Dienstag, 2. Juni 2026

Vilhelms Zimmer - Tove Ditlevsen

Tove Ditlevsens Werk unabhängig von ihrer Biografie zu lesen, scheint mir unmöglich. Daher habe ich mich vor der Lektüre von „Vilhelms Zimmer“ auch noch einmal eingehend mit der Vita der dänischen Schriftstellerin befasst. Ihre „Kopenhagen-Trilogie“ kannte ich bereits, ebenso „Gesichter“. Lise Mundus, die Hauptfigur in „Vilhelms Zimmer“, ist so etwas wie Tove Ditlevsens „alter ego“, denn sie war auch in „Gesichter“ aus dem Jahr 1968 die tragende Figur. Oder auch die „tragische Figur“. „Vilhelms Zimmer“ erschien 1975 und war das letzte von ihr selbst veröffentlichte Werk, ein Jahr später beging Tove Ditlevsens Suizid. Jetzt gibt es das Buch auch auf Deutsch, meisterlich übersetzt von Ursel Allenstein, die auch ein erklärendes und wichtiges Nachwort dazu verfasst hat.

Aber von vorn.

Die Schriftstellerin Lise Mundus ist 51 Jahre alt, als sie nach der Trennung von ihrem Mann Vilhelm in der Psychiatrie landet. Die toxische Ehe hat in den 20 Jahren ihres Bestands Spuren bei ihr hinterlassen, daher ist es nicht ihr erster Aufenthalt in der Klinik. Jetzt hat Vilhelm sie endgültig verlassen, er ist mit seiner Geliebten Mille zusammengezogen, obwohl diese „weder jung noch hübsch oder intelligent war, dafür aber eine Herzenskälte besaß, die selbst die unsere übertraf“. Zurück bleiben also Lise, ihr „prächtiger Sohn“ Tom und ein leeres Zimmer. Die „vorübergehend von einer Nervenkrise außer Gefecht gesetzte“ Lise, „eine Größe der dänischen Literatur“,  sucht daher also per Zeitungsanzeige einen Mann, „Autofahrer bevorzugt.“ Kurt meldet sich auf die Anzeige und zieht nicht nur in Vilhelms leerstehendes Zimmer ein, sondern zieht auch Vilhelms zurückgelassene Anzüge an. Er ist 20 Jahre jünger als Lise und füllt die Lücke, die Vilhelm hinterlassen hat. Und das Leben geht weiter, bis zu dem Punkt, an dem es eben nicht mehr weitergeht.

„Vilhelms Zimmer“ ist Tove Ditlevsens letztes Buch und damit ihr literarisches Vermächtnis. Wie von ihr nicht anders gewohnt, steckt unendlich viel von ihr selbst in den geschriebenen Zeilen. Es wirkt ein bisschen so, als habe sie eine imaginäre Checkliste anhand ihres Lebens beim Schreiben abgehakt: toxische Ehe? Check! Fremdgehender Ehemann? Check! Depression, Sucht, Suizidversuche, Psychiatrie? Jawohl, Haken dran! Diese Themen bestimmten ihr Leben und ihr Werk. 

Ähnlich einer Kurzgeschichte wird die Leserschaft bei den meisten Büchern von Tove Ditlevsen direkt in die Handlung geworfen, das „Vorher“ muss man sich während der Lektüre erarbeiten. Stilistisch ist das Buch ebenfalls so, wie ich es von der Autorin erwartet habe. Sprachlich dicht, ein bisschen verworren, teilweise sehr lange und anspruchsvoll konstruierte Sätze und eine Unmenge an Informationen in den Zeilen, aber auch dazwischen. Schlecht für mich, weil ich ein notorischer Quer-Leser bin. Tove Ditlevsen überlässt nichts dem Zufall, bei ihr sitzt jedes Wort, jeder Satz, jedes Komma. Allerdings schreibt sie meist seltsam emotionslos. Ist es die Abgeklärtheit, die die Distanz schafft oder die betäubende Wirkung der Substanzen, die sowohl sie als auch ihre Protagonistin konsumierten?

