„Frieden“ von Anders Lustgarten ist ein Buch, das mich ein bisschen zwiegespalten zurücklässt. Einerseits ist es ein erschreckend aktuelles und zum Nachdenken anregendes Buch, es ist sprachlich pointiert, bildreich erzählt und strotzt nur so vor absurden Situationen. Andererseits bin ich mir unsicher, ob Stil und Ansatz des Autors dem Thema gerecht werden. Nicht jede Krise kann man satirisch aufarbeiten. Oder sollte man speziell an politische Themen so herangehen, um die Menschen darauf aufmerksam zu machen, dass es zu jeder Geschichte immer mindestens zwei Seiten gibt?
Aber von vorn.
Sieben Menschen schippern in einem kaum
seetauglichen Ruderboot samt rostigem Außenborder von Frankreich aus auf die
südenglische Küste zu, darunter drei Iraner und ein Senegalese, angeführt von
einem Afghanen, der „schwört, dass er weiß, wie man übers Meer steuert.“ An der
Küste werden sie von Menschen erwartet, die es sich zur Aufgabe gemacht haben,
„ihr Land vor den Flüchtlingen zu schützen“. Unter diesen selbsternannten
„Patrioten“ sind auch zwei Polizisten, welch Ironie: einer von ihnen stammt aus
einer polnischen Einwandererfamilie. Am nächsten Morgen ist Omar, einer der
Flüchtlinge tot, die anderen in einem Asylcenter untergebracht. Krankenschwester
Cherry findet die Leiche nach einer durchzechten Nacht, der Tote hat ein
laminiertes Foto einer jungen Frau in der Hand. Cherry hat selbst ihren Sohn
verloren und die Leiche erinnert sie so sehr an Liam, dass sie beschließt, die
junge Frau auf dem Foto zu finden und Omar eine würdige Beerdigung zu
ermöglichen. Gejagt von einem der Täter und unterstützt von vielen Wohlgesinnten
macht sich Cherry mit der Leiche im Schlepptau auf die Suche nach der jungen
Frau.
Lange habe ich mich an der Buch nicht
herangetraut, jetzt habe ich es in einem Rutsch durchgelesen. Wenn man es erst
einmal angefangen hat, entwickelt „Frieden“ einen eigenartigen Sog. Wer die aktuelle
Politik eigentlich überall auf der Welt aufmerksam verfolgt, der kommt um das
Thema „Flüchtlinge“ nicht herum. „Stop the boats“ war einer der Slogans im
britischen Wahlkampf. Und genau darum geht es in „Frieden“. Selbsternannte
Grenzschützer wollen ein kleines Boot zur Umkehr bewegen. Die jungen Männer,
die darin sitzen, sind aber nicht bereit dazu, ihr Boot würde den Rückweg ganz
sicher auch nicht mehr schaffen.
Anders Lustgarten erzählt die Geschichte
aus allen möglichen Perspektiven. Er beschreibt die Sicht der Flüchtlinge und
der „Patrioten“ genauso wie die von
Cherry und ihrem Umfeld. Das gibt der Geschichte Schwung und natürlich dem
Publikum den bestmöglichen Einblick in das, was die Charaktere an- und
umtreibt. Die Sprache des Autors finde ich fantastisch. Er erzählt
ausschweifend und bildhaft. Am Anfang dachte ich auch, es sei ein „ernsthafter“
Roman. Aber, wer Anders Lustgarten kennt (ich kannte ihn vorher nicht), der
weiß wohl, dass er ein Fachmann für politische Satire ist. Daher war es
vielleicht nur für mich eine Überraschung, dass das Buch ins komplett Absurde
abrutscht und die Wendungen in der Geschichte vollkommen irrwitzig werden. Dabei
hat das Buch ein Tempo drauf, das der Leserschaft den Atem nimmt, die Rasanz,
mit der die Handlung um sich greift, bis mehr oder weniger „everybody and their
dog“ involviert sind. Querlesen oder gar Seiten überblättern ist bei der
Geschichte nicht möglich, selbst im kleinsten Absatz steht so viel drin, wenn
man den nicht „ordentlich“ liest, hat man eventuell etwas Wichtiges verpasst.
Ich bin immer noch unschlüssig, ob diese
Art der Aufarbeitung dem Thema gerecht wird. Rein konzeptionell ist das Buch
eine Mischung aus Homers „Odyssee“ und „Ulysses“ von James Joyce, dazu eine
Prise Absurditäten, die an Monty Python erinnern, daraus wird für mich ein
Buch, das zu launig, zu aberwitzig und zu satirisch geschrieben ist, um als
ernsthafte Auseinandersetzung wahrgenommen zu werden. Andererseits beleuchtet
der Autor jeden Aspekt, der mit den Themen
Flucht/Fluchtbekämpfung/Rassismus/Fremdenfeindlichkeit auch nur im
Entferntesten zu tun hat. Die jungen Flüchtlinge auf der Suche nach dem Glück
und der großen Liebe, die Einwanderin, die eigentlich Chemie studiert hat und
jetzt nur noch einen Job als Putzfrau findet, die Familie, die einen der Ihren
verloren hat und wo jeder anders und für sich trauert. Dazu die „Patrioten“,
deren Anführer, aufgepeitscht von Hass, Machtgier und Amphetaminen und die
Mitläufer, die einfach nur dazugehören
wollen. Von allen erfährt man die Hintergründe und „Gründe“ für ihre Radikalisierung.
Trotz der Kritikpunkte habe ich das Buch
bis zum Schluss verschlungen. Da der Schluss aber für mich komplett sinnfrei
ist, ziehe ich einen Stern ab und vergebe vier Sterne.