Freitag, 18. September 2026

Schatten Eis - Anne Nørdby

„Schatten Eis“ ist der dritte Teil von Anne Nørdbys Serie rund um die Privatermittlerin und Superrecognizerin Marit Rauch Iversen. Dieses Mal ermittelt sie in einem ganz persönlichen Fall und erfährt mehr über ihre Familiengeschichte, als sie es sich jemals hätte träumen können. Ein Buch voller Brutalität und grönländischen Mythen.

Aber von vorn.

Svend Aage Vesterby wird brutal ermordet in seinem Haus aufgefunden. Wer hat dem 91-jährigen ehemaligen Lehrer eine Lobotomienadel ins Gehirn getrieben und ihn damit getötet? Und vor allem: warum? Hat es etwas damit zu tun, dass er als Sozialchef in Nuuk „ein richtig hohes Tier“ war? Oder damit, dass er von 1982 bis 93 unter der Regierung Schlüter als Bildungsminister im Folketing war? Anfangs tappen die Ermittler Kirsten Vinther und Jesper Jørn Bæk völlig im Dunkeln. Als dann aber August Iversen auf dieselbe Weise getötet wird, nehmen die Ermittlungen Fahrt auf. Iversen ist nicht nur ehemaliger Richter, sondern auch der Adoptivvater von Kirstens bester Freundin, der Superrecognizerin Marit Rauch Iversen. Daher bleibt diese bei den Ermittlungen außen vor, was dazu führt, dass die ehemalige Polizistin und jetzige Privatermittlerin ihre eigenen Nachforschungen anstellt. Kirsten und Jesper werden von ihrer Chefin Ann Katrine Therkildsen unter Druck gesetzt, diese steht wiederum gegenüber dem Justizminister in der Verantwortung, den Fall schnellstmöglich aufzuklären.

Allerdings sind die Ansätze der Ermittler komplett anders als die der Politik: während Kirsten und Jesper überzeugt sind, dass die Motive für die Morde in der Vergangenheit der Toten und in ihrer Beziehung zu Grönland zu finden sind, ist der Justizminister sicher, dass es sich um  Raubmorde handelt. Schließlich fehlt bei Vesterby ein altes grönländisches Kunstobjekt (ein „Anngiaq“, der Geist, der bösen Geheimnissen auf der Schliche ist) im Wert von 800.000 Dollar und bei Iversen eine grönländische Maske im Wert von 200.000 Dollar. Gründliche Ermittlungen zeigen aber, dass beide Oper vor ihrer Ermordung einen „Unheilsbringer“, einen sogenannten Tupilak in Form von toten Krähen, versehen mit Attributen ihrer Berufe erhalten haben. Handelt es sich dabei tatsächlich um „Hokuspokus“ und ein alter Fluch ist der Grund für die Morde? Oder steckt etwas Weltliches oder Politisches dahinter? Die vielversprechendste Spur führt zu einem ominösen grönländischen „Herrenclub“, zu dem beide Opfer gehört hatten. Marit ermittelt auf eigene Faust und findet Dinge über sich, ihre Herkunftsfamilie und ihre Adoptivfamilie heraus, die sie sich nie hätte vorstellen können und die ihre Sicht auf alles vollkommen verändern. Und während sie noch so vor sich hin ermittelt, passiert ein weiterer Mord und sie selbst erhält ebenfalls einen Tupilak

Dieses Buch geht weit über das eigentliche Thriller-Genre hinaus, denn die Autorin packt sehr viele aktuelle und politische Themen hinein. Kolonialismus und die hässlichen Nachwirkungen sind dabei etwas, was die Autorin aufgreift, Bei vielen der Kolonialverbrechen fehlt bis heute die lückenlose Aufarbeitung, ob es sich nun um illegale Adoptionen, rechtswidrig eingesetzte Spiralen oder andere grausame medizinische Eingriffe handelt. Natürlich darf auch der Bezug zur Drohung des amerikanischen Präsidenten, sich Grönland einzuverleiben, nicht fehlen.

Sprachlich ist das Buch so, wie ich es von der Autorin gewohnt bin. Die Atmosphäre ist spannungsgeladen und enorm düster, die grönländische Landschaft, die Mythen und der tief verwurzelte Aberglaube werden von Anne Nørdby sehr gut beschrieben. Auch die großen Probleme vieler Grönländer wie hohe Arbeitslosigkeit, hohe Alkoholikerquote, hohe Zahl an Suiziden usw. lässt sie nicht aus. Das Buch wirkt dadurch an manchen Stellen thematisch etwas überladen. Auch, was die Charaktere angeht, bin ich zwiegespalten. Dafür, dass es „Privatermittlerin Marit Rauch Iversen“-Krimi ist, spielen zu viele andere eine zu große Rolle. Das Privatleben von Kirsten Vinther mit ihrer Lebensgefährtin Mimi finde ich eher nebensächlich. Die Querelen zwischen Kirsten und Jesper auf der einen und Ebert Clausen auf der anderen sind zwar vermutlich realistisch, hätte man sich in diesem Umfang aber auch sparen können. Überhaupt finde ich die Charaktere weitgehend wenig gelungen ausgearbeitet. Marit besticht durch Trotzhandlungen, Kirsten ist eher blass und Jesper agiert in vielem wie ein verknallter Pennäler.