Die Beschreibungen der Charaktere ist ebenfalls „typisch Ditlevsen“. Die Männer sind eher einfach gestrickt: Vilhelm ist ein notorisch fremdgehender Trinker, der seine Frauen unterdrückt und „sein Ding durchzieht“. Lise ist da komplexer. Sie ist Hausfrau, Autorin und Mutter, wird von ihm aber in die Rolle der unterwürfigen, ja hörigen, grauen Maus gedrängt. Diese lässt sie zusammen mit ihrer Ehe hinter sich, bleibt ihrem Mann aber emotional verbunden, er füllt viel zu oft ihre Gedanken und bestimmt auch aus der Ferne noch einen Teil ihres Handelns, sie wird ja auch durch Vilhelms leerstehendes Zimmer ständig an ihn erinnert.

Das Buch ist sicher eine realistische Beschreibung vieler Ehen, vor allem der Zeit des aufkeimenden Feminismus. Allerdings scheitern Ditlevsens Protagonistinnen meistens bei ihrem Versuch, sich aus der Hassliebe zu befreien – so, wie sie selbst es, nicht zuletzt aufgrund ihrer Suchterkrankung, auch nie wirklich geschafft hat. Das Buch wirkt daher eher zeitlos als nostalgisch oder altbacken.

„Mein einziger, leidenschaftlicher Wunsch besteht darin, das Buch meines Lebens über dich und mich zu schreiben, nicht als Racheakt, sondern einfach nur als Geschichte über eine große Liebe und deren Scheitern“ – so zitiert Übersetzerin Ursel Allenstein einen Brief Tove Ditlevsens an ihren ex-Mann Victor Andreasen. Herausgekommen ist ein schwieriges und schonungslos ehrliches Buch, das mich tief bewegt hat.

 

Dienstag, 26. Mai 2026

Betrogen. Ein Fall für Sieg und Röber - Nella Beinen

„Betrogen“ ist (hoffentlich) der erste Teil einer neuen „Ein Fall für Sieg und Röber“-Serie von Nella Beinen. Das Buch erschien 2024 und 2025 in verschiedenen Auflagen und macht trotz einiger Abzüge wirklich Lust auf mehr.

Aber von vorn.

Dem Ermittlerduo bestehend aus Hauptkommissarin Susanne Röber und Kommissar Benjamin Sieg wird zu Promotionszwecken eine gelernte Journalistin zur Seite gestellt. Doch Alexandra Bieberach ist nicht nur Fachfrau für Social Media und die Außendarstellung der Polizei, sondern auch Benjamins ex-Freundin. Die beiden haben eine unschöne Trennung hinter sich und sollen jetzt zusammenarbeiten. Alex wird direkt ins kalte Wasser geworfen, denn, kaum ist sie in der Dienststelle angekommen, gibt es in der fiktiven niederrheinischen Stadt Niederschwicht auch schon den ersten Mord. Die Gymnasiallehrerin Gertrud Reichel wird tot in einem Garten gefunden. Davor war sie bei einer  Presbyteriumssitzung gewesen. Die Ermittlungen werden wesentlich komplizierter als sich die Ermittler gedacht hätten. Hat der Mord etwas damit zu tun, dass von der Kirchengemeinde ein enorm wertvolles Kreuz gestohlen wurde? Schließlich kannte die Tote den Code für den Safe. Hat ihr Mann sie aus Eifersucht getötet? Oder wurde sie Opfer unzufriedener Schüler? Nach und nach geraten zahllose Menschen in ihrem Umfeld in den Fokus der Ermittler.

„Betrogen“ ist für mich ein Krimi voller Überraschungen. Erstens ist bei den Ermittlungen sehr wenig so, wie es auf den ersten Blick aussieht. Zweitens ist im Privatleben der Ermittelnden noch weniger so, wie es scheint. Dennoch schafft die Autorin den Spagat zwischen Kriminalfall und Privatleben der Ermittelnden und herausgekommen ist ein spannender Krimi mit vielen Verdächtigen und sehr vielen (falschen) Spuren, der zum Miträtseln einlädt. Dazu kommt die Dreiecksbeziehung zwischen Ben, seiner ehemaligen Freundin Alexandra und deren jetzigem Lebensgefährten Tom. Auch die lädt zum Miträtseln ein, denn lange ist unklar, was zwischen den Dreien vorgefallen ist.

Sprachlich fand ich das Buch etwas unausgegoren. Zum einen hat es ein paar Schreibfehler, zum anderen fand ich die Wortwahl an manchen Stellen schlicht falsch. Generell habe ich an Krimis keine übermäßig großen Ansprüche, aber diesem Buch hätte ein besseres Lektorat gutgetan und, da die Geschichte gut konstruiert und die Idee dahinter wirklich gut ist, hätte es eine gründlichere Durchsicht vor der Drucklegung auch verdient gehabt. An manchen Stellen nahm mir eine holprige Sprache auch etwas die Lesefreude und den eigentlichen Spaß an dem Krimi.

