„Schatten Eis“ ist der dritte Teil von Anne Nørdbys Serie rund um die Privatermittlerin und Superrecognizerin Marit Rauch Iversen. Dieses Mal ermittelt sie in einem ganz persönlichen Fall und erfährt mehr über ihre Familiengeschichte, als sie es sich jemals hätte träumen können. Ein Buch voller Brutalität und grönländischen Mythen.
Aber von vorn.
Svend Aage Vesterby wird brutal ermordet
in seinem Haus aufgefunden. Wer hat dem 91-jährigen ehemaligen Lehrer eine
Lobotomienadel ins Gehirn getrieben und ihn damit getötet? Und vor allem:
warum? Hat es etwas damit zu tun, dass er als Sozialchef in Nuuk „ein richtig
hohes Tier“ war? Oder damit, dass er von 1982 bis 93 unter der Regierung
Schlüter als Bildungsminister im Folketing war? Anfangs tappen die Ermittler Kirsten
Vinther und Jesper Jørn Bæk völlig im Dunkeln. Als dann aber August Iversen auf
dieselbe Weise getötet wird, nehmen die Ermittlungen Fahrt auf. Iversen ist
nicht nur ehemaliger Richter, sondern auch der Adoptivvater von Kirstens bester
Freundin, der Superrecognizerin Marit Rauch Iversen. Daher bleibt diese bei den
Ermittlungen außen vor, was dazu führt, dass die ehemalige Polizistin und
jetzige Privatermittlerin ihre eigenen Nachforschungen anstellt. Kirsten und
Jesper werden von ihrer Chefin Ann Katrine Therkildsen unter Druck gesetzt, diese
steht wiederum gegenüber dem Justizminister in der Verantwortung, den Fall schnellstmöglich
aufzuklären.
Allerdings sind die Ansätze der Ermittler komplett
anders als die der Politik: während Kirsten und Jesper überzeugt sind, dass die
Motive für die Morde in der Vergangenheit der Toten und in ihrer Beziehung zu
Grönland zu finden sind, ist der Justizminister sicher, dass es sich um Raubmorde handelt. Schließlich fehlt bei Vesterby
ein altes grönländisches Kunstobjekt (ein „Anngiaq“, der Geist, der bösen
Geheimnissen auf der Schliche ist) im Wert von 800.000 Dollar und bei Iversen
eine grönländische Maske im Wert von 200.000 Dollar. Gründliche Ermittlungen
zeigen aber, dass beide Oper vor ihrer Ermordung einen „Unheilsbringer“, einen sogenannten
Tupilak in Form von toten Krähen, versehen mit Attributen ihrer Berufe erhalten
haben. Handelt es sich dabei tatsächlich um „Hokuspokus“ und ein alter Fluch
ist der Grund für die Morde? Oder steckt etwas Weltliches oder Politisches
dahinter? Die vielversprechendste Spur führt zu einem ominösen grönländischen „Herrenclub“,
zu dem beide Opfer gehört hatten. Marit ermittelt auf eigene Faust und findet
Dinge über sich, ihre Herkunftsfamilie und ihre Adoptivfamilie heraus, die sie
sich nie hätte vorstellen können und die ihre Sicht auf alles vollkommen
verändern. Und während sie noch so vor sich hin ermittelt, passiert ein
weiterer Mord und sie selbst erhält ebenfalls einen Tupilak
Dieses Buch geht weit über das eigentliche
Thriller-Genre hinaus, denn die Autorin packt sehr viele aktuelle und politische
Themen hinein. Kolonialismus und die hässlichen Nachwirkungen sind dabei etwas,
was die Autorin aufgreift, Bei vielen der Kolonialverbrechen fehlt bis heute
die lückenlose Aufarbeitung, ob es sich nun um illegale Adoptionen, rechtswidrig
eingesetzte Spiralen oder andere grausame medizinische Eingriffe handelt. Natürlich
darf auch der Bezug zur Drohung des amerikanischen Präsidenten, sich Grönland
einzuverleiben, nicht fehlen.
Sprachlich ist das Buch so, wie ich es von
der Autorin gewohnt bin. Die Atmosphäre ist spannungsgeladen und enorm düster, die
grönländische Landschaft, die Mythen und der tief verwurzelte Aberglaube werden
von Anne Nørdby sehr gut beschrieben. Auch die großen Probleme vieler
Grönländer wie hohe Arbeitslosigkeit, hohe Alkoholikerquote, hohe Zahl an
Suiziden usw. lässt sie nicht aus. Das Buch wirkt dadurch an manchen Stellen
thematisch etwas überladen. Auch, was die Charaktere angeht, bin ich
zwiegespalten. Dafür, dass es „Privatermittlerin Marit Rauch Iversen“-Krimi
ist, spielen zu viele andere eine zu große Rolle. Das Privatleben von Kirsten
Vinther mit ihrer Lebensgefährtin Mimi finde ich eher nebensächlich. Die
Querelen zwischen Kirsten und Jesper auf der einen und Ebert Clausen auf der
anderen sind zwar vermutlich realistisch, hätte man sich in diesem Umfang aber
auch sparen können. Überhaupt finde ich die Charaktere weitgehend wenig gelungen
ausgearbeitet. Marit besticht durch Trotzhandlungen, Kirsten ist eher blass und
Jesper agiert in vielem wie ein verknallter Pennäler.
Was die Spannung angeht, bin ich von dem
Buch begeistert, der Spannungsbogen ist konstant hoch. Die Auflösung des Falls
hingegen finde ich zu banal und hat mich enttäuscht. Da das Buch aber mit einem
Cliffhanger endet, gehe ich davon aus, dass es einen weiteren Teil der Reihe
geben wird, was mich sehr freuen würde.
Von mir gibt es trotz einiger Schwächen
für dieses Buch fünf Sterne.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen
Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.