Was die Spannung angeht, bin ich von dem Buch begeistert, der Spannungsbogen ist konstant hoch. Die Auflösung des Falls hingegen finde ich zu banal und hat mich enttäuscht. Da das Buch aber mit einem Cliffhanger endet, gehe ich davon aus, dass es einen weiteren Teil der Reihe geben wird, was mich sehr freuen würde.

Von mir gibt es trotz einiger Schwächen für dieses Buch fünf Sterne.

Opfer, die wir bringen - Roman Voosen/Kerstin Signe Danielsson

„Opfer, die wir bringen“ ist der dritte Teil der „Ein Fall für Svea Karhuu und Jon Nordh“-Krimiserie von Roman Voosen/Kerstin Signe Danielsson. Ich kenne die ersten beiden Teile auch und bezeichne mich inzwischen als Fan der Reihe. Das Autorenduo serviert der Leserschaft gut durchdachte Geschichten mit spannendem Plot und spannungsgeladenen Konstellationen zwischen den Ermittelnden. 

Aber von vorn.

Drei Teenager-Mädchen werden erschossen in ihren Zimmern aufgefunden. Alle drei lebten in einer Art Aussteigerkommune in Südschweden, ohne Smartphone und Fernseher, abseits von Mainstream, dafür mit anthroposophischer Lebenseinstellung, bio-dynamischem Landbau und teils extremen Ansichten. Die Ermittlungen von Jon Nordh und Svea Karhuu zeigen schnell, dass auch bei dieser Art der Lebensführung nicht alles so harmonisch ist, wie die Bewohnenden das gerne hätten. Die Jugendlichen der Gemeinschaft wurden in der Schule gemobbt, gesundheitliche Probleme wurden „alternativmedizinisch behandelt“ und Henry, der Vater eines der Opfer wurde wegen seiner psychischen Probleme der Gemeinschaft verwiesen. Nachforschungen ergeben, dass der 17jährige Melker, ebenfalls ein Bewohner der Kommune und Freund der drei toten Mädchen, vermisst wird. Ist er der Täter oder ein weiteres Opfer? Svea und Jon ermitteln fieberhaft in alle Richtungen,  

Uff. Da haben Roman Voosen und Kerstin Signe Danielsson wieder mal eine Menge Themen in ihren Krimi gepackt. Unter anderem schreiben sie über eine Aussteiger-Community mit Hang zu Esoterik und Schwurbel, ein Schamane, rassistisches und eugenisches Gedankengut, dazu drei tote Mädchen, die sich mit Problemen wie Ess-Störung und Selbstverletzung plagten. 

Ich bin ein großer Fan von „unbequemen“ Ermittlern, daher können sowohl Jon Nordh als auch Svea Karhuu bei mir punkten. Schön finde ich, ihre charakterliche Entwicklung seit dem ersten Teil der Reihe mitverfolgen zu können, vor allem in Puncto Teamwork haben sich beide sehr gesteigert, was sich auch im Umgang mit ihren Kollegen Anna Wallgren und Henning Stöcker zeigt. Die beiden sind inzwischen nicht mehr „die Muppets“, sondern geschätzte Teile des Teams. Natürlich haben die Ermittelnden auch ein Privatleben. Jon leidet nach wie vor unter dem Unfalltod seiner Frau, sein Verhältnis zu seinen Kindern ist wechselhaft, vor allem zu seiner Tochter hat er immer weniger Zugang. Er ermittelt auch weiter zu dem inzwischen zwei Jahre zurückliegenden Unfall, kommt aber nicht weiter. In Sveas Leben tut sich ebenfalls einiges, denn ihr Freund Kristoffer will zu ihr nach Malmö ziehen, dazu plagt sie die Angst vor ihrem ehemaligen Chef. Der Spagat zwischen komplex und thematisch überladen gelingt dem Autoren-Duo dieses Mal meiner Meinung nach nur deshalb, weil viele der Themen in sich zusammenhängen. Vor allem die Anthroposophie bringt  sehr viele Nebenthemen mit sich, wie beispielsweise Impfgegnerschaft, „biodynamischen Landbau“ durch mit Kristallen und Dung gefüllte Kuhhörner, Kritik an den Covid-Maßnahmen und Ablehnung der evidenzbasierten Medizin zugunsten eines dubiosen Heilpraktikers. So bleibt alles trotz der Vielzahl an „Baustellen“ in sich stimmig.