Aber abgesehen davon fand ich das Buch durchaus gelungen. Wir gesagt, die Idee finde ich hervorragend, die Ermittlungsarbeit solide und als Leser fand ich mich auch gut abgeholt. Die Verknüpfung mehrere Fälle, die verzwickten Ermittlungen und das komplizierte Privatleben hat mir gut gefallen. Schön fand ich auch, dass das Publikum immer auf demselben Wissensstand ist wie die Ermittelnden. Die Charaktere finde ich sehr gut ausgearbeitet, jede/r hat seine Eigenheiten und ich würde mich freuen, wenn in die Serie weitergeführt würde und man mehr über Alexandra, Ben, Tom und Susanne erführe.

Mein Fazit lautet daher: ausbaufähig und leider nicht das komplette Potential ausgeschöpft, aber dennoch ein solider und unterhaltsamer Krimi, der sich flott lesen lässt. Vier Sterne.

Todesflut - Katharina Peters

„Todesflut“ ist der zehnte Teil der „Emma Klar“-Serie von Katharina Peters und der sechste Teil der Reihe, den ich gelesen habe. Es hat mich, wie auch die anderen Bücher, sehr gut unterhalten, es war ein bodenständiger und spannender Krimi. Wie der Titel allerdings zustande kam, kann ich mir nicht erklären. Er hat praktisch nichts mit dem Buch zu tun, sondern eher mit dem „Gesetz der Serie“, denn auch die anderen Buchtitel beginnen mit „Todes-“.

Aber von vorn.

Staatsanwältin Ulrike Steiner beauftragt Privatermittlerin Emma Klar mit der Suche nach der aus dem Lübecker Gefängnis geflohenen Karina Pohl. Diese war wegen des Mordes an ihrem ex Freund Stefan Mahler verurteilt worden. Die junge Frau hatte sich nie zu der Tat oder einem Motiv geäußert und war aufgrund von Indizien (Blut und DNA-Spuren auf ihrer Kleidung) verurteilt worden. Jetzt ist sie aus dem Gefängnis entkommen und untergetaucht. Emma Klar macht sich mit Unterstützung ihres IT-Spezialisten Jörg Padorn auf die Suche. Emmas erste Vermutung ist, dass Karina eventuell gar nicht die Täterin war. Außerdem ist ihr klar, dass sie Hilfe bei ihrem Ausbruch gehabt haben muss. Das Ermittlerteam taucht in Karina Pohls Umfeld ein, beleuchtet den Mord an Stefan Mahler genauer und stößt unvermutet auf einen Cold Case, der das Interesse weckt. Zwei Jahre zuvor war bei den Mammutbäumen im Leonorenwald die Leiche einer jungen Frau gefunden worden. Elisa Barth war eine Freundin von Karina gewesen und hatte eine Zeitlang in derselben Marketingfirma gearbeitet wie Stefan, diesen allerdings nicht wirklich gemocht. Stefan war später für eine Lübecker Stiftung tätig gewesen, die sich für obdachlose Menschen engagiert. Nach und nach kristallisieren sich neun Fälle von verschwundenen obdachlosen Frauen heraus, die alle irgendwie mit der verschwundenen Karina Pohl und dem ermordeten Stefan Mahler zusammenhängen können. Von drei der Frauen wurden die Leichen gefunden. Was wurde aus den anderen? Und wie hängt alles zusammen? Wer steckt hinter alledem? Was das Ermittlerteam noch nicht ahnt: sie stechen in ein Wespennest ungeahnten Ausmaßes und am Ende sieht alles völlig anders aus.

