Zugegeben, ich kannte das Autorenduo Roman Voosen/Kerstin Signe Danielsson vor der Lektüre von „Tode, die wir sterben“ nicht. Dieses Versäumnis bitte ich zu entschuldigen. Denn die beiden haben mit dem Buch einen Auftakt zu einer Serie geschaffen, der mich wirklich begeistert hat. Das Buch ist nicht nur absolut realistisch, sondern auch bedrückend aktuell.
Aber von
vorn.
In Malmö
wird der dreizehnjährige Rashid vor einer Pizzeria aus einem Auto heraus
erschossen. Ist er ein Zufallsopfer, das zur falschen Zeit am falschen Ort war?
Polizeibekannt ist er nicht. Gehörte er trotzdem zu einer der berüchtigten
Gangs in Malmö und wurde deshalb erschossen? War es ein terroristischer
Anschlag? Oder steckt ein rassistischer Grund dahinter? Droht Schweden
womöglich eine neue Welle rassistischer Morde? Dem Ermittler-Duo Svea Karhuu
und Jon Nordh läuft die Zeit davon, sie müssen schnell Ergebnisse liefern.
Dabei haben beide privat eigentlich genug um die Ohren, Jons Frau war vor
einiger Zeit bei einem Unfall ums Leben gekommen und er ist jetzt
alleinerziehender Vater von zwei Kindern in Alter von fünf und sieben Jahren.
Dazu war seine verstorbene Frau bei ihrem Unfalltod mit Jons Freund und
Kollegen zusammen im Wagen gewesen und vermutlich hatten die beiden eine
Affäre. Svea wurde nach einem schiefgelaufenen Undercover-Einsatz nach Malmö
versetzt. Dieses ungleiche Paar nimmt die Ermittlungen auf, bald gibt es aber
ein weiteres Opfer und Rashids bester Freund verschwindet spurlos.
Ich liebe
skandinavische Krimis mit speziellen Ermittlern und realem Bezug. Daher hat
mich der Klappentext von „Tode, die wir sterben“ direkt angesprochen. Und das
Buch hat meine Erwartungen (ich habe bei Krimis nicht wirklich hohe Ansprüche)
weit übertroffen. Die Ermittler haben beide ihr Päckchen zu tragen, zudem muss
das Duo aus dem frisch verwitweten Jon und der strafversetzten Svea erst einmal
aneinander gewöhnen. Jon, der stereotype Schwede (nicht besonders groß, „um die
vierzig, schlank, strubbeliges, weizenblondes Haar“) trifft auf Svea, der man
mit ihren schwarzen Haaren, den dunklen Augen und der braunen Haut den
Migrationshintergrund ansieht, die aber übersetzt schwedische Bärin heißt (Svea
heißt schwedisch, Karhuu ist nicht die finnische Sportmarke, sondern heißt in
ihrem Heimatdialekt Meänkieli oder Tornedalfinnisch soviel wie Bär).
Die beiden
werden vom Autoren-Paar zum Teil sehr plakativ beschrieben, aber sicher sind
die Probleme, mit denen Svea aufgrund ihres augenscheinlichen
Migrationshintergrunds zu kämpfen hat, realistisch und Jons Kampf, Beruf und
die Erziehung zweier trauernden Kinder unter einen Hut zu bringen, ebenfalls. Die
privaten Aspekte in ihrer Zusammenarbeit nehmen viel, aber nicht zu viel Raum
im Buch ein. Ich konnte mich in beide Protagonisten einfühlen und finde sie
hervorragend dargestellt. Die beiden müssen erst noch lernen, einander zu
vertrauen und zusammenzuarbeiten, denn bislang bestechen beide durch
Alleingänge.
Der
Spannungsbogen ist teilweise sehr hoch, die Exkurse ins Privatleben der
Ermittler stören nicht, sie sind eher als Verschnaufpausen zu sehen. Geschrieben
ist das Buch überwiegend aus Sicht eines außenstehenden Erzählers, der immer
nur so viel weiß, wie die Leserschaft. Ein paar „Zwischenkapitel“ sind aus der
Perspektive von Taqi und Shishi erzählt, die ein bisschen Einblick in Leben und
Gedankengänge von zwei migrantischen Jugendlichen geben.
Da ich die
Themen „Schwedische Bandenkriminalität“, „Ausländerfeindlichkeit“ und
„weltweiter Rechtsruck“ intensiv in den Medien verfolge, war mir die politische
Komponente dieses Krimis bekannt und ich finde sie sehr gut auf- und
eingearbeitet. Das Autorenduo schafft für mich den Spagat zwischen
Politthriller und Milieustudie sehr gut. Sprachlich ist das Buch gut und flott
zu lesen, die vielen Kraftausdrücke und Beleidigungen habe ich erwartet, sie
lassen mich beim Lesen dennoch immer wieder zusammenzucken. Ebenfalls sehr nah
an der Realität ist der Alltagsrassismus, dem sich Svea ausgesetzt sieht.
Selbst ihr Kollege und Partner Jon findet dabei einige Fettnäpfchen, in die er
mit voller Wucht tritt.
Mit Jon
Nordh und Svea Karhuu haben Roman Voosen und seine Frau Kerstin Signe
Danielsson ein interessantes Ermittlerduo mit spannender Vergangenheit und
vielen Ecken und Kanten erdacht. Für mich ist „Tode, die wir sterben“ ein
gelungener Serienauftakt und ich freue mich auf den nächsten Teil der Serie mit
dem Titel „Schwüre, die wir brechen“. Ich empfehle das Buch allen, die
Schwedenkrimis, Ermittler mit schwierigem Privatleben und gut durchdachte
Krimis mit politischem Hintergrund mögen. Von mir die volle Punktzahl.
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