unterwegs, als ein Auto sie rammt, der Fahrer begeht Fahrerflucht. Von Anfang an hat Oberkommissarin Lea Nielsen das Gefühl, dass hinter dem Unfall mehr steckt, denn laut erster Erkenntnis war die junge Steuerfachangestellte auf dem Radweg gefahren, als das Auto sie überfuhr und sie durch den Aufprall mehr als acht Meter durch die Luft geschleudert wurde. Als das Opfer im Krankenhaus verstirbt, ermittelt sie unterstützt von ihren Kollegen Lennart Rolfs und  Julia Reinders aus Aurich in alle Richtungen. Mit Lisa Uhlens ex-Freund Paul Otten gibt es schnell einen Hauptverdächtigen, zumal sich schnell herausstellt, dass das Auto, mit dem sie überfahren wurde, gestohlen war. Wer könnte der jungen Frau nach dem Leben getrachtet haben? Während Lea und ihre Kollegen sich plötzlich in einem Sumpf aus organisierter Kriminalität befinden, muss sich die Oberkommissarin auch mit ihrem eigenen Privatleben herumschlagen: die Demenz ihres Vaters Karl schreitet voran und er braucht Rund-um-die-Uhr-Pflege und während sie nicht weiß, ob sie die Beziehung zu ihrem neuen Freund Jan vertiefen soll, taucht ihr ex-Freund Ben auf und reißt alte Wunden bei ihr auf, die sie allzu gern vergessen würde. 

„Der tiefe Grund“ ist ein solider Krimi, der leider für mich keinerlei Alleinstellungsmerkmal besitzt, aber einige Wendungen in den Ermittlungen haben mich trotz des altbekannten Musters sehr überrascht. Inhaltlich und sprachlich fand ich den Krimi gut und flüssig zu lesen und alles in allem unterhaltsam. Die Charaktere haben alle ihre Ecken und Kanten, vor allem Lea Nielsen neigt zu Alleingängen, handelt unkonservativ, intuitiv und instinktiv und hat damit sehr oft Erfolg. Trotzdem finde ich sie nach wie vor nicht wirklich sympathisch, ihre Geheimniskrämerei gegenüber ihrem neuen Freund Jan und ihren Kollegen ist für sie nachvollziehbar, dass es im Buch so viel Raum einnimmt, finde ich eher nervig, neben ihr bleiben die meisten anderen Charaktere eher blass. Dass die Geschichte aus ihrer Sicht in der Ich-Perspektive erzählt wird, tut dabei ein Übriges.

Das Hauptthema, das sich nach und nach herauskristallisiert, ist organisierte Kriminalität – mehr kann ich aus Spoilergründen dazu nicht sagen. Aber so viel ist klar: momentan kommt kaum ein Krimi ohne das Thema aus und auch sonst ist es in aller Munde. Trotzdem lässt für mich der Spannungsaufbau zu wünschen übrig, erst nach etwa der Hälfte des Buchs kam für mich so etwas wie Spannung auf. Die akribische Polizeiarbeit mit der gründlichen Recherche finde ich sehr gut beschrieben, ebenfalls die Kompetenzrangeleien und Hierarchiestreitigkeiten, mit denen sich Lea herumschlagen muss.

Trotz allem kann mich das Buch nicht so sehr packen wie Anna Johannsens Charaktere aus den anderen Serien, wie die „Inselkommissarin“ Lena Lorenzen oder Enna Andersen. Es ist ein bodenständiger Krimi, mehr aber auch nicht. Beim ersten Teil der Serie hatte ich auf mehr Entwicklung in Lea Nielsens Charakter gehofft, das ging leider nicht in Erfüllung, mir fehlte bei dem Buch eindeutig die Tiefe. Von mir daher drei Sterne.  


Montag, 2. Februar 2026

Mach nur so weiter. - Dietlinde Ellsässer

Zu Dietlinde Ellsässers neuem Buch „Mach nur so weiter. Als Dorfkind auf die Bretter, die die Welt bedeuten“ bin ich mehr durch Zufall gekommen. Als Schwabe ist mir die Schauspielerin und Kabarettistin natürlich namentlich bekannt, leider habe ich es aber nie geschafft, sie live zu erleben. Ihr Buch habe ich überwiegend sehr gern gelesen, in vielem habe ich Parallelen zu mir, meinem Leben und meiner Familie gefunden und natürlich fand ich es großartig, so viel Schwäbisch zu lesen! 

Aber von vorn.