Die Geschichte ist spannend, der Spannungsbogen konstant hoch, die falschen Fährten, auf die das Autoren-Duo die Leserschaft führt, sind clever konzipiert und Charaktere, Landschaften und Atmosphäre hervorragend beschrieben. Dieses Mal führen die Ermittlungen Jon und Svea nach Schonen, aber auch weit in den Norden Schwedens zu den samischen Ureinwohnern. Das Buch bietet bis zum schlüssigen Ende und dem fulminanten Cliffhanger nach drei Epilogen alles, was das Leserherz sich wünschen kann. Erzählt wird überwiegend aus Sicht eines außenstehenden Erzählers, der immer nur so viel weiß, wie das Publikum. Allerdings gibt es einige eingeschobene Kapitel aus Sicht eines Ich-Erzählers, sie stammen aus dem Tagebuch eines der toten Mädchen.

„Opfer, die wir bringen“ ist das dritte Buch einer Reihe, man kann es aber problemlos ohne Vorkenntnisse lesen, alles Wichtige wird im Lauf der Geschichte aufgegriffen. Allerdings empfehle ich allen, die gut konzipierte, spannende Krimis, Nordic Noir und Ermittler mit Ecken und Kanten mögen, auch die beiden anderen Teile der Serie zu lesen. Es lohnt sich!

Von mir gibt es für dieses Buch die volle Punktzahl. 


Samstag, 22. August 2026

Zerbrochene Stille - Arnaldur Indriðason

„Zerbrochene Stille“ heißt Arnaldur Indriðasons sechster Roman um den ehemaligen Kommissar Konráð. Dieser versucht nach wie vor, den jahrzehntelang zurückliegenden Mord an seinem Vater Seppi aufzuklären, der Weg zur Lösung dieses Falls führt ihn aber wie immer über Ermittlungen in anderen Verbrechen. Dieses Mal unterstützt er die Polizei bei der Aufklärung eines Mordfalls, der ihn tief in die isländische Geschichte des kalten Krieges eintauchen lässt.

Aber von vorn.

Im Hafravatn, einem See in der Nähe von Reykjavík, wird ein Tourist tot aufgefunden, offenbar wurde er ermordet. Erste Ermittlungen ergeben, dass er zwar als Urlauber in der Gegend war, er war aber ursprünglich in Island geboren und aufgewachsen und in den 1980ern nach Norwegen ausgewandert. Vor seiner Auswanderung hatte er zusammen mit einem Freund eine chemische Reinigung betrieben; dieser Freund verschwand 1983 spurlos. Parallel zu diesem Todesfall beschäftigt Konráð immer noch der „Fall Skafti“, ein Vermisstenfall aus den 1970ern. Vor einigen Wochen (am Ende des fünften Teils der Serie „Dunkles Versteck“) waren Skaftis sterbliche Überreste gefunden worden und die Nachforschungen in dem gut 50 Jahre alten Fall hatten „Polizei und Justiz erschüttert“. Konráð und sein Freund und ehemaliger Kollege Leó hatten seinerzeit wegen Skaftis Verschwinden offenbar einen Unschuldigen ins Gefängnis gebracht. Leó hatte damals das falsche Geständnis erwirkt, außerdem weiß Konráð inzwischen, dass seine verstorbene Frau Erna ihn mit Leó betrogen hat. Das alles belastet die Freundschaft zwischen den beiden sehr. Zudem beschäftigt Konráð auch immer noch der nach wie vor unaufgeklärte Mord an seinem Vater. Könnte es sein, dass die Fälle alle zusammenhängen?

Dieses Mal hat Arnaldur Indriðason seinen Mordfall als Aufhänger benutzt, sich näher mit dem kalten Krieg in Island zu befassen. Inwieweit die Fakten dazu stimmen, kann ich nur beurteilen, aber ich bin mir sicher, der Autor hat gründlich zum Thema recherchiert. Wirklich begeistert hat mich aber auch bei diesem Buch wieder der Schreibstil. Er passt einfach zu Konráð, denn auch er wirkt etwas unnahbar, ein bisschen verworren, aber ruhig, sachlich und stur. Er ist ein Einzelgänger und inzwischen wohl endgültig getrennt von seiner ehemaligen Lebensgefährtin Svanhildur, diese wird im ganzen Buch nicht einmal erwähnt. Dafür gibt es ein Wiedersehen mit seiner Freundin, dem Medium Eygló.

Bemerkenswert an der Krimiserie finde ich, dass der Autor eine unfassbar komplexe Geschichte über mehrere Teile weiterspinnt und seinen Protagonisten Konráð praktisch als „Beifang“ andere Fälle lösen lässt. Er verwebt verschiedene Erzählebenen, unterschiedliche Zeitebenen und vollkommen verschiedene Leben miteinander und schafft es dennoch, alles zu einem stimmigen Schluss zu bringen. Vorläufig. Denn Konráðs großes Ziel ist die Aufklärung des Mordes an seinem Vater. Dem kommt er zwar stetig näher, aber da ist noch kein richtiges Ende in Sicht. Frei nach dem Motto „mühsam ernährt sich das Eichhörnchen“ hangelt Konráð sich von Verdächtigem zu Verdächtigem und nicht nur er verliert manchmal den Überblick, wer Freund und wer Feind ist.

