Dienstag, 25. August 2020

Ans Vorzelt kommen Geranien dran - Renate Bergmann

Rüstige Rentner auf Campingtour

Nach der Kreuzfahrt mit Gertrud muss Renate Bergmann der lieben Gerechtigkeit halber auch mal mit den Gläsers, also mit Ilse und Kurt, verreisen. 80 ist zwar das neue 60 und sie sind vielleicht auf der Zielgeraden ihrer besten Jahre, aber Zelten kam dann aus medizinischen Gründen (Ersatzteile im Körper, Blockaden und überhaupt: das Alter!) doch nicht infrage. Also muss ein Wohnmobil her. Auch wenn Kurt mit seinen 87 Jahren den Schlafwagen besser nicht mehr fahren sollte, er ist ja schon mit dem Koyota ein bisschen überfordert. Herr Alex wässert Katerle und die Pflanzen. Oder auch nicht. Vorsichtshalber nimmt Frau Bergmann die Geranien mit. Weil sie für teuer Geld gedüngt wurden und damit der Platz rund um den Schlafwagen hübsch und einladend wird. So auch der Titel: „Ans Vorzelt kommen Geranien dran“. Und auf geht’s.

Und weiter geht es wie man es von Renate Bergmann gewohnt ist. Sie kommt wild von Hölzchen auf Stöckchen, rauscht mit der Kirche ums Dorf und kein Thema bleibt außen vor und kein Auge trocken und muss mit einem „wo war ich“ den Rückweg zum Thema wiederfinden. Ob jetzt Anglizismen („I-Beiks“), hippe Vornamen, die nicht mal die liebenden Eltern aussprechen können („Säwännah Bijonzie“) oder dass es in der Gemeinschaftsdusche keine Duschhocker gibt – Frau Bergmann kommt nicht nur in der Gegend rund um den Campingplatz herum, sondern auch in allerlei Themen. Jedem, der mal auf einem Campingplatz war, kommt sicher das eine oder andere bekannt vor. Ein penibler Platzwart, nervige Nachbarn und das Problem mit dem Ausrichten der Satellitenschüssel auf dem Dach vom Camper – kennen Se alle, oder?

Und jeder, der mal eine Oma hatte, kennt sicher auch einiges. Mir kam es auf jeden Fall manchmal so vor, als läse ich über meine eigene Oma. Die ist inzwischen 92 und damit gut zehn Jahre älter als Frau Bergmann und nicht ganz so kultig, aber in der Familie schon irgendwie legendär. „Oma, bist du es?“ – wollte ich an manchen Stellen schon rufen. Da habe ich gelesen, dass Ilse Schlagkante in die Paradekissen macht, Frau Bergmann aber nicht. Okay, dann kann Renate Bergmann nicht meine Oma sein.

Ja, vielleicht ist das Thema mit dem 14. Band der Reihe inzwischen ein bisschen abgenutzt und der Charakter ausgereizt. Aber die Wortschöpfungen, die bissigen Kommentare und die tatsächlich vorhandene auch ernstzunehmende Kritik (Esoterik-Geschwurbel von Renates Tochter Kirsten, Anglizismen in der Sprache, dass Schokoladentafeln nur noch 90 statt 100g schwer sind und Kindernamen, die nicht mal die liebenden Eltern aussprechen können) sind immer noch erfrischend und kreativ. Ich fand das Buch obwohl es tatsächlich nicht viel Handlung (aber sehr viel Drumrum) hat, sehr unterhaltsam, locker-flockig zu lesen und manchmal musste ich herzhaft lachen. Sehr lustig auch die „Vertipper“ von Frau Bergmann (wer gerne mal die Autokorrektur nutzt, kennt dieses Problem), da wird aus naiv Navi, aus Rente Renate und der Angetraute wird mal ganz flott zum Angegrauten. In geringerer Dosierung sehr lustig, zu viel davon macht es dann eher nervig. Aber alles in allem hat mich das Buch sehr gut unterhalten, daher vergebe ich 4 Sterne.

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