Das Buch ist eine Mischung aus Autobiografie und zu Papier gebrachten Gedanken, aus Erinnerungen und Gedichten (eigenen und fremden), daher kann man zum Inhalt gar nicht so viel schreiben. Fast genau zehn Jahre nach „Mach ja kein Theater“ und im Jahr ihres 70. Geburtstags hat Dietlinde Ellsässer an dieses Buch angeknüpft. Da es mit dem Satz „Mach nur so weiter“ endete, heißt ihr neues Werk genauso. „Mach nur so weiter“ ist ein Satz, der, je nach Betonung positiv, aufmunternd oder negativ behaftet ist. 

Wie gesagt, wusste ich über Dietlinde Ellsässer bislang nur wenig, die Erkenntnisse aus dem Buch sind daher wirklich interessant, so, wie sie schreibt, bekommt man bei der Lektüre das Gefühl, sie kennenzulernen. 

Sie sinniert über ihr Leben und lässt ihr Publikum daran teilhaben. Sie erzählt von ihrer Kindheit und Jugend in Hemmendorf, ihrer Ausbildung zur Erzieherin, der das Vorpraktikum für die Erzieherinnen-Schule voranging. („Was für ein schiefes Jahr, das mir doch auch zu einer Art »Initiation« geworden ist. Ich hab durchgehalten, bin daran gewachsen und erstarkt, die Erleichterung danach hat einen tiefen »Jubel-Juuzger « aus mir heraus geschmettert.“) Sie schreibt über Heimat und Familie, Rückhalt und Ansporn und natürlich schreibt sie über ihre „Ankunft“ in der Welt des Theaters und bei sich selbst, lässt aber „schwäbische Tugenden“ („Schon als Kinder lernen wir, dass Ruhe gleich Faulheit und dass Nichtstun gleich Zeitverschwendung sei“) und wie es ist, anders zu sein, nicht aus. Je mehr sie über die „Drei vom Dohlengässle“ schrieb, desto trauriger war ich, sie nie live gesehen zu haben.

Für mich selbst, als ehemaliger Zeitungsmensch in Dietlinde Ellsässers Gegend, waren ihre Weggefährten sehr speziell, denn einige haben auch meinen Lebensweg gekreuzt. So zitiert sie beispielsweise immer wieder den Lyriker Walle Sayer. Und sie erwähnt auch den wunderbaren Heiner Kondschak. 

Eher unschön fand ich allerdings Sätze zur Covid-Pandemie wie „alles wegen Corona. Alles wurde ausgebremst. Das Leben, die Begegnungen, das Spiel und vor allem das Selberdenken.“ Ich wohne in dem Dorf, wo Covid in Deutschland begonnen hat. Jeder von uns hat Menschen aufgrund der Krankheit verloren, jeder kennt Menschen, die auch Jahre nach der Infektion noch an den Spätfolgen leiden und jeden Tag mit Long Covid kämpfen. Sie schreibt unter anderem über das „bürokratische Zeugnis“ des Corona-Impfasses ohne nähere Einordnung. Kritische Einordnung fehlt mir auch an anderen Stellen, da reißt Dietlinde Ellsässer für mich leider ein bisschen mit dem Hintern ein, was sie weiter vorne im Buch an gutem Eindruck aufgebaut hatte. 

Allerdings schreibt sie auch klar über die Chancen, die Corona für ein entschleunigtes Leben gegeben hat, Spaziergänge und Treffen in der freien Natur. Das passt für mich nicht ganz zusammen, aber es bestätigt ihre Aussage: „Es fließt beim Erzählen einfach aus mir heraus – und was ich hier aufschreibe, folgt keiner festen Dramaturgie. […] Schon in der Schule habe ich in Deutsch beim Aufsatzschreiben keine Stoffsammlung und keine Gliederung gemacht, sondern hab gleich losgelegt; meine Lehrerin hats zugelassen. Darum ist mein Schreiben sprunghaft, assoziativ.“ Und so ist es für mich alles in allem dennoch ein sehr gutes Buch geblieben. Mit überwiegend klaren und guten Denkansätzen, sinnvollen Lebensweisheiten und Lebens“anleitungen“. Danke fürs Mitnehmen durch Ihr Leben und die Chance auf eine virtuelle Rückkehr in die alte Heimat, Frau Ellsässer. Von mir vier Sterne. Machen sie nur so weiter!


Teure Täuschung - Eva Ehley

„Teure Täuschung“ von Eva Ehley ist ein Krimi, mit dem ich nicht wirklich warm wurde. Die Geschichte an sich hätte ganz gut werden können, aber die Ermittler haben mir den Spaß daran verdorben. Es war der letzte Teil der Sylt-Krimi-Reihe der Autorin und ich denke, dass es auch an der Zeit war, Bastian Kreuzer, Silja Blanck und Sven Winterberg zu den Akten zu legen.

Aber von vorn.