Um den Überblick zu behalten, empfiehlt es sich auch nicht, ohne Vorkenntnisse in die Serie einzusteigen. Das Buch ist der sechste Teil der Reihe und ich finde, man sollte sie wirklich alle in der richtigen Reihenfolge lesen. Ich habe mit Band drei angefangen und schon da war es nicht einfach, den roten Faden aufzunehmen. So viele Namen, so viele Ereignisse – da verliert man sehr leicht den Über- und Durchblick. Wer sich die Mühe machen möchte, der kann am besten ein Personenregister anlegen und die Zusammenhänge aufdröseln, das ist auch angesichts der (für mich zumindest) sehr ungewohnten isländischen Namen eine gute Idee.

Die anderen Teile der Serie sind schon eher latent spannend, aber dieses Werk ist mehr ein Roman über den Kalten Krieg, größere und kleinere Gauner und Verbrecher, Zwistigkeiten in Familien und zwischen Freunden. Der Spannungsbogen ist flach, dafür gibt es enorm viele verwirrende Sprünge vor und zurück in der Zeitlinie. Wer einen aufregenden Krimi erwartet, wird bei dem Buch vermutlich trotz des wirklich guten Schreibstils und der hervorragenden Übersetzung enttäuscht sein. Die Geschichte ist anspruchsvoll und vielschichtig und es dauert bis kurz vor Schluss, bis man endlich weiß, wie der Prolog und das erste Kapitel mit dem Rest zusammenhängen.

Von mir gibt es vier Sterne und eine Lese-Empfehlung an alle, die den Autor mögen und die Serie weiterverfolgen möchten.  

Schwüre, die wir brechen - Roman Voosen/Kerstin Signe Danielsson

„Schwüre, die wir brechen“ ist der zweite Teil der „Ein Fall für Svea Karhuu und Jon Nordh“-Krimiserie von Roman Voosen/Kerstin Signe Danielsson. Ich hatte den ersten Teil „Tode, die wir sterben“ schon gelesen und er hatte mir sehr gut gefallen. Dieses Buch fand ich um einiges schwächer, aber trotzdem gut zu lesen.

Aber von vorn.

Das Ermittler-Duo Jon Nordh und Svea Karhuu hat sich inzwischen zusammengerauft. Nach dem erfolgreichen Abschluss ihres ersten gemeinsamen Falls (nachzulesen in „Tode, die wir sterben“) kann man den kauzigen Witwer und alleinerziehenden Vater und die strafversetzte Kollegin, die seinerzeit die Polizeischule als Jahrgangsbeste abgeschlossen hat, als Team betrachten. Neben ihrem aufreibenden Job haben beide nach wie vor mit privaten Problemen zu kämpfen. Der Fall, mit dem sie es dieses Mal zu tun haben, hat es in sich. Er fängt damit an, dass in einem Boot auf einem Malmöer Kanal eine männliche Leiche gefunden wird. Das an sich ist noch nicht spektakulär, schließlich sind die beiden Ermittler bei der Mordkommission. Allerdings wurde dem Opfer das Herz entfernt, dazu wurde dem Mann der eigene Kopf abgetrennt und ihm stattdessen ein Krokodilkopf angenäht. Jon wird von Svea und der Chefin Nora Mellander dazu gedrängt, die Ermittlungen aufzunehmen. Letztere ködert ihn damit, dass er dann endlich die Ermittlungsakte zu dem Unfall bekommt, bei dem seine Frau vor geraumer Zeit zusammen mit seinem ehemaligen Partner Calle ums Leben gekommen ist. Und während die Ermittler noch eher plan- und ziellos arbeiten, wird eine zweite Leiche gefunden, dieser wurde der Kopf eines Falken angenäht. Auffällig an dieser Leiche ist aber auch, dass sie über und über mit Zeichen bedeckt war, die an ägyptische Hieroglyphen erinnern. Wegen dieses Fundes schauen sich die Ermittler den ersten Mord noch einmal genauer an, Überraschung: Auch im Umfeld des ersten Opfers sind solche Zeichen zu finden. Ist es tatsächlich ein Serienmörder, der in Malmö sein Unwesen treibt? Und falls ja, was ist sein Motiv?

Nachdem ich „Tode, die wir sterben“ mit großer Begeisterung gelesen habe, habe ich mich auf die Lektüre von „Schwüre, die wir brechen“ sehr gefreut. Hundertprozentig überzeugt hat mich das Buch allerdings nicht. Zwar fand ich es sehr spannend und auch stilistisch gut zu lesen, die Idee hinter dem Buch hat mich aber nicht wirklich abgeholt. Die ägyptischen Zeichen waren für mich bis zuletzt ein eher überflüssiges Element, ohne das das Buch vermutlich auch sehr gut ausgekommen wäre. Ja, es wird am Schluss geklärt, was hinter allem steckt, aber auch diese Erklärung finde ich ein wenig mager.

