Tove Ditlevsens Werk unabhängig von ihrer Biografie zu lesen, scheint mir unmöglich. Daher habe ich mich vor der Lektüre von „Vilhelms Zimmer“ auch noch einmal eingehend mit der Vita der dänischen Schriftstellerin befasst. Ihre „Kopenhagen-Trilogie“ kannte ich bereits, ebenso „Gesichter“. Lise Mundus, die Hauptfigur in „Vilhelms Zimmer“, ist so etwas wie Tove Ditlevsens „alter ego“, denn sie war auch in „Gesichter“ aus dem Jahr 1968 die tragende Figur. Oder auch die „tragische Figur“. „Vilhelms Zimmer“ erschien 1975 und war das letzte von ihr selbst veröffentlichte Werk, ein Jahr später beging Tove Ditlevsens Suizid. Jetzt gibt es das Buch auch auf Deutsch, meisterlich übersetzt von Ursel Allenstein, die auch ein erklärendes und wichtiges Nachwort dazu verfasst hat.
Aber
von vorn.
Die
Schriftstellerin Lise Mundus ist 51 Jahre alt, als sie nach der Trennung von
ihrem Mann Vilhelm in der Psychiatrie landet. Die toxische Ehe hat in den 20
Jahren ihres Bestands Spuren bei ihr hinterlassen, daher ist es nicht ihr
erster Aufenthalt in der Klinik. Jetzt hat Vilhelm sie endgültig verlassen, er
ist mit seiner Geliebten Mille zusammengezogen, obwohl diese „weder jung noch
hübsch oder intelligent war, dafür aber eine Herzenskälte besaß, die selbst die
unsere übertraf“. Zurück bleiben also Lise, ihr „prächtiger Sohn“ Tom und ein
leeres Zimmer. Die „vorübergehend von einer Nervenkrise außer Gefecht gesetzte“
Lise, „eine Größe der dänischen Literatur“,
sucht daher also per Zeitungsanzeige einen Mann, „Autofahrer bevorzugt.“
Kurt meldet sich auf die Anzeige und zieht nicht nur in Vilhelms leerstehendes
Zimmer ein, sondern zieht auch Vilhelms zurückgelassene Anzüge an. Er ist 20
Jahre jünger als Lise und füllt die Lücke, die Vilhelm hinterlassen hat. Und
das Leben geht weiter, bis zu dem Punkt, an dem es eben nicht mehr weitergeht.
„Vilhelms
Zimmer“ ist Tove Ditlevsens letztes Buch und damit ihr literarisches
Vermächtnis. Wie von ihr nicht anders gewohnt, steckt unendlich viel von ihr
selbst in den geschriebenen Zeilen. Es wirkt ein bisschen so, als habe sie eine
imaginäre Checkliste anhand ihres Lebens beim Schreiben abgehakt: toxische Ehe?
Check! Fremdgehender Ehemann? Check! Depression, Sucht, Suizidversuche,
Psychiatrie? Jawohl, Haken dran! Diese Themen bestimmten ihr Leben und ihr
Werk.
Ähnlich
einer Kurzgeschichte wird die Leserschaft bei den meisten Büchern von Tove
Ditlevsen direkt in die Handlung geworfen, das „Vorher“ muss man sich während
der Lektüre erarbeiten. Stilistisch ist das Buch ebenfalls so, wie ich es von
der Autorin erwartet habe. Sprachlich dicht, ein bisschen verworren, teilweise
sehr lange und anspruchsvoll konstruierte Sätze und eine Unmenge an
Informationen in den Zeilen, aber auch dazwischen. Schlecht für mich, weil ich
ein notorischer Quer-Leser bin. Tove Ditlevsen überlässt nichts dem Zufall, bei
ihr sitzt jedes Wort, jeder Satz, jedes Komma. Allerdings schreibt sie meist
seltsam emotionslos. Ist es die Abgeklärtheit, die die Distanz schafft oder die
betäubende Wirkung der Substanzen, die sowohl sie als auch ihre Protagonistin
konsumierten?
Die
Beschreibungen der Charaktere ist ebenfalls „typisch Ditlevsen“. Die Männer
sind eher einfach gestrickt: Vilhelm ist ein notorisch fremdgehender Trinker,
der seine Frauen unterdrückt und „sein Ding durchzieht“. Lise ist da komplexer.
Sie ist Hausfrau, Autorin und Mutter, wird von ihm aber in die Rolle der
unterwürfigen, ja hörigen, grauen Maus gedrängt. Diese lässt sie zusammen mit
ihrer Ehe hinter sich, bleibt ihrem Mann aber emotional verbunden, er füllt
viel zu oft ihre Gedanken und bestimmt auch aus der Ferne noch einen Teil ihres
Handelns, sie wird ja auch durch Vilhelms leerstehendes Zimmer ständig an ihn
erinnert.
Das
Buch ist sicher eine realistische Beschreibung vieler Ehen, vor allem der Zeit
des aufkeimenden Feminismus. Allerdings scheitern Ditlevsens Protagonistinnen
meistens bei ihrem Versuch, sich aus der Hassliebe zu befreien – so, wie sie
selbst es, nicht zuletzt aufgrund ihrer Suchterkrankung, auch nie wirklich
geschafft hat. Das Buch wirkt daher eher zeitlos als nostalgisch oder
altbacken.
„Mein
einziger, leidenschaftlicher Wunsch besteht darin, das Buch meines Lebens über
dich und mich zu schreiben, nicht als Racheakt, sondern einfach nur als
Geschichte über eine große Liebe und deren Scheitern“ – so zitiert Übersetzerin
Ursel Allenstein einen Brief Tove Ditlevsens an ihren ex-Mann Victor Andreasen.
Herausgekommen ist ein schwieriges und schonungslos ehrliches Buch, das mich
tief bewegt hat.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen
Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.