Kriminalhauptkommissar Bastian Kreuzer, seit einiger Zeit heimlich mit Kollegin Silja Blank verheiratet, schickt jedes Jahr seiner ex-Frau Nora Graff eine Karte zum Geburtstag. Die bedankt sich jedes Mal per SMS bei ihm. Dieses Jahr bleibt ihre Rückmeldung aus und der Polizist ist besorgt. Da Kreuzer es seiner (dritten) Ehefrau Silja bislang verschwiegen hat, muss er sich mit seinen Sorgen allein herumschlagen. Er heuert den Journalisten Fred Hübner an, sich an Noras Wohnort Flensburg umzuschauen. Schnell findet Hübner heraus, dass Nora ihre Zelte in Flensburg abgebrochen hat und sich auf Sylt befinden soll. Parallel dazu wartet „echte“ Polizeiarbeit auf das Ermittlertrio Bastian Kreuzer, Silja Blanck und Sven Winterberg, denn es wird eine Wasserleiche am Brandenburgerstrand bei Westerland angeschwemmt. Nach ersten Erkenntnissen handelt es sich dabei um eine Frau und auffällig an ihr ist die pinkfarbene und sehr teure Bikinihose. Bastians erste Befürchtung ist, es könnte sich bei der Toten um seine Frau handeln, deshalb muss er seine möglichen Verbindungen zu dem Fall offenlegen, was bei seiner Frau nicht besonders gut ankommt und zu einigen Streitereien führt. Aber Nora ist nicht die einzige Frau, die vermisst wird.

Wie üblich spielt die Handlung innerhalb eines sehr überschaubaren Zeitraums, dieses Mal zwischen dem 16. und dem 25. Juni, die Kapitel sind, wie gewohnt, mit Tag, Datum und dem Ort der Handlung überschrieben. Und auch der Rest bietet nichts wirklich Überraschendes, die Krimis der Serie folgen einem ziemlich einheitlichen Strickmuster. Die Geschichte an sich hätte sehr spannend sein können, leider war sie das aber nicht. Mir wurden die Protagonisten mit jeder Seite unsympathischer. Jeder kocht sein eigenes Süppchen, dazu kommt das Eifersuchtsgeplänkel zwischen Bastian und Silja und im Endeffekt konnte ich in dem Buch erst sehr spät echte Spannung finden. Der Schluss hingegen ist ein echter Paukenschlag und konnte mich mit dem Buch dann doch noch etwas versöhnen. Nicht versöhnt bin ich hingegen mit den Charakteren, die haben sich in den letzten Teilen der Serie für mich in eine völlig seltsame Richtung entwickelt. Ich hätte nie gedacht, dass mir irgendwann einmal der Journalist Fred Hübner und seine Lebensabschnittsgefährtin, Staatsanwältin Elsbeth von Bispingen sympathischer sein würden als die Ermittelnden. Von denen scheint aber so richtig Lust am Ermitteln zu haben, Dienstbesprechungen finden eher in der Pizzeria und zwischen Tür und Angel statt, das war mir dann doch zu viel Work-Life-Balance.

„Teure Täuschung“ ist ein gegen Ende sehr spannender Krimi, der sich in der ersten Hälfte eher auf Beziehungsstress konzentriert. Sprachlich ist er gut und flüssig zu lesen, wobei sich die Autorin für mich ab und zu in der Wortwahl vertut („Der große Parkplatz am Zugang zum Brandenburgerstrand ist komplett besetzt. Vans und Mittelschichtautos, Smarts und Luxuskarossen drängen sich dicht an dicht [..]“ – was sind denn bitte „Mittelschichtautos? Ich denke, es sind eher Mittelklassewagen. Und warum sind SUV nicht für die Mittelschicht?). Alles in allem ist er unterhaltsam, bietet eine Menge Lokalkolorit und ist mit Sicherheit ein Muss für Fans der Autorin und der Serie. Der Abspann zeigt deutlich, dass es sich um den Abschluss der Reihe handelt, alle losen Fäden werden damit verknüpft und es ist ein stimmiges Ende. Ich würde jedem, der in die Reihe einsteigen möchte, raten, dies nicht mit diesem Buch zu tun. Zwar kann man es auch alleinstehend lesen, es könnte aber dem einen oder anderen eventuell die Lust am Weiterlesen verderben und das wäre bedauerlich. 

Ich bin gespannt, was Eva Ehley als nächstes plant, für dieses Buch vergebe ich für den gelungenen Schluss vier Sterne.