Abgesehen davon ist das Buch gut geschrieben. Es ist spannend und sprachlich bodenständig, aber das Konzept ist nicht ganz so stimmig wie im ersten Band der Reihe. Auch da dauerte es lang, bis klarwurde, wie der Prolog und die eingeschobenen Kapitel zum „großen Ganzen“ des Buchs passen, aber bei „Schwüre, die wir brechen“, dauert es meiner Meinung nach zu lang und mit jedem Exkurs zu einem ominösen Peter wurde meine Verwirrung größer und damit leider auch meine Frustration. Die „Ausflüge“ sind zwar interessant, vor allem sein Leben in der chilenischen Colonia Dignidad, aber was sie im Endeffekt zum Krimi beitragen, bleibt für mich zu lange unklar. 

Die Ausarbeitung der Charaktere finde ich hingegen wirklich gut. Svea Karhuu und Jon Nordh fand ich im ersten Teil schon sehr gut beschrieben, die beiden baut das Autoren-Duo weiter aus. Jon versucht immer noch Kinder, die privaten Ermittlungen zum Unfalltod seiner Frau und seine Arbeit unter einen Hut zu bekommen, was ihm eher schlecht als recht gelingt. Svea hat ebenfalls eine private Ermittlung am Laufen, sie wird anonym bedroht und versucht mithilfe ihre Vaters herauszufinden, von wem. Leider verrennen sich beide in ihren privaten Ermittlungen und sehen vieles (zumindest für die Leserschaft) Offensichtliches nicht. Interessant finde ich aber bei beiden, dass sie sich als Ermittlerduo zusammengefunden haben und sich eher auf Augenhöhe begegnen. Selbst die Kollegen Wallgren und Stöcker (in Anlehnung an Walldorf und Stattler „die Muppets“ genannt) werden von ihnen mehr mit Wohlwollen bedacht als im ersten Teil der Reihe, wobei mich Wallgrens zwanghaftes Kichern in den unpassendsten Augenblicken gründlich nervt.

Insgesamt ist es für mich ein solider Krimi, dem allerdings das Skandinavische fehlt, er könnte meiner Meinung nach genauso gut in Wanne-Eickel spielen. Der Spannungsbogen sieht ein bisschen wie eine Sinuskurve aus, manchmal sehr hoch und manchmal ist er nicht vorhanden. Alles in allem würde ich sagen, dass das Autoren-Duo die Geschichte ein wenig überladen hat, was der Spannung abträglich war. Die ägyptische Komponente, der wirklich grausame Mörder, die Erfahrungen von Peter in der Colonia Dignidad UND dann noch die privaten Baustellen der Ermittler – das alles zusammen war einfach ein bisschen zu viel und der Schluss ein bisschen unbefriedigend. Deshalb kommt das Buch für mich über ein „solide“ und „unterhaltsam“ nicht hinaus und bekommt von mir 3,5 Sterne, aufgerundet auf 4.


Samstag, 8. August 2026

Akte Nordsee. Die letzte Predigt - Eva Almstädt

„Die letzte Predigt“ ist der Titel des vierten Teils von Eva Almstädts „Akte Nordsee“-Reihe. Wie üblich stehen Anwältin Fentje Jacobsen und ihr Freund, der Journalist Niklas John im Mittelpunkt. Das Verhältnis der beiden ist ja ohnehin eher eine on-off-Beziehung, im Moment sind sie in einer off-Phase. Dennoch ermitteln sie gemeinsam, als in Estherwieck kurz nacheinander zwei Tote gefunden werden. Klingt spannend – ist es aber leider nicht wirklich. Für mich ist der Band der bislang schwächste der Reihe.

Aber von vorn.

Eher widerwillig bringt Fentje ihre Oma zu einer Kirchenfeier im Nachbarort Estherwieck, eines von Gretjes Patenkindern feiert dort Silberne Konfirmation. Bei der festlichen Predigt von Pastor Tammo Gerdes wird Fentje aufmerksam, denn die ist eher untypisch. Und auch sonst ist bei dem Fest vieles sehr unharmonisch, zumal ein schlimmes Ereignis schon vor 25 Jahren die Konfirmation überschattet hatte: beim Konfirmandencamp auf Sylt war eine Konfirmandin betrunken von einem Baum gefallen und die Fraktur im Bein war nie vollständig ausgeheilt, einige Jahre später war die junge Frau bei einem Motorradunfall ums Leben gekommen. Der jetzige Pastor war damals als Betreuer im Camp dabei gewesen. Ausgerechnet Lena, die Cousine der Verunglückten sorgt beim Konfirmationsjubiläum für einen Eklat, da sie sich mit ihrem ex-Mann um das Sorgerecht für den gemeinsamen Sohn streitet. Am Morgen nach der Feier wird der Pastor tot im Watt gefunden. War es ein Unfall oder hat der verwitwete Pfarrer Suizid begangen? Während die Polizei noch in alle Richtungen ermittelt, findet Paul, der beste Freund des Journalisten Niklas John die Leiche von Lena. Unverhofft gerät Niklas unter Verdacht, denn Lena hatte in der Nacht vor ihrem Tod einige Stunden in seiner Wohnung verbracht. Zwar sind Niklas und Fentje momentan getrennt, aber natürlich unterstützt sie ihn dabei, seine Unschuld zu beweisen. Hängen die beiden Todesfälle überhaupt zusammen?

