Freitag, 18. September 2026

Schatten Eis - Anne Nørdby

„Schatten Eis“ ist der dritte Teil von Anne Nørdbys Serie rund um die Privatermittlerin und Superrecognizerin Marit Rauch Iversen. Dieses Mal ermittelt sie in einem ganz persönlichen Fall und erfährt mehr über ihre Familiengeschichte, als sie es sich jemals hätte träumen können. Ein Buch voller Brutalität und grönländischen Mythen.

Aber von vorn.

Svend Aage Vesterby wird brutal ermordet in seinem Haus aufgefunden. Wer hat dem 91-jährigen ehemaligen Lehrer eine Lobotomienadel ins Gehirn getrieben und ihn damit getötet? Und vor allem: warum? Hat es etwas damit zu tun, dass er als Sozialchef in Nuuk „ein richtig hohes Tier“ war? Oder damit, dass er von 1982 bis 93 unter der Regierung Schlüter als Bildungsminister im Folketing war? Anfangs tappen die Ermittler Kirsten Vinther und Jesper Jørn Bæk völlig im Dunkeln. Als dann aber August Iversen auf dieselbe Weise getötet wird, nehmen die Ermittlungen Fahrt auf. Iversen ist nicht nur ehemaliger Richter, sondern auch der Adoptivvater von Kirstens bester Freundin, der Superrecognizerin Marit Rauch Iversen. Daher bleibt diese bei den Ermittlungen außen vor, was dazu führt, dass die ehemalige Polizistin und jetzige Privatermittlerin ihre eigenen Nachforschungen anstellt. Kirsten und Jesper werden von ihrer Chefin Ann Katrine Therkildsen unter Druck gesetzt, diese steht wiederum gegenüber dem Justizminister in der Verantwortung, den Fall schnellstmöglich aufzuklären.

Allerdings sind die Ansätze der Ermittler komplett anders als die der Politik: während Kirsten und Jesper überzeugt sind, dass die Motive für die Morde in der Vergangenheit der Toten und in ihrer Beziehung zu Grönland zu finden sind, ist der Justizminister sicher, dass es sich um  Raubmorde handelt. Schließlich fehlt bei Vesterby ein altes grönländisches Kunstobjekt (ein „Anngiaq“, der Geist, der bösen Geheimnissen auf der Schliche ist) im Wert von 800.000 Dollar und bei Iversen eine grönländische Maske im Wert von 200.000 Dollar. Gründliche Ermittlungen zeigen aber, dass beide Oper vor ihrer Ermordung einen „Unheilsbringer“, einen sogenannten Tupilak in Form von toten Krähen, versehen mit Attributen ihrer Berufe erhalten haben. Handelt es sich dabei tatsächlich um „Hokuspokus“ und ein alter Fluch ist der Grund für die Morde? Oder steckt etwas Weltliches oder Politisches dahinter? Die vielversprechendste Spur führt zu einem ominösen grönländischen „Herrenclub“, zu dem beide Opfer gehört hatten. Marit ermittelt auf eigene Faust und findet Dinge über sich, ihre Herkunftsfamilie und ihre Adoptivfamilie heraus, die sie sich nie hätte vorstellen können und die ihre Sicht auf alles vollkommen verändern. Und während sie noch so vor sich hin ermittelt, passiert ein weiterer Mord und sie selbst erhält ebenfalls einen Tupilak

Dieses Buch geht weit über das eigentliche Thriller-Genre hinaus, denn die Autorin packt sehr viele aktuelle und politische Themen hinein. Kolonialismus und die hässlichen Nachwirkungen sind dabei etwas, was die Autorin aufgreift, Bei vielen der Kolonialverbrechen fehlt bis heute die lückenlose Aufarbeitung, ob es sich nun um illegale Adoptionen, rechtswidrig eingesetzte Spiralen oder andere grausame medizinische Eingriffe handelt. Natürlich darf auch der Bezug zur Drohung des amerikanischen Präsidenten, sich Grönland einzuverleiben, nicht fehlen.

Sprachlich ist das Buch so, wie ich es von der Autorin gewohnt bin. Die Atmosphäre ist spannungsgeladen und enorm düster, die grönländische Landschaft, die Mythen und der tief verwurzelte Aberglaube werden von Anne Nørdby sehr gut beschrieben. Auch die großen Probleme vieler Grönländer wie hohe Arbeitslosigkeit, hohe Alkoholikerquote, hohe Zahl an Suiziden usw. lässt sie nicht aus. Das Buch wirkt dadurch an manchen Stellen thematisch etwas überladen. Auch, was die Charaktere angeht, bin ich zwiegespalten. Dafür, dass es „Privatermittlerin Marit Rauch Iversen“-Krimi ist, spielen zu viele andere eine zu große Rolle. Das Privatleben von Kirsten Vinther mit ihrer Lebensgefährtin Mimi finde ich eher nebensächlich. Die Querelen zwischen Kirsten und Jesper auf der einen und Ebert Clausen auf der anderen sind zwar vermutlich realistisch, hätte man sich in diesem Umfang aber auch sparen können. Überhaupt finde ich die Charaktere weitgehend wenig gelungen ausgearbeitet. Marit besticht durch Trotzhandlungen, Kirsten ist eher blass und Jesper agiert in vielem wie ein verknallter Pennäler.

Was die Spannung angeht, bin ich von dem Buch begeistert, der Spannungsbogen ist konstant hoch. Die Auflösung des Falls hingegen finde ich zu banal und hat mich enttäuscht. Da das Buch aber mit einem Cliffhanger endet, gehe ich davon aus, dass es einen weiteren Teil der Reihe geben wird, was mich sehr freuen würde.

Von mir gibt es trotz einiger Schwächen für dieses Buch fünf Sterne.

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