Ich gebe zu, auf den ersten Seiten hatte ich keine Ahnung, wohin das Buch mich führen würde. Der Prolog konnte alles und nichts bedeuten (die Auflösung dazu kommt kurz vor Ende). Aber schon nach rund 20 Seiten hatte der Krimi mich gepackt und ich konnte ihn nur schwer aus der Hand legen. Angenehm fand ich auch, dass ein Buch, das im Jahr 2020 spielt, ohne ständige Verweise auf die Pandemie und die Maßnahmen auskommt. Natürlich wird sie aber am Rande ab und zu erwähnt. Die Ermittlungen sind komplex, was als einfache Suche nach einer flüchtigen Mörderin beginnt, entwickelt sich zu einer Suche nach neun verschwundenen jungen Frauen (daher vermutlich der Titel, denn aus einem Ermordeten wird eine wahre „Flut“ von Toten). Durch die Besprechungen zwischen den beteiligten Teams werden die Ermittlungsstände immer wieder rekapituliert, für Menschen wie mich, die gerne mal querlesen eine großartige Möglichkeit, auf dem Laufenden zu bleiben.

Katharina Peters schreibt flüssig, ihr Stil ist bodenständig und gut lesbar. „Todesflut“ ist ein gut konzipierter Krimi mit einer Mischung aus Cold Case und aktuellem Fall, die zwar miteinander verknüpft, aber vollkommen anders geartet sind (das eine ist die geflohene verurteilte Mörderin, das andere die verschwundenen und die ermordeten obdachlosen Frauen). Der Spannungsbogen ist nach kurzer Zeit sehr hoch und vor allem gegen Ende bin ich nur so durch die Seiten geflogen. Die Charaktere sind mir schon aus mehreren Teilen der Reihe bekannt, daher war es für mich ein Treffen mit alten Bekannten. Emma Klar und ihre Art finde ich nach wie vor etwas schwierig, ihre Alleingänge werden aber durch ihren hervorragenden Instinkt und ihr verlässliches Bauchgefühl ausgeglichen. Mein Liebling ist und bleibt aber Jörg Padorn, der immer besonnene aber einfach geniale Rechercheur.

Band 10 der Serie ist also für mich wieder mal ein Volltreffer gewesen, ich lege das Buch allen ans Herz, die komplexe Krimis mit eigenwilligen Ermittelnden mögen. Das Buch ist auch ohne Vorkenntnisse gut verständlich, alle nötigen Informationen aus den anderen Teilen werden geliefert. Aber natürlich sind auch die Vorgänger spannende Krimis, deren Lektüre ich ebenfalls empfehle. Von mir fünf Sterne.

Odyssee - Stephen Fry

Mit „Odyssee“ hat Stephen Fry das geschafft, was mein Vater und mein Onkel jahrelang versucht haben: mich für griechische Mythologie zu begeistern. Es ist der vierte Teil der „Mythos“-Tetralogie und für mich ein unerwarteter Volltreffer. Der Inhalt war mir ja leidlich bekannt, aber die Sprache Stephen Frys, hervorragend übersetzt von Matthias Frings geben dem Ganzen einen sehr speziellen Touch.

Aber von vorn.

„Odyssee“ ist ja im allgemeinen Sprachgebrauch die Bezeichnung für eine Irrfahrt. Woher kommt der Begriff eigentlich? Na klar, von den alten Griechen. Genauer gesagt: weil Odysseus sich seinerzeit nach dem langen Krieg in Troja auf dem Heimweg verfahren hat und zehn Jahre lang über die Meere geirrt ist. Dabei mussten er und seine Mannschaft sich Stürmen, mythischen Wesen wie Zyklopen, Hexen und Sirenen und allerlei anderem Unbill stellen, denn die Götter waren sauer auf ihn, und machten ihm das Navigieren so schwer wie möglich. Als er endlich wieder in Ithaka ankam, war die Überraschung groß, denn Odysseus‘ Frau Penelope und seine Kinder hatten ihn schon aufgegeben. Der Rest ist Geschichte. Oder Mythos.

In meiner Jugend habe ich immer wieder vergeblich versucht, mich in die griechische Mythologie einzufinden. Mein Onkel schenkte mir Schmuckausgaben von Homers „Ilias“ und „Odyssee“, die stehen immer noch angestaubt in meinem Regal neben der Ausgabe von Gustav Schwabs "Sagen des klassischen Altertums". Stephen Frys Herangehensweise an die Themen hat mich hingegen komplett abgeholt. Seine freie Interpretation der Geschichten, sein Stil und die Tatsache, dass ich beim Lesen immer seine Stimme im Kopf hatte, haben mich begeistert. Endlich habe ich einen Zugang zu dem „wer ist wer“, „wer-mit-wem“ und „wer-gegen-wen“ in der griechischen Mythologie gefunden.

