„Zerbrochene Stille“ heißt Arnaldur Indriðasons sechster Roman um den ehemaligen Kommissar Konráð. Dieser versucht nach wie vor, den jahrzehntelang zurückliegenden Mord an seinem Vater Seppi aufzuklären, der Weg zur Lösung dieses Falls führt ihn aber wie immer über Ermittlungen in anderen Verbrechen. Dieses Mal unterstützt er die Polizei bei der Aufklärung eines Mordfalls, der ihn tief in die isländische Geschichte des kalten Krieges eintauchen lässt.
Aber
von vorn.
Im
Hafravatn, einem See in der Nähe von Reykjavík, wird ein Tourist tot
aufgefunden, offenbar wurde er ermordet. Erste Ermittlungen ergeben, dass er
zwar als Urlauber in der Gegend war, er war aber ursprünglich in Island geboren
und aufgewachsen und in den 1980ern nach Norwegen ausgewandert. Vor seiner
Auswanderung hatte er zusammen mit einem Freund eine chemische Reinigung
betrieben; dieser Freund verschwand 1983 spurlos. Parallel zu diesem Todesfall beschäftigt
Konráð immer noch der „Fall Skafti“, ein Vermisstenfall aus den 1970ern. Vor
einigen Wochen (am Ende des fünften Teils der Serie „Dunkles Versteck“) waren Skaftis
sterbliche Überreste gefunden worden und die Nachforschungen in dem gut 50
Jahre alten Fall hatten „Polizei und Justiz erschüttert“. Konráð und sein Freund
und ehemaliger Kollege Leó hatten seinerzeit wegen Skaftis Verschwinden
offenbar einen Unschuldigen ins Gefängnis gebracht. Leó hatte damals das falsche
Geständnis erwirkt, außerdem weiß Konráð inzwischen, dass seine verstorbene
Frau Erna ihn mit Leó betrogen hat. Das alles belastet die Freundschaft
zwischen den beiden sehr. Zudem beschäftigt Konráð auch immer noch der nach wie
vor unaufgeklärte Mord an seinem Vater. Könnte es sein, dass die Fälle alle zusammenhängen?
Dieses
Mal hat Arnaldur Indriðason seinen Mordfall als Aufhänger benutzt, sich näher
mit dem kalten Krieg in Island zu befassen. Inwieweit die Fakten dazu stimmen,
kann ich nur beurteilen, aber ich bin mir sicher, der Autor hat gründlich zum
Thema recherchiert. Wirklich begeistert hat mich aber auch bei diesem Buch
wieder der Schreibstil. Er passt einfach zu Konráð, denn auch er wirkt etwas
unnahbar, ein bisschen verworren, aber ruhig, sachlich und stur. Er ist ein
Einzelgänger und inzwischen wohl endgültig getrennt von seiner ehemaligen
Lebensgefährtin Svanhildur, diese wird im ganzen Buch nicht einmal erwähnt. Dafür
gibt es ein Wiedersehen mit seiner Freundin, dem Medium Eygló.
Bemerkenswert
an der Krimiserie finde ich, dass der Autor eine unfassbar komplexe Geschichte über
mehrere Teile weiterspinnt und seinen Protagonisten Konráð praktisch als
„Beifang“ andere Fälle lösen lässt. Er verwebt verschiedene Erzählebenen,
unterschiedliche Zeitebenen und vollkommen verschiedene Leben miteinander und
schafft es dennoch, alles zu einem stimmigen Schluss zu bringen. Vorläufig.
Denn Konráðs großes Ziel ist die Aufklärung des Mordes an seinem Vater. Dem
kommt er zwar stetig näher, aber da ist noch kein richtiges Ende in Sicht. Frei
nach dem Motto „mühsam ernährt sich das Eichhörnchen“ hangelt Konráð sich von
Verdächtigem zu Verdächtigem und nicht nur er verliert manchmal den Überblick,
wer Freund und wer Feind ist.
Um
den Überblick zu behalten, empfiehlt es sich auch nicht, ohne Vorkenntnisse in
die Serie einzusteigen. Das Buch ist der sechste Teil der Reihe und ich finde,
man sollte sie wirklich alle in der richtigen Reihenfolge lesen. Ich habe mit
Band drei angefangen und schon da war es nicht einfach, den roten Faden
aufzunehmen. So viele Namen, so viele Ereignisse – da verliert man sehr leicht
den Über- und Durchblick. Wer sich die Mühe machen möchte, der kann am besten
ein Personenregister anlegen und die Zusammenhänge aufdröseln, das ist auch
angesichts der (für mich zumindest) sehr ungewohnten isländischen Namen eine
gute Idee.
Die
anderen Teile der Serie sind schon eher latent spannend, aber dieses Werk ist
mehr ein Roman über den Kalten Krieg, größere und kleinere Gauner und
Verbrecher, Zwistigkeiten in Familien und zwischen Freunden. Der Spannungsbogen
ist flach, dafür gibt es enorm viele verwirrende Sprünge vor und zurück in der
Zeitlinie. Wer einen aufregenden Krimi erwartet, wird bei dem Buch vermutlich
trotz des wirklich guten Schreibstils und der hervorragenden Übersetzung
enttäuscht sein. Die Geschichte ist anspruchsvoll und vielschichtig und es
dauert bis kurz vor Schluss, bis man endlich weiß, wie der Prolog und das erste
Kapitel mit dem Rest zusammenhängen.
Von
mir gibt es vier Sterne und eine Lese-Empfehlung an alle, die den Autor mögen
und die Serie weiterverfolgen möchten.
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