Dienstag, 2. Juni 2026

Vilhelms Zimmer - Tove Ditlevsen

Tove Ditlevsens Werk unabhängig von ihrer Biografie zu lesen, scheint mir unmöglich. Daher habe ich mich vor der Lektüre von „Vilhelms Zimmer“ auch noch einmal eingehend mit der Vita der dänischen Schriftstellerin befasst. Ihre „Kopenhagen-Trilogie“ kannte ich bereits, ebenso „Gesichter“. Lise Mundus, die Hauptfigur in „Vilhelms Zimmer“, ist so etwas wie Tove Ditlevsens „alter ego“, denn sie war auch in „Gesichter“ aus dem Jahr 1968 die tragende Figur. Oder auch die „tragische Figur“. „Vilhelms Zimmer“ erschien 1975 und war das letzte von ihr selbst veröffentlichte Werk, ein Jahr später beging Tove Ditlevsens Suizid. Jetzt gibt es das Buch auch auf Deutsch, meisterlich übersetzt von Ursel Allenstein, die auch ein erklärendes und wichtiges Nachwort dazu verfasst hat.

Aber von vorn.

Die Schriftstellerin Lise Mundus ist 51 Jahre alt, als sie nach der Trennung von ihrem Mann Vilhelm in der Psychiatrie landet. Die toxische Ehe hat in den 20 Jahren ihres Bestands Spuren bei ihr hinterlassen, daher ist es nicht ihr erster Aufenthalt in der Klinik. Jetzt hat Vilhelm sie endgültig verlassen, er ist mit seiner Geliebten Mille zusammengezogen, obwohl diese „weder jung noch hübsch oder intelligent war, dafür aber eine Herzenskälte besaß, die selbst die unsere übertraf“. Zurück bleiben also Lise, ihr „prächtiger Sohn“ Tom und ein leeres Zimmer. Die „vorübergehend von einer Nervenkrise außer Gefecht gesetzte“ Lise, „eine Größe der dänischen Literatur“,  sucht daher also per Zeitungsanzeige einen Mann, „Autofahrer bevorzugt.“ Kurt meldet sich auf die Anzeige und zieht nicht nur in Vilhelms leerstehendes Zimmer ein, sondern zieht auch Vilhelms zurückgelassene Anzüge an. Er ist 20 Jahre jünger als Lise und füllt die Lücke, die Vilhelm hinterlassen hat. Und das Leben geht weiter, bis zu dem Punkt, an dem es eben nicht mehr weitergeht.

„Vilhelms Zimmer“ ist Tove Ditlevsens letztes Buch und damit ihr literarisches Vermächtnis. Wie von ihr nicht anders gewohnt, steckt unendlich viel von ihr selbst in den geschriebenen Zeilen. Es wirkt ein bisschen so, als habe sie eine imaginäre Checkliste anhand ihres Lebens beim Schreiben abgehakt: toxische Ehe? Check! Fremdgehender Ehemann? Check! Depression, Sucht, Suizidversuche, Psychiatrie? Jawohl, Haken dran! Diese Themen bestimmten ihr Leben und ihr Werk. 

Ähnlich einer Kurzgeschichte wird die Leserschaft bei den meisten Büchern von Tove Ditlevsen direkt in die Handlung geworfen, das „Vorher“ muss man sich während der Lektüre erarbeiten. Stilistisch ist das Buch ebenfalls so, wie ich es von der Autorin erwartet habe. Sprachlich dicht, ein bisschen verworren, teilweise sehr lange und anspruchsvoll konstruierte Sätze und eine Unmenge an Informationen in den Zeilen, aber auch dazwischen. Schlecht für mich, weil ich ein notorischer Quer-Leser bin. Tove Ditlevsen überlässt nichts dem Zufall, bei ihr sitzt jedes Wort, jeder Satz, jedes Komma. Allerdings schreibt sie meist seltsam emotionslos. Ist es die Abgeklärtheit, die die Distanz schafft oder die betäubende Wirkung der Substanzen, die sowohl sie als auch ihre Protagonistin konsumierten?

Die Beschreibungen der Charaktere ist ebenfalls „typisch Ditlevsen“. Die Männer sind eher einfach gestrickt: Vilhelm ist ein notorisch fremdgehender Trinker, der seine Frauen unterdrückt und „sein Ding durchzieht“. Lise ist da komplexer. Sie ist Hausfrau, Autorin und Mutter, wird von ihm aber in die Rolle der unterwürfigen, ja hörigen, grauen Maus gedrängt. Diese lässt sie zusammen mit ihrer Ehe hinter sich, bleibt ihrem Mann aber emotional verbunden, er füllt viel zu oft ihre Gedanken und bestimmt auch aus der Ferne noch einen Teil ihres Handelns, sie wird ja auch durch Vilhelms leerstehendes Zimmer ständig an ihn erinnert.

Das Buch ist sicher eine realistische Beschreibung vieler Ehen, vor allem der Zeit des aufkeimenden Feminismus. Allerdings scheitern Ditlevsens Protagonistinnen meistens bei ihrem Versuch, sich aus der Hassliebe zu befreien – so, wie sie selbst es, nicht zuletzt aufgrund ihrer Suchterkrankung, auch nie wirklich geschafft hat. Das Buch wirkt daher eher zeitlos als nostalgisch oder altbacken.

„Mein einziger, leidenschaftlicher Wunsch besteht darin, das Buch meines Lebens über dich und mich zu schreiben, nicht als Racheakt, sondern einfach nur als Geschichte über eine große Liebe und deren Scheitern“ – so zitiert Übersetzerin Ursel Allenstein einen Brief Tove Ditlevsens an ihren ex-Mann Victor Andreasen. Herausgekommen ist ein schwieriges und schonungslos ehrliches Buch, das mich tief bewegt hat.

 

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