Stephen Frys Schreibstil ist flott und er übersetzt den Stoff von Homer in eine moderne Sprache. Er schreibt locker, setzt aber einige Grundkenntnisse zur Materie voraus, was aber selbst mir keine Probleme bereitet hat. Sogar ich konnte der Handlung folgen, und das will etwas hießen. Manchmal kam ich mir vor wie ein gebannter Zuhörer, dem Stephen Fry in einem gemütlichen Plauderstündchen die griechischen Heldensagen erzählt. Frei, aber nicht zu frei (die Details stimmen alle mit dem Original überein), charmant und dennoch locker aus der Hüfte. Die Ironie, die man vom Autor gewohnt ist, darf nicht fehlen, oft liest man ein Augenzwinkern heraus. Da wird selbst die wildeste Irrfahrt zum Vergnügen – zumindest für die Leserschaft, für die Beteiligten bekanntermaßen eher weniger.

Für mich war der Ausflug in die Welt der Mythen, Helden und Götter auf jeden Fall ein größerer Spaß als ich mir jemals vorstellen konnte. Die ersten drei Teile der Tetralogie muss ich unbedingt auch noch lesen, wobei ich aus meiner Erfahrung sagen kann, dass man auch den vierten Teil unabhängig von den anderen lesen und verstehen kann, solange man wenigstens über ein kleines bisschen Grundwissen zu dem nicht unkomplizierten Thema verfügt. Mein Weg zur „Odyssee“ hat rund 40 Jahre gedauert, im Vergleich dazu war die „Original Odyssee“ mit ihren zehn Jahren ja fast ein Kurztrip. Von mir volle Punktzahl.


Freitag, 8. Mai 2026

Ein Fräulein aus gutem Hause - Edzard Ernst

Edzard Ernst hat mit seinem neuesten, vermutlich persönlichsten Buch „Fräulein aus gutem Hause – Im Schatten des Dritten Reichs“ sowohl seiner 1989 verstorbenen Mutter Erika ein Denkmal gesetzt als auch ein eindringliches Werk über die Gefahren des Nationalsozialismus geschrieben. Der Mediziner und emeritierter Professor für die Erforschung von Alternativmedizin nahm die österreichische und später die britische Staatsbürgerschaft an, ist mit einer Französin verheiratet, lebt seit seiner Emeritierung abwechselnd in England und der Bretagne und bezeichnet sich selbst als „vaterlandslos“. Der Brexit veranlasste ihn, die deutsche Staatsbürgerschaft wieder zu beantragen. „Ich bin mir darüber im Klaren, wie hochmütig und unangemessen es wäre, die eigene Mutter zu richten“, schreibt er, und das tut er auch nicht. Er schreibt liebevoll und voll aufrichtiger Bewunderung für ihre untadeligen Handlungen. Aber er schreibt auch über die Gefahren des Faschismus, der sich aktuell weltweit breitmacht und darüber, wie leicht es passieren kann, sich im Netz von Blendern und Ideologen zu verfangen. Ein gutes und wichtiges Buch, heute wahrscheinlich wichtiger denn je. 

Erika Ernst, geborene Tillwichs, wurde 1911 in Krotoschin bei Breslau, also in Schlesien, geboren. Allein durch das Geburtsjahr ist klar: zwei Weltkriege sollten ihr Leben prägen. Damit ist die Geschichte eine unzählige Geschichten von und über Frauen dieser Zeit, was das Buch zu einer Mischung aus Biografie und zeitgeschichtlichem Dokument macht. Erika Ernst war nicht irgendwer und auch nicht nur die Mutter des Autors, sie war auch eine Person des öffentlichen Lebens und der Gesellschaft, daher konnte er seine Recherche auf ein Memoire seiner Mutter, auf ihre Erzählungen und auf unzählige öffentlich zugängliche Dokumente stützen. 

Edzard Ernst beschreibt anschaulich, wie aus dem „Fräulein aus gutem Hause“ erst eine „verliebte Ehefrau mit scheinbar gesicherter Zukunft und vorgeschriebener Moral“ wurde, die den Ideen des Nationalsozialismus sehr offen gegenüberstand, und dann eine „erwachsene Frau, die den Nationalsozialismus zunehmend mit Argwohn betrachtete und die es wagte, die vorgeschriebene Moral des Regimes in Frage zu stellen.“ Sie wurde mal von der einen, mal von der anderen Seite beeinflusst, musste also ihren Weg selbst finden und, nach der Geburt ihrer Kinder, „unter dem ständigen und oft kaum erträglichen Druck der Verantwortung für vier Menschenleben im Eiltempo erwachsen werden.“.  

