Zu Dietlinde Ellsässers neuem Buch „Mach nur so weiter. Als Dorfkind auf die Bretter, die die Welt bedeuten“ bin ich mehr durch Zufall gekommen. Als Schwabe ist mir die Schauspielerin und Kabarettistin natürlich namentlich bekannt, leider habe ich es aber nie geschafft, sie live zu erleben. Ihr Buch habe ich überwiegend sehr gern gelesen, in vielem habe ich Parallelen zu mir, meinem Leben und meiner Familie gefunden und natürlich fand ich es großartig, so viel Schwäbisch zu lesen!
Aber von vorn.
Das Buch ist eine Mischung aus Autobiografie und zu Papier gebrachten Gedanken, aus Erinnerungen und Gedichten (eigenen und fremden), daher kann man zum Inhalt gar nicht so viel schreiben. Fast genau zehn Jahre nach „Mach ja kein Theater“ und im Jahr ihres 70. Geburtstags hat Dietlinde Ellsässer an dieses Buch angeknüpft. Da es mit dem Satz „Mach nur so weiter“ endete, heißt ihr neues Werk genauso. „Mach nur so weiter“ ist ein Satz, der, je nach Betonung positiv, aufmunternd oder negativ behaftet ist.
Wie gesagt, wusste ich über Dietlinde Ellsässer bislang nur wenig, die Erkenntnisse aus dem Buch sind daher wirklich interessant, so, wie sie schreibt, bekommt man bei der Lektüre das Gefühl, sie kennenzulernen.
Sie sinniert über ihr Leben und lässt ihr Publikum daran teilhaben. Sie erzählt von ihrer Kindheit und Jugend in Hemmendorf, ihrer Ausbildung zur Erzieherin, der das Vorpraktikum für die Erzieherinnen-Schule voranging. („Was für ein schiefes Jahr, das mir doch auch zu einer Art »Initiation« geworden ist. Ich hab durchgehalten, bin daran gewachsen und erstarkt, die Erleichterung danach hat einen tiefen »Jubel-Juuzger « aus mir heraus geschmettert.“) Sie schreibt über Heimat und Familie, Rückhalt und Ansporn und natürlich schreibt sie über ihre „Ankunft“ in der Welt des Theaters und bei sich selbst, lässt aber „schwäbische Tugenden“ („Schon als Kinder lernen wir, dass Ruhe gleich Faulheit und dass Nichtstun gleich Zeitverschwendung sei“) und wie es ist, anders zu sein, nicht aus. Je mehr sie über die „Drei vom Dohlengässle“ schrieb, desto trauriger war ich, sie nie live gesehen zu haben.
Für mich selbst, als ehemaliger Zeitungsmensch in Dietlinde Ellsässers Gegend, waren ihre Weggefährten sehr speziell, denn einige haben auch meinen Lebensweg gekreuzt. So zitiert sie beispielsweise immer wieder den Lyriker Walle Sayer. Und sie erwähnt auch den wunderbaren Heiner Kondschak.
Eher unschön fand ich allerdings Sätze zur Covid-Pandemie wie „alles wegen Corona. Alles wurde ausgebremst. Das Leben, die Begegnungen, das Spiel und vor allem das Selberdenken.“ Ich wohne in dem Dorf, wo Covid in Deutschland begonnen hat. Jeder von uns hat Menschen aufgrund der Krankheit verloren, jeder kennt Menschen, die auch Jahre nach der Infektion noch an den Spätfolgen leiden und jeden Tag mit Long Covid kämpfen. Sie schreibt unter anderem über das „bürokratische Zeugnis“ des Corona-Impfasses ohne nähere Einordnung. Kritische Einordnung fehlt mir auch an anderen Stellen, da reißt Dietlinde Ellsässer für mich leider ein bisschen mit dem Hintern ein, was sie weiter vorne im Buch an gutem Eindruck aufgebaut hatte.
Allerdings schreibt sie auch klar über die Chancen, die Corona für ein entschleunigtes Leben gegeben hat, Spaziergänge und Treffen in der freien Natur. Das passt für mich nicht ganz zusammen, aber es bestätigt ihre Aussage: „Es fließt beim Erzählen einfach aus mir heraus – und was ich hier aufschreibe, folgt keiner festen Dramaturgie. […] Schon in der Schule habe ich in Deutsch beim Aufsatzschreiben keine Stoffsammlung und keine Gliederung gemacht, sondern hab gleich losgelegt; meine Lehrerin hats zugelassen. Darum ist mein Schreiben sprunghaft, assoziativ.“ Und so ist es für mich alles in allem dennoch ein sehr gutes Buch geblieben. Mit überwiegend klaren und guten Denkansätzen, sinnvollen Lebensweisheiten und Lebens“anleitungen“. Danke fürs Mitnehmen durch Ihr Leben und die Chance auf eine virtuelle Rückkehr in die alte Heimat, Frau Ellsässer. Von mir vier Sterne. Machen sie nur so weiter!