Donnerstag, 2. Juli 2026

Hitlers Gefolgsmann - Axel Spilcker

 „Die Wahrheit muss ans Licht. Der Gedanke daran wird mich nicht mehr loslassen“ – so schließt der Historiker und Journalist Axel Spilcker sein Buch „Hitlers Gefolgsmann“ über seinen Großvater Robert Ley. Das Buch ist ein äußerst interessantes und informatives Werk über den Reichsleiter der NSDAP und Leiter des Einheitsverbands Deutsche Arbeitsfront, die Biografie des geistigen Vaters der Freizeitorganisation „Kraft durch Freude“, von Projekten wie dem Volkswagenwerk in Wolfsburg, Prora auf Rügen und den Ordensburgen Vogelsang und Sonthofen. 

Axel Spilcker nähert sich seinem Großvater und dem Rest der Familie kritisch. Das Konstrukt der Sippenhaft ist mir fremd, Fakt ist aber, dass Robert Ley als einer der führenden Nationalsozialisten einer der der 24 Hauptkriegsverbrecher war, die im Nürnberger Prozess angeklagt waren. Einer „der einflussreichsten Agitatoren der Zeit des Nationalsozialismus“ entzog sich der Verurteilung schon vor Prozessbeginn durch Suizid. Spilckers Buch beschreibt sowohl die politische Person Robert Ley als auch den Privatmann. Zugegeben, sympathisch sind sie beide nicht. Der politische Emporkömmling schaffte es, als Bauernsohn aus dem Nichts zu kommen und Karriere zu machen. Protegiert von seinem großen Idol Adolf Hitler konnte der promovierte Chemiker zeitweise seinen Hang zum Größenwahn ausleben. Der Ausbau seines Musterguts Rottland im Bergischen Land wurde beispielsweise von der Reichskanzlei mit gut einer Million Reichsmark bezuschusst. „Endlich kann er [Ley] in seiner Heimat den Menschen zeigen, dass er es ganz nach oben geschafft hat.“ Was vermutlich keiner wusste: Leys Aufstieg wurde zum Teil durch Intrigen und Korruption ermöglicht. 

Dabei war der Politiker auch in der eigenen Partei umstritten. Propagandaminister Joseph Goebbels bezeichnete seine Reden als „Dilettantismus, der zum Himmel schreit“. Weggefährten bezeichneten ihn als „Ochsenfrosch der Partei“ (Lutz Graf Schwerin von Krosigk), als „lächerlichen Kobold“ (Walter Darré) und auch seine Alkoholsucht sorgte für Spott und Häme, wobei Worte wie „Reichstrunkenbold“ und „Immerblau“ fielen. 

„Eine innere Zerrissenheit zieht sich durch die Linien der Angehörigen. Ich habe miterlebt, wie etliche Verwandte Robert Ley noch in den 70er- und 80er-Jahren verehrten.“ So zum Beispiel Spilckers Tante Renate, die älteste Tochter Robert Leys aus seiner ersten Ehe (insgesamt hatte Ley vier eheliche Kinder und einen unehelichen Sohn). Wie auch Ley selbst, sah sie ihn als unschuldig an („Robert Ley hingegen, einer der Architekten des deutschen Gewaltregimes, wähnt sich unschuldig. »Von alledem was ich bisher gefragt worden bin über: deutsche Arbeitsfront, meine Tätigkeit als Reichsorganisationsleiter – ist nichts enthalten, was irgendwie den Menschen Schaden gebracht hätte, sondern Deutschen wie Fremdvölkischen ungeheuren Nutzen und Segen.«“) Dabei hatte er bis zu seinem Tod weder den Antisemitismus noch seine Loyalität zu Adolf Hitler abgelegt. „Eine Schlussfolgerung, die deutlich belegt, dass da einer gar nichts begriffen hat.“ – so lautet ein Fazit, das Axel Spilcker zieht. 

Nach Robert Leys Tod legten die Nachfahren gegen seinen ausdrücklichen Wunsch den Namen „Ley“ ab („Ich habe eine Bitte, meine Kinder sollen nicht ihren Namen ablegen. Er wird wieder vom Volk geehrt und geliebt werden, ich kenne mein deutsches Volk. Die Kinder werden einmal stolz sein, meine Kinder zu sein.“) Auch schaffte die Familie es, sich Besitztümer zurückzuholen. „Ein skandalöses Urteil zugunsten meiner Familie“ nennt Spilcker das Ganze. Man klagt sich nämlich nicht nur Gut Rottland ein. „Selbst kleinere Hinterlassenschaften werden ein Fall für die Justiz“. Das schlechte Gewissen hält sich bei meinen Verwandten in Grenzen. „Wir hatten immer das Gefühl, das gehört uns. Und uns steht das zu“, führt man im Rückblick aus. Noch heute tut sich die Familie schwer, zwischen Gut und Böse bei Robert Ley zu trennen. »Als Politiker, das hat man natürlich nie gutgeheißen. Das wäre ja absurd. Aber wo es um die wirtschaftlichen Vorteile ging, dann schon.«

Das Buch liest sich wie ein spannender Roman. Sprachlich ist es flüssig zu lesen, unterfüttert mit vielen Fußnoten und Verweisen. Leider hat es auch einige sehr ärgerliche Schreibfehler. Aber die störten berufsbedingt vermutlich nur mich. Das Buch ist ein wichtiges Werk, heute vielleicht wichtiger denn je. Es zeigt nicht nur den kometenhaften Aufstieg eines vormals unpolitischen einfachen Bauernsohn. Es zeigt auch den Umgang der Nachwelt mit diesem. Eine Familie, die ihn einerseits teilweise noch als Helden verehrt, auf der anderen Seite aber den verräterischen Nachnamen abgelegt hat. Eine Regierung, die nur halbherzig entnazifiziert und den Nachkommen aus Bequemlichkeit die Besitztümer zurückgibt. Und einen Enkel, der Schuldgefühle für etwas hat, für das er nichts kann. 

Da die Zeitzeugen immer weniger werden, sind Bücher wie dieses noch wichtiger geworden. Ich empfehle es jedem, der der Meinung ist: „Nie wieder ist jetzt!“


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