Einfluss nehmen wollten vor allem die Brüder ihrer Mutter, die beide innerhalb der Partei Karriere machten. Erich Jüttner wurde Landrat und „galt als der weitaus fanatischste Nazi der Familie.“ Allerdings brachte es Hans Jüttner bis zum Chef des Stabes des Ersatzheeres und damit faktisch zum Stellvertreter Heinrich Himmlers. „Von den Vernichtungslagern hat selbst Hans nichts gewusst.“- schrieb Erika in ihrem Memoire, da er ihr mehrmals in bedrohlichen Situationen geholfen hatte, blieb sie ihm zeitlebens dankbar. Und sie glaubte ein Leben lang an das Gute im Menschen, obwohl ihr Onkel Hans seiner faschistischen Gesinnung treu blieb. 

Dabei war sie keineswegs naiv oder unbedarft. Sie war eine clevere und enorm fleißige Geschäftsfrau. Sie baute 1937 mit ihrem Mann in Bad Reinerz ein Sanatorium auf, dann 1949 in Bad Neuenahr und zuletzt (nach der Scheidung) ihr Prunkstück: das „Alpensanatorium“. Dieses „Imperium“ in Bad Tölz umfasste letztendlich ein Netzwerk von Kliniken mit insgesamt etwa 450 Betten und rund 250 Mitarbeitern. Privat hatte sie weniger Glück, zwei gescheiterte Ehen, drei Kinder und ein Leben voller Sehnsucht nach „Zärtlichkeit, Liebe und Treue, und die Realität hat ihr diese Wünsche nur selten erfüllt.“ 

Ich muss sagen, dass mich das Buch sehr berührt hat. Ein Sohn im reifen Alter (Edzard Ernst ist Jahrgang 1948), der so liebevoll über seine Mutter schreibt, das hat mich beeindruckt. Sprachlich ist das Buch bis auf ein paar Fehler sehr gelungen, wobei ich mich mit den vielen Fußnoten etwas schwertat. Die vielen Namen und Ereignisse, auf die der Autor sich bezieht, haben mich animiert, tiefer in die Geschichte einzutauchen, vor allem in die Personalien der beiden Onkel seiner Mutter. Und ich habe mich selbst hinterfragt, denn ich konnte in seiner Familiengeschichte viele Parallelen zu meiner eigenen finden. 

Ich empfehle das Buch jedem, der gerne Biografien liest und jedem, der sich über die Gefahren des Faschismus informieren möchte und darüber, wie leicht man von Menschen beeinflusst werden kann, die man liebt und schätzt, selbst, wenn man „aus einem guten Hause“ stammt. Von mir eine klare Lese-Empfehlung und 5 Sterne.


Fun Fact am Rande für mich: Edzard Ernsts Patentante, Aloysia „Lilly“ Schilling war in erster Ehe Bruno Tillwichs, einem Bruder von Erikas Vater verheiratet gewesen. Dieser arbeitete an der Entwicklung eines synthetischen Öls für Präzisionsuhren. Erfolg hatten allerdings erst seine Nachkommen. Heute heißt die Firma „Dr. Tillwich GmbH Werner Stehr“, ist Weltmarktführer für Spezialschmierstoffe in der Feinmechanik, Elektronik und Uhrentechnik und befindet sich in Ahldorf bei Horb, wo weitere Nachkommen der Familie Tillwich(s) unter anderem als Ärzte tätig sind. Ich kenne einige flüchtig, denn ich habe in Horb mein Abitur gemacht (ein Jahr nach dem Sohn von Werner Stehr) und ein paar Jahre bei einer der lokalen Zeitungen gearbeitet. Wie klein die Welt doch ist.  


Donnerstag, 23. April 2026

Rügenmord - Katharina Peters

Mit „Rügenmord“ legt Katharina Peters bereits ihren 15. Romy-Beccare-Krimi vor. Natürlich nimmt sie ihr Publikum wieder mit nach Rügen, natürlich gibt es wieder einen Mordfall und natürlich ist das Buch gewohnt spannend. 

Aber von vorn.