Ich kenne die Serie von Anfang an und bin von diesem Teil nicht besonders angetan. Mir fehlt über weite Strecken die Spannung, das Beziehungsdrama Fentje/Niklas nimmt für mich zu viel Raum ein, dieses ständige Hin und Her nimmt dem Buch die Spannung und mir den Spaß an der Lektüre. Die beiden benehmen sich zum Teil wie unreife verliebte Teenager. Auch das charmante Norddeutsche, das die anderen Teile ausmacht, fehlt mir völlig, denn Oma Gretje hat nur sehr wenige Auftritte im Buch. Da kann die gute Beschreibung der Landschaft, und vor allem der Nordsee, auch nichts gutmachen.

Die Ermittlungen in den Todesfällen sind wie in den anderen Teilen der Reihe auch: viel Intuition, gepaart mit noch mehr Zufällen und der hilfreichen Tatsache, dass auf dem Land jeder jemanden kennt, der jemanden kennt, der hilfreich sein könnte. Schön, aber nicht unbedingt  realistisch. Ärgerlich finde ich einen Fehler, der im Buch gleich zweimal vorkommt. Der GPS-Tracker der Firma Apple heißt „Airtag“ und nicht „Airtac“. Wenn man schon einen sehr speziellen Begriff, sollte man es richtig machen, auch an einigen anderen Stellen hätte dem Buch ein sorgfältiges Lektorat nicht geschadet.

Alles in allem ist das Buch gut und flüssig zu lesen, aber konzeptionell kann es bei mir nicht punkten, obwohl ich die ungewöhnliche Konstellation (das Ermittlerteam besteht aus einer Anwältin und einem Journalisten) sehr mag. Nach einem spannenden Prolog kommt erst einmal über sehr viele Seiten nichts Nennenswertes. Wie der Auftakt zur Geschichte gehört, erfährt die Leserschaft erst einmal nichts, was ich persönlich gut und spannungssteigernd finde. Diese leise aufkeimende Spannung zerredet die Autorin dann aber mir unzähligen Nebensächlichkeiten rund um die silberne Konfirmation und das Konfirmandencamp vor 25, dazu Namen über Namen (die sind natürlich original Norddeutsch, für mich als Schwaben ungewohnt und daher verlor ich ab und zu den Faden und den Überblick). Insgesamt zieht sich der Teil zwischen Prolog und Finale ziemlich, wirklich Fahrt nimmt die Handlung erst im letzten Drittel auf.

Schon der Vorgänger von „Die letzte Predigt“ hatte mich nicht wirklich begeistert, dieser Teil der Reihe kommt über ein „unterhaltsam“ ebenfalls nicht hinaus und ich vergebe drei Sterne. Ich freue mich dennoch auf den nächsten Band und hoffe, dass Eva Almstädt dort zu ihrer gewohnten Form zurückfindet.

Tode, die wir sterben - Roman Voosen/Kerstin Signe Danielsson

Zugegeben, ich kannte das Autorenduo Roman Voosen/Kerstin Signe Danielsson vor der Lektüre von „Tode, die wir sterben“ nicht. Dieses Versäumnis bitte ich zu entschuldigen. Denn die beiden haben mit dem Buch einen Auftakt zu einer Serie geschaffen, der mich wirklich begeistert hat. Das Buch ist nicht nur absolut realistisch, sondern auch bedrückend aktuell.

Aber von vorn.

In Malmö wird der dreizehnjährige Rashid vor einer Pizzeria aus einem Auto heraus erschossen. Ist er ein Zufallsopfer, das zur falschen Zeit am falschen Ort war? Polizeibekannt ist er nicht. Gehörte er trotzdem zu einer der berüchtigten Gangs in Malmö und wurde deshalb erschossen? War es ein terroristischer Anschlag? Oder steckt ein rassistischer Grund dahinter? Droht Schweden womöglich eine neue Welle rassistischer Morde? Dem Ermittler-Duo Svea Karhuu und Jon Nordh läuft die Zeit davon, sie müssen schnell Ergebnisse liefern. Dabei haben beide privat eigentlich genug um die Ohren, Jons Frau war vor einiger Zeit bei einem Unfall ums Leben gekommen und er ist jetzt alleinerziehender Vater von zwei Kindern in Alter von fünf und sieben Jahren. Dazu war seine verstorbene Frau bei ihrem Unfalltod mit Jons Freund und Kollegen zusammen im Wagen gewesen und vermutlich hatten die beiden eine Affäre. Svea wurde nach einem schiefgelaufenen Undercover-Einsatz nach Malmö versetzt. Dieses ungleiche Paar nimmt die Ermittlungen auf, bald gibt es aber ein weiteres Opfer und Rashids bester Freund verschwindet spurlos.

