Samstag, 22. August 2026

Zerbrochene Stille - Arnaldur Indriðason

„Zerbrochene Stille“ heißt Arnaldur Indriðasons sechster Roman um den ehemaligen Kommissar Konráð. Dieser versucht nach wie vor, den jahrzehntelang zurückliegenden Mord an seinem Vater Seppi aufzuklären, der Weg zur Lösung dieses Falls führt ihn aber wie immer über Ermittlungen in anderen Verbrechen. Dieses Mal unterstützt er die Polizei bei der Aufklärung eines Mordfalls, der ihn tief in die isländische Geschichte des kalten Krieges eintauchen lässt.

Aber von vorn.

Im Hafravatn, einem See in der Nähe von Reykjavík, wird ein Tourist tot aufgefunden, offenbar wurde er ermordet. Erste Ermittlungen ergeben, dass er zwar als Urlauber in der Gegend war, er war aber ursprünglich in Island geboren und aufgewachsen und in den 1980ern nach Norwegen ausgewandert. Vor seiner Auswanderung hatte er zusammen mit einem Freund eine chemische Reinigung betrieben; dieser Freund verschwand 1983 spurlos. Parallel zu diesem Todesfall beschäftigt Konráð immer noch der „Fall Skafti“, ein Vermisstenfall aus den 1970ern. Vor einigen Wochen (am Ende des fünften Teils der Serie „Dunkles Versteck“) waren Skaftis sterbliche Überreste gefunden worden und die Nachforschungen in dem gut 50 Jahre alten Fall hatten „Polizei und Justiz erschüttert“. Konráð und sein Freund und ehemaliger Kollege Leó hatten seinerzeit wegen Skaftis Verschwinden offenbar einen Unschuldigen ins Gefängnis gebracht. Leó hatte damals das falsche Geständnis erwirkt, außerdem weiß Konráð inzwischen, dass seine verstorbene Frau Erna ihn mit Leó betrogen hat. Das alles belastet die Freundschaft zwischen den beiden sehr. Zudem beschäftigt Konráð auch immer noch der nach wie vor unaufgeklärte Mord an seinem Vater. Könnte es sein, dass die Fälle alle zusammenhängen?

Dieses Mal hat Arnaldur Indriðason seinen Mordfall als Aufhänger benutzt, sich näher mit dem kalten Krieg in Island zu befassen. Inwieweit die Fakten dazu stimmen, kann ich nur beurteilen, aber ich bin mir sicher, der Autor hat gründlich zum Thema recherchiert. Wirklich begeistert hat mich aber auch bei diesem Buch wieder der Schreibstil. Er passt einfach zu Konráð, denn auch er wirkt etwas unnahbar, ein bisschen verworren, aber ruhig, sachlich und stur. Er ist ein Einzelgänger und inzwischen wohl endgültig getrennt von seiner ehemaligen Lebensgefährtin Svanhildur, diese wird im ganzen Buch nicht einmal erwähnt. Dafür gibt es ein Wiedersehen mit seiner Freundin, dem Medium Eygló.

Bemerkenswert an der Krimiserie finde ich, dass der Autor eine unfassbar komplexe Geschichte über mehrere Teile weiterspinnt und seinen Protagonisten Konráð praktisch als „Beifang“ andere Fälle lösen lässt. Er verwebt verschiedene Erzählebenen, unterschiedliche Zeitebenen und vollkommen verschiedene Leben miteinander und schafft es dennoch, alles zu einem stimmigen Schluss zu bringen. Vorläufig. Denn Konráðs großes Ziel ist die Aufklärung des Mordes an seinem Vater. Dem kommt er zwar stetig näher, aber da ist noch kein richtiges Ende in Sicht. Frei nach dem Motto „mühsam ernährt sich das Eichhörnchen“ hangelt Konráð sich von Verdächtigem zu Verdächtigem und nicht nur er verliert manchmal den Überblick, wer Freund und wer Feind ist.

Um den Überblick zu behalten, empfiehlt es sich auch nicht, ohne Vorkenntnisse in die Serie einzusteigen. Das Buch ist der sechste Teil der Reihe und ich finde, man sollte sie wirklich alle in der richtigen Reihenfolge lesen. Ich habe mit Band drei angefangen und schon da war es nicht einfach, den roten Faden aufzunehmen. So viele Namen, so viele Ereignisse – da verliert man sehr leicht den Über- und Durchblick. Wer sich die Mühe machen möchte, der kann am besten ein Personenregister anlegen und die Zusammenhänge aufdröseln, das ist auch angesichts der (für mich zumindest) sehr ungewohnten isländischen Namen eine gute Idee.

Die anderen Teile der Serie sind schon eher latent spannend, aber dieses Werk ist mehr ein Roman über den Kalten Krieg, größere und kleinere Gauner und Verbrecher, Zwistigkeiten in Familien und zwischen Freunden. Der Spannungsbogen ist flach, dafür gibt es enorm viele verwirrende Sprünge vor und zurück in der Zeitlinie. Wer einen aufregenden Krimi erwartet, wird bei dem Buch vermutlich trotz des wirklich guten Schreibstils und der hervorragenden Übersetzung enttäuscht sein. Die Geschichte ist anspruchsvoll und vielschichtig und es dauert bis kurz vor Schluss, bis man endlich weiß, wie der Prolog und das erste Kapitel mit dem Rest zusammenhängen.

Von mir gibt es vier Sterne und eine Lese-Empfehlung an alle, die den Autor mögen und die Serie weiterverfolgen möchten.  

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.