Am Rande von Poseritz auf Rügen brennt eine Scheune ab, die als Lagergebäude genutzt wurde. Doch neben den erwarteten verkohlten Antiquitäten finden die Einsatzkräfte die Leiche eines jungen Mannes. Erste Ermittlungen ergeben, dass es sich bei dem Toten um Tom Kappler handelt. Er hatte nicht zufällig in der Scheune übernachtet und war ein Opfer der Flammen geworden, die Scheunentür war von außen verschlossen gewesen. Kappler war Buchhalter, der eigentlich in Berlin zu Hause war. Aber der 30-Jährige war vielseitig begabt, neben seinen Aushilfsjobs als Buchhalter hatte er eine große Leidenschaft für Musik gepflegt und auch als Musikproduzent gearbeitet. Er war wegen seiner hilfsbedürftigen Mutter in Greifswald – und wegen einer Affäre mit dem verheirateten Gastronomen Robin Baumann. Hat ihn diese heimliche Beziehung das Leben gekostet oder steckt hinter dem Mord etwas vollkommen Anderes? Kriminalkommissarin Romy Beccare und ihr Team aus Marco Buhl (Leider der Kriminaltechnik), Maximilian Breder (entscheidender Kommissar im Innendienst) und Kriminalkommissar Gregor Reymann machen sich, unterstützt von Romys Mann Jan Riechter (Leiter des Kriminalkommissariats Stralsund) an die Ermittlungsarbeit. Die Spur führt ins organisierte Verbrechen und der Fall nimmt Dimensionen an, die alle in ihrer Komplexität überraschen.

Romy Beccare war von Anfang an eine der Figuren von Katharina Peters, die mich begeistert hat. Da macht auch das neue Buch keine Ausnahme. In diesem Band der Serie wagt die Autorin den Crossover zu einer ihrer anderen Serien, Privatermittlerin Emma Klar aus den „Ostseekrimis“ unterstützt Romys Team. Die Charaktere sind hervorragend ausgearbeitet. Natürlich sind für den Kenner der Serie Romy Beccare und ihr Team keine Unbekannten und trotzdem schafft die Autorin es, allen immer noch neue Nuancen auf den Leib zu schreiben. Vor allem baut sie natürlich den „Neuen“ in der Runde aus, denn Kommissar Gregor Reymann ist erst seit rund zwei Jahren mit dabei. Durch seine sehr spezielle Art hat er sich allerdings schnell zu meinem Liebling entwickelt. Auch die Verdächtigen, Zeugen und das Opfer bekommen ihre eigenen Persönlichkeiten. Das Publikum fiebert und rätselt so natürlich noch intensiver mit. Und, was soll ich sagen, ich lag ja bei meinen Verdächtigen komplett falsch.  

Der Spannungsbogen ist bei dem Buch ist konstant sehr hoch. Die vielen falschen Fährten und die zahlreichen Verdächtigen tun da ihr Übriges. Schon von der ersten Seite an entwickelt die Geschichte einen gewissen Sog, dem man sich nicht entziehen kann. Nur wenn die Ermittlungen auf der Stelle treten und sich nichts weiterzuentwickeln scheint, geht der Spannung ein bisschen die Luft aus. Tatsächlich habe ich das Buch aber in einem Rutsch durchgelesen, durch die angenehme Sprache ist flott und gut zu lesen. Die mehrfache Verwendung von „Coachfrau“ fand ich allerdings nicht nur störend, sondern auch ein falsch gewähltes Wort und das bremste meinen Lesefluss enorm. Zwar finde ich den richtigen Ausdruck „Coachin“ auch nicht wirklich besser, aber er wäre korrekt und eventuell hätte die Autorin einfach eine andere Bezeichnung wählen können. 

Anders als bei „Kreidemord“ spielt das Privatleben der Ermittelnden nur eine sehr untergeordnete Rolle, solide Polizeiarbeit steht eindeutig im Mittelpunkt. Die Beschreibung derselben scheint realistisch zu sein, auch die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Dienststellen und Instanzen – nicht zu reibungslos, aber auch nicht zu viel Kompetenzgerangel. Leider gibt es auch weniger Lokalkolorit als ich es von Katharina Peters gewohnt bin. Alles in allem ist das Buch eventuell etwas überladen. Eine falsche Fährte, ein Verdächtiger oder ein kriminalistischer Ansatz weniger hätte der Geschichte möglicherweise nicht geschadet. Aber das ist Meckern auf hohem Niveau, denn ich fand das Buch hervorragend, eine lohnende Lektüre und von mir gibt es daher fünf Sterne. 