Ich liebe skandinavische Krimis mit speziellen Ermittlern und realem Bezug. Daher hat mich der Klappentext von „Tode, die wir sterben“ direkt angesprochen. Und das Buch hat meine Erwartungen (ich habe bei Krimis nicht wirklich hohe Ansprüche) weit übertroffen. Die Ermittler haben beide ihr Päckchen zu tragen, zudem muss das Duo aus dem frisch verwitweten Jon und der strafversetzten Svea erst einmal aneinander gewöhnen. Jon, der stereotype Schwede (nicht besonders groß, „um die vierzig, schlank, strubbeliges, weizenblondes Haar“) trifft auf Svea, der man mit ihren schwarzen Haaren, den dunklen Augen und der braunen Haut den Migrationshintergrund ansieht, die aber übersetzt schwedische Bärin heißt (Svea heißt schwedisch, Karhuu ist nicht die finnische Sportmarke, sondern heißt in ihrem Heimatdialekt Meänkieli oder Tornedalfinnisch soviel wie Bär).

Die beiden werden vom Autoren-Paar zum Teil sehr plakativ beschrieben, aber sicher sind die Probleme, mit denen Svea aufgrund ihres augenscheinlichen Migrationshintergrunds zu kämpfen hat, realistisch und Jons Kampf, Beruf und die Erziehung zweier trauernden Kinder unter einen Hut zu bringen, ebenfalls. Die privaten Aspekte in ihrer Zusammenarbeit nehmen viel, aber nicht zu viel Raum im Buch ein. Ich konnte mich in beide Protagonisten einfühlen und finde sie hervorragend dargestellt. Die beiden müssen erst noch lernen, einander zu vertrauen und zusammenzuarbeiten, denn bislang bestechen beide durch Alleingänge.

Der Spannungsbogen ist teilweise sehr hoch, die Exkurse ins Privatleben der Ermittler stören nicht, sie sind eher als Verschnaufpausen zu sehen. Geschrieben ist das Buch überwiegend aus Sicht eines außenstehenden Erzählers, der immer nur so viel weiß, wie die Leserschaft. Ein paar „Zwischenkapitel“ sind aus der Perspektive von Taqi und Shishi erzählt, die ein bisschen Einblick in Leben und Gedankengänge von zwei migrantischen Jugendlichen geben.

Da ich die Themen „Schwedische Bandenkriminalität“, „Ausländerfeindlichkeit“ und „weltweiter Rechtsruck“ intensiv in den Medien verfolge, war mir die politische Komponente dieses Krimis bekannt und ich finde sie sehr gut auf- und eingearbeitet. Das Autorenduo schafft für mich den Spagat zwischen Politthriller und Milieustudie sehr gut. Sprachlich ist das Buch gut und flott zu lesen, die vielen Kraftausdrücke und Beleidigungen habe ich erwartet, sie lassen mich beim Lesen dennoch immer wieder zusammenzucken. Ebenfalls sehr nah an der Realität ist der Alltagsrassismus, dem sich Svea ausgesetzt sieht. Selbst ihr Kollege und Partner Jon findet dabei einige Fettnäpfchen, in die er mit voller Wucht tritt.

Mit Jon Nordh und Svea Karhuu haben Roman Voosen und seine Frau Kerstin Signe Danielsson ein interessantes Ermittlerduo mit spannender Vergangenheit und vielen Ecken und Kanten erdacht. Für mich ist „Tode, die wir sterben“ ein gelungener Serienauftakt und ich freue mich auf den nächsten Teil der Serie mit dem Titel „Schwüre, die wir brechen“. Ich empfehle das Buch allen, die Schwedenkrimis, Ermittler mit schwierigem Privatleben und gut durchdachte Krimis mit politischem Hintergrund mögen. Von mir die volle Punktzahl.

Donnerstag, 2. Juli 2026

Hitlers Gefolgsmann - Axel Spilcker

 „Die Wahrheit muss ans Licht. Der Gedanke daran wird mich nicht mehr loslassen“ – so schließt der Historiker und Journalist Axel Spilcker sein Buch „Hitlers Gefolgsmann“ über seinen Großvater Robert Ley. Das Buch ist ein äußerst interessantes und informatives Werk über den Reichsleiter der NSDAP und Leiter des Einheitsverbands Deutsche Arbeitsfront, die Biografie des geistigen Vaters der Freizeitorganisation „Kraft durch Freude“, von Projekten wie dem Volkswagenwerk in Wolfsburg, Prora auf Rügen und den Ordensburgen Vogelsang und Sonthofen. 