Montag, 19. Januar 2026

Geht's noch? Betrachtungen eines Überforderten - Simon Schwarz und Ursel Nendzig

Dass Simon Schwarz sehr viel mehr ist, als der Rudi Birkenberger im „Eberhofer-Krimi“ beweist er unter anderem mit seinem Buch „Geht’s noch? Betrachtungen eines Überforderten“. Das Buch hat es in sich. Es ist nämlich auch viel mehr als eine Autobiografie. Geschrieben hat er es mit Hilfe von Ursel Nendzig. Herausgekommen ist ein gut zu lesendes und interessantes Werk, bei dem ich mich in sehr vielen Teilen wiedergefunden habe.

Aber von vorn.

Simon Schwarz, Jahrgang 1971, wuchs in einer für seine Zeit ungewöhnlichen Familie auf. Während sein Vater studierter Theaterwissenschaftler war, der beim ORF als Redakteur arbeitete, war seine Mutter studierte Germanistin und Aktivistin. Umweltaktivistin. Daher hatte er eine andere Kindheit als seine Klassenkameraden und Freunde, geprägt von biologisch angebauten Lebensmitteln, selbstgebackenem Brot und Demonstrationen unter anderem gegen Atomkraft und für den Erhalt der Hainburger Au. Er selbst kämpfte sich durch die Pflichtschuljahre, die ihm aufgrund einer nicht diagnostizierten ADHS schwer fielen. Danach ging er mit gerade mal 16 Jahren an eine Schule für Tanztheater in die Schweiz. „Ich wäre bestimmt ein guter Handwerker geworden“, sagt er heute über seinen Bildungsweg. Nun gut, Schauspielerei ist eine Art Handwerk, „Ich bin in alles so hineingerutscht, hatte wohl die nötige Begabung, den Zufall, das Glück und Eltern, die mir alles ermöglicht haben, auf meiner Seite.“ Er habe sich oft neben Kollegen mit Matura und Studium minderwertig gefühlt, „Bis ich angefangen habe zu denken – und mir aufgegangen ist, wie dumm das ist. Bis mir klar wurde, dass Menschen, die eine höhere Bildung erworben haben und die Gelegenheit hatten, viele Fremdwörter auswendig zu lernen, noch lange nicht intelligenter sind.“

Heute ist er ein beliebter Schauspieler und Kabarettist und der (Umwelt)Aktivismus scheint Teil seiner DNA zu sein, die er auch an seine ältere Tochter weitervererbt hat. Er ist quasi „eingezwickt zwischen zwei Generationen von Aktivistinnen“ – seine Mutter als wahre Vorreiterin der Umweltbewegung auf der einen Seite und seine ältere Tochter, die Geografische Wissenschaften studiert hat und ihren Master in Umweltwissenschaften macht, auf der anderen. „Drei Generationen. Ein halbes Jahrhundert, in dem das Thema immer da war. Ein halbes Jahrhundert, in dem sich eigentlich nichts verändert hat.“ Und wie so viele fragt er sich, warum sich nichts geändert hat, und er fragt sich natürlich „Geht’s noch?“.

Er selbst lebt das, was neudeutsch „underconsumption“ heißt schon sein ganzes Leben und versucht, in seinem Buch seine Beweggründe zu erklären. Dass man auch mit wenig Konsum leben kann, zeigt er deutlich und auch, dass man langfristig denken sollte, auf jeden Fall weiter als von der Tapete bis zur Wand. Dabei ist er weniger laut und polemisch, sondern ruhig und sachlich, er denkt eindeutig nicht quer, sondern geradlinig, was für einen ADHSler eine echte Leistung ist (das ist jetzt kein ADHS-Bashing, ich weiß, wovon ich schreibe). „Wir alle, Simon, wir alle“, dachte ich an vielen Stellen. Er spricht eine Menge aktuelle Themen an, auch solche, die viele gern ignorieren. Zweifelhafte Influencer, Gleichstellung von Frauen (Gleichberechtigung bei der Vergabe von Jobs, Bezahlung und die Anerkennung der unbezahlten Care-Arbeit als „echte Arbeit“) und natürlich kommt er so gut wie immer auf das Thema Umweltschutz zurück. Dabei predigt Schwarz nie, er gibt Denkanstöße und fordert zum Selbstdenken auf.

Sprachlich ist das Buch geradlinig und bodenständig, aufgeschrieben und vermutlich auch „bereinigt“ von Ursel Nendzig. Ich habe die 14 Kapitel gern gelesen, es hat mir viel Spaß gemacht, den Menschen hinter dem Schauspieler ein bisschen besser kennenzulernen. An vielen Stellen musste ich schmunzeln, weil so vieles in seiner Kindheit meiner gleicht. Auch bei uns wurde Nachhaltigkeit gelebt, ohne dass wir einen Namen dafür hatten.

Ich empfehle die Lektüre allen, die Simon Schwarz gern im Fernsehen oder auf der Bühne sehen, aber auch allen, denen die Umwelt und Gesellschaft am Herzen liegen. Von mir fünf Sterne.