Das Lächeln der Königin - Stefanie Gerhold

Kunst und Geschichte sind zwei Themen, die mir wichtig sind. Daher fand ich Stefanie Gerholds Buch „Das Lächeln der Königin“ ideal, zumindest nach dem, was der Klappentext versprach. Leider konnte der Archäologieroman meine Erwartungen nicht erfüllen. Es ist mit Sicherheit nicht schlecht, aber für mich war es absolut nicht das Richtige.

Aber von vorn.

James Simon wollte eigentlich klassische Philologie studieren, hatte er doch eine Vorliebe für Latein, Griechisch und Alte Geschichte. Allerdings übernahm er das Textilunternehmen seiner Familie und lebte seine Leidenschaft als Sammler aus und finanzierte Ausgrabungen, wie beispielsweise die Ausgrabung Ludwig Borchardts in Achetaton (heute Tell el Amarna). Borchardts Team machte im Dezember 1912 dort einen sensationellen Fund: im Atelier des Bildhauers Thutmosis fanden sie die weitgehend unversehrte Kalksteinbüste der Nofretete. Anders, als Simon es geplant hatte, wanderte das Artefakt zuerst einmal für mehrere Jahre ins Archiv. Ausgräber Ludwig Borchardt hatte seinem Geldgeber zwar versichert, die „Fundteilung“ sei in Ordnung, aber es hatte einige Differenzen zwischen den britischen Besatzern, dem damaligen ägyptischen Antikendienst (der stand unter französischer Leitung) und den Inhabern der Grabungslizenz gegeben. Letztendlich landete die „Königin“ dann aber bei Simon in Berlin und nicht im British Museum in London oder im Louvre in Paris. 1924 wurde sie zum ersten Mal ausgestellt.

Stefanie Gerhold zeichnet in ihrem fiktionalen Buch anlässlich des 100. Jubiläums der ersten Nofretete-Ausstellung den Weg der Büste von der Ausgrabungsstätte bis zur Ausstellungsstätte nach. Das tut sie zwar nicht schlecht, aber für mich war das Buch nichts Ganzes und nichts Halbes. Es ist keine richtige Biografie Simons oder Borchardts und es ist kein archäologisch-historisches Fachbuch. In manchen Aspekten ist mir das Buch zu oberflächlich und damit hat die Autorin ein enormes Potential verschenkt, weder die Personen noch die Zeitgeschichte kommen ausreichend zu ihrem Recht. Vor allem bezüglich der Person James Simon finde ich es sehr schade, er ist ein so interessanter Charakter und Stefanie Gerhold wird ihm meiner Meinung zu wenig nicht gerecht.

Der aufkeimende Nationalsozialismus und stete Antisemitismus werden natürlich erwähnt, Simons Rolle als „Kaiserjude“ wird gestreift, vor allem sein Verhältnis zu seinem Berater, dem Kunsthistoriker und Museumsfachmann Wilhelm von Bode, den er eigentlich als Freund ansah, der aber schnell einen starken Antisemitismus zur Schau stellte. Die bürokratischen Hürden der „Fundaufteilung“, die Probleme und Streitereien im wissenschaftlichen Betrieb, die überwiegend durch Neid getrieben wurden, beschreibt sie hingegen sehr ausführlich und anschaulich. Mit dieser Gewichtung macht sie das Buch aber meiner Meinung nach zu einem Werk „für echte Fans“ und nicht für durchaus interessierten Laien wie mich.  

Sprachlich ist das Buch gut und flüssig zu lesen, das Konzept ist durchaus gelungen. Die Aufteilung zeigt von Anfang an deutlich, dass der Fund das eine ist, die Bürde, die er mit sich bringt, aber auf einem ganz anderen Blatt steht. Mir fehlt auch ein bisschen die Einordnung, dass weder die britische Besatzungsmacht in Ägypten noch der damalige ägyptische Antikendienst (Département d’Antiquités) unter französischer Leitung oder das Gespann Simon/Borchardt irgendein Recht auf die Büste der Nofretete hatten, sondern einzig der ägyptische Staat. Und dennoch steht die „Königin“ bis heute in einem Berliner Museum.

Für mich war das Buch leider nichts, aber das liegt nicht an dem Roman, sondern an meinen falschen Erwartungen. Daher vergebe ich vier Sterne.