Axel Spilcker nähert sich seinem Großvater und dem Rest der Familie kritisch. Das Konstrukt der Sippenhaft ist mir fremd, Fakt ist aber, dass Robert Ley als einer der führenden Nationalsozialisten einer der der 24 Hauptkriegsverbrecher war, die im Nürnberger Prozess angeklagt waren. Einer „der einflussreichsten Agitatoren der Zeit des Nationalsozialismus“ entzog sich der Verurteilung schon vor Prozessbeginn durch Suizid. Spilckers Buch beschreibt sowohl die politische Person Robert Ley als auch den Privatmann. Zugegeben, sympathisch sind sie beide nicht. Der politische Emporkömmling schaffte es, als Bauernsohn aus dem Nichts zu kommen und Karriere zu machen. Protegiert von seinem großen Idol Adolf Hitler konnte der promovierte Chemiker zeitweise seinen Hang zum Größenwahn ausleben. Der Ausbau seines Musterguts Rottland im Bergischen Land wurde beispielsweise von der Reichskanzlei mit gut einer Million Reichsmark bezuschusst. „Endlich kann er [Ley] in seiner Heimat den Menschen zeigen, dass er es ganz nach oben geschafft hat.“ Was vermutlich keiner wusste: Leys Aufstieg wurde zum Teil durch Intrigen und Korruption ermöglicht. 

Dabei war der Politiker auch in der eigenen Partei umstritten. Propagandaminister Joseph Goebbels bezeichnete seine Reden als „Dilettantismus, der zum Himmel schreit“. Weggefährten bezeichneten ihn als „Ochsenfrosch der Partei“ (Lutz Graf Schwerin von Krosigk), als „lächerlichen Kobold“ (Walter Darré) und auch seine Alkoholsucht sorgte für Spott und Häme, wobei Worte wie „Reichstrunkenbold“ und „Immerblau“ fielen. 

„Eine innere Zerrissenheit zieht sich durch die Linien der Angehörigen. Ich habe miterlebt, wie etliche Verwandte Robert Ley noch in den 70er- und 80er-Jahren verehrten.“ So zum Beispiel Spilckers Tante Renate, die älteste Tochter Robert Leys aus seiner ersten Ehe (insgesamt hatte Ley vier eheliche Kinder und einen unehelichen Sohn). Wie auch Ley selbst, sah sie ihn als unschuldig an („Robert Ley hingegen, einer der Architekten des deutschen Gewaltregimes, wähnt sich unschuldig. »Von alledem was ich bisher gefragt worden bin über: deutsche Arbeitsfront, meine Tätigkeit als Reichsorganisationsleiter – ist nichts enthalten, was irgendwie den Menschen Schaden gebracht hätte, sondern Deutschen wie Fremdvölkischen ungeheuren Nutzen und Segen.«“) Dabei hatte er bis zu seinem Tod weder den Antisemitismus noch seine Loyalität zu Adolf Hitler abgelegt. „Eine Schlussfolgerung, die deutlich belegt, dass da einer gar nichts begriffen hat.“ – so lautet ein Fazit, das Axel Spilcker zieht. 

Nach Robert Leys Tod legten die Nachfahren gegen seinen ausdrücklichen Wunsch den Namen „Ley“ ab („Ich habe eine Bitte, meine Kinder sollen nicht ihren Namen ablegen. Er wird wieder vom Volk geehrt und geliebt werden, ich kenne mein deutsches Volk. Die Kinder werden einmal stolz sein, meine Kinder zu sein.“) Auch schaffte die Familie es, sich Besitztümer zurückzuholen. „Ein skandalöses Urteil zugunsten meiner Familie“ nennt Spilcker das Ganze. Man klagt sich nämlich nicht nur Gut Rottland ein. „Selbst kleinere Hinterlassenschaften werden ein Fall für die Justiz“. Das schlechte Gewissen hält sich bei meinen Verwandten in Grenzen. „Wir hatten immer das Gefühl, das gehört uns. Und uns steht das zu“, führt man im Rückblick aus. Noch heute tut sich die Familie schwer, zwischen Gut und Böse bei Robert Ley zu trennen. »Als Politiker, das hat man natürlich nie gutgeheißen. Das wäre ja absurd. Aber wo es um die wirtschaftlichen Vorteile ging, dann schon.«

Das Buch liest sich wie ein spannender Roman. Sprachlich ist es flüssig zu lesen, unterfüttert mit vielen Fußnoten und Verweisen. Leider hat es auch einige sehr ärgerliche Schreibfehler. Aber die störten berufsbedingt vermutlich nur mich. Das Buch ist ein wichtiges Werk, heute vielleicht wichtiger denn je. Es zeigt nicht nur den kometenhaften Aufstieg eines vormals unpolitischen einfachen Bauernsohn. Es zeigt auch den Umgang der Nachwelt mit diesem. Eine Familie, die ihn einerseits teilweise noch als Helden verehrt, auf der anderen Seite aber den verräterischen Nachnamen abgelegt hat. Eine Regierung, die nur halbherzig entnazifiziert und den Nachkommen aus Bequemlichkeit die Besitztümer zurückgibt. Und einen Enkel, der Schuldgefühle für etwas hat, für das er nichts kann. 

Da die Zeitzeugen immer weniger werden, sind Bücher wie dieses noch wichtiger geworden. Ich empfehle es jedem, der der Meinung ist: „Nie wieder ist jetzt!“